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Ein Vierteljahrhundert alt und kein bisschen leise: Das 25. Filmfest Hamburg

Filmfest HamburgOrkanartige Böen fegten über die Hansestadt hinweg, die Bahnen in Norddeutschland waren ausgefallen, aber die Hamburger zogen am Abend des 5. Oktober ungerührt Regenmäntel über ihre Abendgarderobe und kamen ins Cinemaxx, um bei der Eröffnung des 25. Filmfests Hamburg dabei sein zu können. „Hätte ich bloß keine gelben Friesennerze auf den Titel des Programmheftes drucken lassen“, scherzte Albert Wiederspiel, Leiter des Filmfests Hamburg. Auf der Leinwand leuchtete dafür die Sonne über der Wüste Arizonas, und nach dem zauberhaften Eröffnungsfilm „Lucky“ von John Carroll Lynch lächelten die Zuschauer sogar während des erneuten Regenschauers auf dem Weg zur großen Party im Hotel Grand Elysée selig vor sich hin.

Das Auswärtige Amt stiftete dem Filmfest Hamburg dieses Jahr einen neuen Preis: den „Sichtwechsel Filmpreis“. Dieser zeichnet Regisseurinnen und Regisseure aus, die ihre Heimat verlassen mussten oder freiwillig verlassen haben und über kulturelle und nationale Grenzen hinweg Filme realisieren. Auch ein neues Programm gibt es beim 25. Filmfest Hamburg, den „Heimatfilm“, der sich hier weitab von röhrenden Hirschen und Gartenzwergen bewegt: Geflüchtete untertiteln ihren Lieblingsfilm in der Sprache ihrer neuen Heimat und zeigen so, wie Kino und Integration zusammenfinden. 

Filmfest Hamburg

Die Heimatfilme dieses Programms kommen aus Ägypten, Afghanistan, Eritrea, Iran, Somalia, Syrien und Tschetschenien. Auch der „Charlie Chaplin des arabischen Kinos“ aus Syrien wird hier zu sehen sein sowie eine Komödie mit dem beliebtesten Schauspieler Ägyptens. Vor drei Wochen starb der 91-jährige Schauspieler Harry Dean Stanton, der vor allem mit seiner Rolle in Wim Wenders „Paris, Texas“ einem größeren Publikum bekannt geworden war. Wim Wenders wird beim Filmfest Hamburg 2017 mit dem Douglas-Sirk-Preis ausgezeichnet. Im Eröffnungsfilm „Lucky“ spielt Stanton den knurrigen alten Lucky, der sich nach einem Sturz bewusst wird, dass das Leben endlich ist. Der Schauspieler John Carroll Lynch erzählt sein Regiedebüt sehr gemächlich und setzt seinem wunderbaren Hauptdarsteller damit ein würdiges Denkmal. Bemerkenswert ist auch Regie-Legende David Lynch in einer Nebenrolle, der mit Stanton in mehreren seiner eigenen Filme zusammengearbeitet hatte. „Lucky“ ist eine berührende Geschichte über das Leben und das Altern, die nicht nur eine Landschildkröte namens President Roosevelt verewigt, sondern auch einen wunderschönen spanischsprachigen Gesangsauftritt Harry Dean Stantons bietet, der „Volver“ von Carlos Gardel singt.

Die Sektion „Kaleidoskop“ besteht aus Filmen aus aller Welt, darunter zum Beispiel der diesjährige Cannes-Gewinnerfilm „The Square“ von Ruben Östlund als Festival-Abschluss, aber auch das letzte Werk des 2016 verstorbenen iranischen Filmemachers Abbas Kiarostami, „24 Frames“. Unter den Filmen sind jedoch auch kleinere Werke zuhause, wie die unpolitische Komödie „Ali, the goat and Ibrahim“ (Originaltitel: „Ali Mea'za we Ibrahim“) von Kurzfilm- und Dokumentarfilmemacher Sherif El Bendari, der sich damit von seinen sonst sehr politischen Werken zu erholen scheint. „Ali“ ist ein märchenhafter Roadtrip durch Ägypten mit Ziege, der stimmungsvoll zwei Männer porträtiert, die durch ihre Eigenschaften in der Gesellschaft anecken. Da ist auf der einen Seite Ali, der glaubt, seine verstorbene Verlobte Nada sei in einer kleinen weißen Ziege wiedergeboren, mit der er nun zusammenlebt, auf der anderen Seite Ibrahim, der von Mutter und Großvater ein wie Feedback klingendes Geräusch in den Ohren erbte, von dem gequält sich der Großvater das Gehör nahm und die Mutter das Leben. Beide Männer landen bei einem schamanischen Therapeuten, der ihnen jeweils drei Steine gibt, die sie in die drei großen Wasser Ägyptens werfen sollen: das Rote Meer, das Mittelmeer und den Nil. Und so brechen Ali und Ibrahim auf zu einer skurrilen Reise, bei der natürlich auch Nada nicht fehlen darf. Liebevoll erzählt und bebildert ist „Ali, the goat and Ibrahim“ ein Film fürs Herz, dessen Frauenfiguren wie die Prostituierte Nour und die Mutter von Ali jedoch leider eher nebenher dahingeschrieben wirken. Die Filmmusik von Ahmed Elsawy ist wunderbar, die Texte witzig und auch das märchenhafte Ende passend.

In der Reihe „Hamburger Filmschau“ wird das aktuelle Hamburger Filmschaffen beleuchtet. Die Werke spielen teilweise in Hamburg, teilweise jedoch auch weit entfernt in unbekannten Welten, wie der herrliche Dokumentarfilm „Liebe auf Sibirisch“ von Olga Delane. Die Filmemacherin fuhr 2010 aus Berlin nach Sibirien, um ihre Familie kennenzulernen. Dort wurde sie tausendfach immer wieder mit der gleichen Frage konfrontiert: warum sie denn mit Ende dreißig noch keine Kinder hätte und noch nicht einmal verheiratet sei. So entschied sie, dieses Thema näher zu beleuchten und auch ihre Sippe damit besser kennenzulernen. „Liebe auf Sibirisch“ zeigt Formen des Zusammenlebens und der Liebe in einer abgeschiedenen dörflichen Umgebung, die nicht nur von Schweinen, harter Arbeit und weiten Landschaften geprägt ist, sondern in der sich Romantik zeigt, wenn man es gerade am wenigsten erwartet. Die Filmemacherin selbst sagt, dass die Protagonisten, als sie ihnen vor einem Monat diesen Film vorführte, an ganz anderen Stellen lachten als das Publikum beim Filmfest Hamburg. Wenn einer der Ehemänner sagt, dass die westlichen Frauen nur auf sich fixiert seien und sich nur auf die Karriere konzentrieren, so herrschte in Hamburg Schweigen, während in Sibirien das Publikum lachte und rief: „Genau!“

Delane schafft es, ihre Familie mit einem liebevollen Blick zu zeigen und ihren Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten in einer Zeit, in der Russland sich politisch immer weiter vom Westen zu entfernen scheint. Zu Beginn des Filmes sieht man die Namen der Pärchen eingeblendet, am Ende ebenfalls und zu diesem Zeitpunkt kommen sie einem wie Familie vor. Es gibt den großen Macho-Schnacker, dessen Frau sich entscheidet, lieber eine Weile in der Stadt zu leben, so dass er sich plötzlich zwischen Kochtöpfen allein mit der Katze wiederfindet, den Trinker, der von seiner Frau mit zwei kleinen Kindern sitzengelassen wurde, aber auch die Großmutter, die Sprüche sagt wie "Wenn dein Mann dich schlägt, Olga, so nimm dir eine Bratpfanne und brat ihm eins über, dann wird er wieder ruhig". Nicht nur diese herrlich skurrilen Figuren sind es, durch die „Liebe auf Sibirisch“ so viel Spaß macht, sondern auch der Lauf der Jahreszeiten in einer weiten Landschaft, in der die Häuser mit Rosentapeten ausgekleidet sind und die Tannenbäumchen so voller Lametta, dass sie fast umfallen, und in der ein Eber mit nur einem Hoden durchgehend auf Brautschau ist.

Das surreal-skurrile Werk Samuel Benchetrits, „Dog“ (Originaltitel: „Chien“) läuft in der Sektion „Voilá!“, in der Filme aus der französischsprachigen Welt gezeigt werden: Die Welt um Jacques Blanchot (herrlich gespielt von Vincent Macaigne) ist mehr als trist. Seine Frau (Vanessa Paradis) hat ihn rausgeworfen, sie gab vor, eine juckende Allergie auf ihn zu haben, er verliert sein Haus, seinen Job und auch der Hund, den er sich nun kauft, weil sein Sohn so gern einen hätte, wird in den ersten Filmminuten schon von einem Bus überfahren. Ihm bleibt nur ein Hundekörbchen und eine Leine. Da er schon 500 EUR für die Hundeschule bezahlt hat und nichts besseres zu tun hat, geht er einfach hin. Der psychopathische Hundeschulen- und Tierhandlungsbesitzer (Bouli Lanners) lässt ihn jedoch nur in der Rolle des Hundes teilnehmen. Und so wird aus dem unterwürfigen, leisen Mann mit triefäugigem Dackelblick immer mehr ein Hund, sein Leiden immer unerträglicher, bis es kaum noch auszuhalten ist und man sich nur noch wünscht, Jacques möge sich doch endlich wehren und wütend werden, anstatt auch noch Verständnis für die schlimmsten Handlungen der anderen um ihn herum zu zeigen. Sein irres Herrchen sagt: „Es gibt Hunde, die behält man, und es gibt Hunde, die leiden, kämpfen und sterben.“ „Dog“ ist fantastisch gedreht und wunderbar skurril, zieht sich aber zwischenzeitlich quälend in die Länge, so dass aufgrund der gezeigten Qualen erleichtert, als der Film zum Ende kommt. Überaus erstaunlich nach einem so pessimistischen Film über das menschliche und tierische Leiden ist, dass das märchenhafte Ende den Zuschauer mit einem Lächeln im Gesicht zurücklässt.

Der brasilianische Roadmovie „Arábia“, der vom Leben eines Wanderarbeiters erzählt, ist ein Juwel der spanischsprachigen Sektion „Vitrina“, das mit einem Budget von nur 100.000 Euro gedreht wurde, aber weitaus aufwendiger wirkt. André ist ein schweigsamer junger Mann, der in der Stadt Ouro Preto neben einem Aluminiumwerk wohnt. Seine Eltern arbeiten woanders, so dass die Kinder allein sind, doch hilft ihm seine Tante, die sich auch um die Fabrikarbeiter kümmert. Als einer davon einen Arbeitsunfall hat, bittet sie André, ihm Anziehsachen ins Krankenhaus zu bringen und nachzuschauen, ob er in seiner Wohnung Hinweise auf Angehörige findet. In der Wohnung stolpert André zufällig über einen Collegeblock, in dem Cristiano, der Verletzte, über die vergangene Dekade seines Lebens schreibt, weil er in der Fabrik-Theatergruppe darum gebeten wurde. Der Zuschauer erlebt dieses Leben nun mit und folgt Cristiano durch die ganze Region, der zwar immer fleißig arbeitet, dabei aber wenn überhaupt dann nur gering bezahlt wird. Bei der Einführung des Films beim Filmfest wurde darauf hingewiesen, dass die Form der schriftlichen Erzählung eines Lebens oft mit eher gebildeten Schichten verknüpft wird, hier aber ein Mitglied des Proletariats durch das Niederschreiben seine Stimme findet und damit sein Leben und seine Position innerhalb der Gesellschaft reflektiert. Das Erzählte ist an vielen Stellen so lyrisch, dass man erkennt, dass einer der beiden Regisseure, Affonso Uchoa, früher Poet war. Es gibt beeindruckende Aufzählungen, wie zum Beispiel, auf was für Untergründung die Arbeiter schon alles geschlafen haben oder welche Waren ohne Hilfsmittel gut auf einen LKW zu laden sind und welche nicht. Wunderschön eingesetzt ist der Klassiker „I’ll be here in the morning“ von Townes van Zandt an zwei Stellen im Film. Affonso Uchoa berichtete nach dem Film, dass viele der Arbeiter in Brasilien nicht ins Kino gehen und den Film somit nicht sehen könnten, so dass er und der Co-Regisseur Joao Dumans sich entschlossen, ihr Werk direkt in den Fabriken zu zeigen.

Einer der emotional berührendsten Filme des diesjährigen Filmfest Hamburg ist der semi-dokumentarische Film „The Rider“ von Chloé Zhao in der Sektion „Transatlantik“. Sie erzählt die quasi-dokumentarische Geschichte des jungen Rodeo-Cowboys Brady Jandreau, der nach einem Sturz mit schwerer Kopfverletzung nicht mehr reiten darf. Brady versucht damit klarzukommen und anderweitig zum Familieneinkommen beizutragen, um seiner autistischen Schwester  Lilly (auch wirklich seine Schwester) auch weiterhin ein Dach über dem Kopf bieten zu können, da es keine Mutter gibt und der Vater an Glücksspielautomaten sein Geld verjubelt. Doch das Mannsbild, das er im Reservat, in dem Brady wohnt, kennengelernt hat, basiert komplett auf dem Cowboy-Dasein und darauf, sich immer zusammenzureißen. Mehrfach besucht er in den folgenden Wochen den nach einem Sturz noch viel schwerer behinderten Lane Scott, der auf dem Pferd einer der Helden der Rodeo-Szene war, doch nun im Rollstuhl sitzt und nicht mehr sprechen kann. Zhao gelingt mit „The Rider“ ein fantastischer Film: Die von ihr grandios inszenierten Landschaften South Dakotas verleihen dem Film eine atemberaubende Weite und erhabene Schönheit, die aber gleichzeitig von der Authentizität ihrer „Laiendarsteller“ profitiert. Die Regisseurin lässt sich Zeit für die Bilder, erzählt nicht zu viel und lässt oftmals das Gesicht des schweigsamen Brady für sich sprechen. „The Rider“ gewann auf dem Filmfest verdient den Art Cinema Award. Mit dem gleichnamigen Preis wurde dieses Werk auch schon bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes ausgezeichnet.

Eine Enttäuschung hingegen war George Clooneys „Suburbicon“ in der gleichen Sektion, auf den sich viele Zuschauer sehr gefreut hatten. Clooney schrieb das Drehbuch mit den Coen-Brüdern ("Fargo", "No Country for Old Men", "True Grit") zusammen, doch man wünscht sich, die Coens hätten einfach alles selbst gemacht und auch gleich noch Regie geführt. Diese schwarze Satire über das Vorstadtleben in den Fünfziger Jahren in den USA ist von Clooney nicht optimal bebildert worden, ist zudem sehr theatralisch und auch noch bombastisch musikalisch hinterlegt, was nach einer Weile leider nicht mehr eine düstere Stimmung im Publikum hervorruft, sondern schlicht an den Nerven zehrt. Matt Damon und Julianne Moore sind herrlich in ihren Rollen, doch dafür gibt es auch noch Schwächen im Drehbuch. Während im Haus der Lodges ein Raubüberfall übel endete und nun immer schlimmere Folgen hervorruft, ist im Nebenhaus eine schwarze Familie in die bisher durchgehend weiße Nachbarschaft von Suburbicon eingezogen  und die Anwohner versuchen diese mit nächtlichem Lärm und später auch mit Gewalt zu vertreiben. Diese Geschichte soll die Scheinheiligkeit hinter der ach so guten alten Zeit und ihrer Beschwörung christlicher Werte betonen, doch wirkt sie aufgrund der überzeichneten Inszenierung dieser Satire in cremigen Pastelltönen leider nicht authentisch (Schwarze wurden ja aus weißen Nachbarschaften zu vertreiben versucht), sondern funktioniert durch die Überzeichnung im Film einfach nicht.

Ein absoluter Publikumsliebling und wohl einer der besten Filme des Jahres (obwohl er leider erst 2018 in deutschen Kinos anläuft) ist „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ von Martin McDonagh („Brügge sehen und sterben“). Selten hat ein Film über die trauernde Mutter einer vergewaltigten und ermordeten Tochter so viele Lacher hervorgerufen, was zwar irre klingt, aber was man nach dem Sehen dieses Filmes bestätigen kann. „Billboards“ bietet fantastische Dialoge voller Witz und Wahrheit, skurrile Figuren in einer Kleinstadt und berührend emotionale Elemente, die zu Tränen rühren. Mildred Hayes (großartig gespielt von Frances McDormand, „Fargo“) ist wütend, sehr, sehr wütend, dass auch Monate nach dem Mord an ihrer Tochter noch niemand verhaftet wurde. Sie mietet drei Plakatwände vor der Stadt und lässt diese mit einem Spruch bedrucken, der direkt an Polizeichef William Willoughby (Woody Harrelson) addressiert ist. Die Polizei reagiert, Mildred lässt sich nicht einschüchtern, eins führt zum anderen und Gewalt irgendwann zu Gegengewalt. Doch in diesem Kleinstadt-Chaos sind die Figuren nicht gut und böse, sondern immer eine Mischung aus beidem. Dies ist ein Film, den man gerne ein zweites Mal sehen will, um die Dialoge noch einmal zu hören und diese Gestalten wiederzusehen.

Der russische Film „Arrhythmia“ in der Sektion „Freihafen“ hingegen wird auf dem Filmfest mit dem Hamburger Produzentenpreis für Europäische Kino-Koproduktionen ausgezeichnet, hat aber einige Schwächen. Die Geschichte um einen Rettungssanitäter und seine im Krankenhaus arbeitende Frau, die sich von ihm scheiden lassen will, weil er Alkoholiker ist, kann sich nicht recht entscheiden, ob sie Kritik am russischen Gesundheitssystem oder Liebesgeschichte sein will und zeigt den gleichen Ehekonflikt in immer neuen Ausprägungen mit Ausflüchten, Liebesschwüren und Unehrlichkeiten. Dies ist ein Film, der es gutheißt, den Partner in seinem Alkoholkonsum auch noch zu unterstützen und stattdessen zu versuchen mit der Sucht des Partners weiterhin klarzukommen. „Arrhythmia“ lebt jedoch vom hervorragenden Spiel seiner Hauptdarsteller Aleksandr Yatsenko und Irina Gorbacheva und zeigt, wie ein betreut werden können. Der Neue gibt zur Effizienzsteigerung vor, dass Einsätze nur noch 20 Minuten dauern dürfen, nicht mehr als ein Rettungswagen zu einem Einsatz fahren darf und nur der von der Leitstelle benannte, nicht mehr der in der Nähe befindliche Wagen hinfahren darf. Was sich in der Theorie gut anhört, führt vor Ort schnell zu Komplikationen.

Sehr unterhaltsam ist hingegen das irre russische Roadmovie „How Viktor „The Garlic“ took Alexey „The Stud“ to the Nursing Home“ von Alexander Hant aus der Sektion „Kaleidoskop“. Wild in Szene gesetzt hetzt Viktor durch die Nacht, scheut keine Rauferei, denkt nicht an Frau und Sohn daheim, sondern feiert lieber mit den Kumpels und seiner Freundin. Als er mitbekommt, dass sein Vater, der die Familie einfach sitzenließ, bettlägerig ist, aber eine Wohnung besitzt, will er dessen Wohnung erben. Doch wohin mit Papa? Ins Altersheim, sagt seine Freundin und so beginnt ein verrückter Roadtrip mit Rollstuhl durch Russland, denn der Vater erholt sich schneller als Viktor lieb ist.

Ein weiterer Film aus der Sektion Kaleidoskop ist der Film „Submergence“ des diesjährigen Douglas-Sirk-Preisträgers Wim Wenders. In bezaubernden Bildern wird die Liebesgeschichte von James (James McAvoy, „Atomic Blonde“, “X-Men: Erste Entscheidung“) und Danny (Alicia Vikander, „Jason Bourne“) erzählt. Er ist Agent für den britischen Geheimdienst und bereitet sich auf einen geheimen Einsatz in Somalia vor, sie hingegen ist Mathematikerin, die in einem Tiefsee-Projekt nach den Ursprüngen des Lebens sucht. Sie lernen sich kurz vor ihren jeweiligen Einsätzen in einem einsamen Fünfsterne-Hotel an der Küste der Normandie kennen, doch kurze Zeit später liegen nicht nur große Entfernungen zwischen ihnen, sondern sie können auch nicht miteinander kommunizieren: James ist von Dschihadisten gefangengenommen worden und wird gefoltert, Danny ist in einem U-Boot in der Tiefsee, wo niemand sie retten kann, falls das Boot seiner Mission in der Tiefe nicht gewachsen ist. „Submergence“ ist eine Buchverfilmung des gleichnamigen Buchs von J. M. Ledgard, die sehr gut funktioniert und ihren Figuren immer nahe bleibt, vor allen Dingen der wunderschönen Vikander.

Die Regisseurin Shirin Neshat („Women Without Men“) hält die Laudatio auf den Douglas-Sirk-Preisträger Wim Wenders und sagt, dass sie ihn für einen der komplexesten und vielseitigsten Regisseure unserer Zeit hält, der immerzu zwischen Medien und Formen wechselt, so zum Beispiel die ganz unterschiedlichen Werke „Paris, Texas“ , „Himmel über Berlin“, „Buena Vista Social Club“ oder „Pina“ schuf. Als wahren Abenteurer zwischen den Welten und Kulturen lobt sie nicht nur sein filmisches, sondern auch sein filmpolitisches Engagement. Für den Filmfestleiter Albert Wiederspiel gibt es drei Gründe, die er nennt, warum Wim Wenders den Douglas Sirk Preis verdient hat: seine Filme „Der amerikanische Freund“ und „Der Lauf der Zeit“ sowie seine vielen Jahre als Lehrender an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg (HFBK). Der Hamburgische Kultursenator Carsten Brosda erklärt, dass in Wenders‘ Filmen oft Männer irren. Sie irren an Orten herum, aber sie irren auch. Dieser Satz passt auch zu „Submergence“. Schon zu Lebzeiten hat Wenders sein Werk an eine eigene Stiftung übergeben, so dass es sich selbst und allen gehören möge. Den Douglas Sirk Preis widmet der Regisseur bewegt Rainer Werner Fassbinder, der seiner Meinung nach ein viel größerer Fan des Filmemachers Hans Detlef Sierck war (Douglas Sirk nannte er sich erst in den USA) und der viel zu früh verstarb. Zu einem ausführlichen Porträt des Autorenfilmers Wim Wenders geht es HIER.

Das Festival fand einen würdigen Abschluss mit dem diesjährigen Gewinnerfilm der Goldenen Palme der Internationalen Filmfestspiele von Cannes:  „The Square“ (Sektion Kaleidoskop) des Schweden Ruben Östlund. Der Regisseur begibt sich in die vor schwierigen Sätzen und ausgefallenen Gestalten nur so wimmelnde Welt der Ausstellung moderner Kunst und dekonstruiert wie auch schon in seinem Film „Höhere Gewalt“ ein Männerbild. Östlunds Hauptfigur Christian (wunderbar: Claes Bang) ist der wortgewandte und gutaussehende Kurator eines großen Museums in Stockholm. Seine neue Ausstellung ist einem speziellen Kunstwerk gewidmet: einem Quadrat, das als moralische Schutzzone dienen soll und welches das schwindende Vertrauen der Menschen ineinander hinterfragen soll. Jeder der hineintritt hat die gleichen Rechte und Pflichten, man soll sich darin helfen. Doch als Christian seine Brieftasche und sein Handy von Trickdieben gestohlen werden, zeigt er wenig Vertrauen in die Menschen und löst mit einem Brief eine Kette von Ereignissen aus, die ihn bald seine gesamten Ansichten hinterfragen lassen. Exzellent in Szene gesetzt, herrlich voll von Situationskomik und leisen Fremdschämmomenten sowie mit tollen Schauspielern auch in den Nebenrollen (eine überaus merkwürdig aussehend gefilmte Elisabeth Moss („Mad Men“) zum Beispiel) lässt „The Square“ das Publikum über sich selbst sinnierend zurück. Ruben Östlund ist ein fröhlicher Menschenfreund, der freudestrahlend seine Frau auf dem Roten Teppich küsste und sein Portemonnaie und sein Handy einem wildfremden Zuschauer im Cinemaxx gab, der es irgendwo auf den Boden legen sollte, wo es am Ende der Vorstellung, nach Reden und einer Pause, in der viele daran vorbeiliefen, auch noch lag und dem Regisseur zurückgegeben werden konnte.

Obwohl es seit vielen Jahren nicht so viel beim Filmfest regnete, war das Hamburger Filmfest auch in seinem 25. Jahr kein bisschen leise: politische Verhältnisse wurden angeprangert und wie schon seit Jahren gab es keine Blumen für die Filmemacher, sondern eine Spendenurkunde über eine Spende an Anwälte und Familie eines in Russland inhaftierten Filmemachers. Über 300 Gäste aus 31 Ländern kamen dieses Mal nach Hamburg, um ihre Filme persönlich vorzustellen (auch mit Förderung des Auswärtigen Amtes), 42,500 Besucher wateten durch Pfützen in die Kinos und der Festivalleiter Albert Wiederspiel zeigte sich beim Abschlussfilm zufrieden und zog entspannt sein Sakko und seine Schuhe aus. Er wird bald wieder auf die Jagd nach neuen Filmen gehen: Das 26. Filmfest Hamburg findet vom 27.September bis 6. Oktober 2018 statt.

Preise des 25. Filmfest Hamburg:                                                                                                         

Douglas Sirk Preis: Wim Wenders

Art Cinema Award: „The Rider“ (Chloé Zhao)

Sichtwechsel Filmpreis: Nele Wohlatz für den Film „The Future Perfect“

NDR Nachwuchspreis: Eliza Hittman für ihren Film „Beach Rats“

Der Politische Film: Emil Langballe für seinen Film „The Wait“

Filmfest Hamburg Kritikerpreis: „Florida Project“ (Sean Baker)

Commerzbank Publikumspreis: „For Your Own Good“ (Carlos Therón)

Michel Filmpreis: „1:54“ (Yan England)

Hamburger Produzentenpreis Europäische Kino-Koproduktion: „Arrhythmia“ (Boris Khlebnikow)

Hamburger Produzentenpreis Deutsche Fernsehproduktion: Hubertus Meyer-Burckhardt und Christoph Bicker für „Meine fremde Freundin“ von Stefan Krohmer

Mehr Informationen zum Festival und zum Programm gibt es unter www.filmfesthamburg.de

Margarete Prowe

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