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Ein Vierteljahrhundert alt und kein bisschen leise: Das 25. Filmfest Hamburg

Filmfest HamburgOrkanartige Böen fegten über die Hansestadt hinweg, die Bahnen in Norddeutschland waren ausgefallen, aber die Hamburger zogen am Abend des 5. Oktober ungerührt Regenmäntel über ihre Abendgarderobe und kamen ins Cinemaxx, um bei der Eröffnung des 25. Filmfests Hamburg dabei sein zu können. „Hätte ich bloß keine gelben Friesennerze auf den Titel des Programmheftes drucken lassen“, scherzte Albert Wiederspiel, Leiter des Filmfests Hamburg. Auf der Leinwand leuchtete dafür die Sonne über der Wüste Arizonas, und nach dem zauberhaften Eröffnungsfilm „Lucky“ von John Carroll Lynch lächelten die Zuschauer sogar während des erneuten Regenschauers auf dem Weg zur großen Party im Hotel Grand Elysée selig vor sich hin.

Das Auswärtige Amt stiftete dem Filmfest Hamburg dieses Jahr einen neuen Preis: den „Sichtwechsel Filmpreis“. Dieser zeichnet Regisseurinnen und Regisseure aus, die ihre Heimat verlassen mussten oder freiwillig verlassen haben und über kulturelle und nationale Grenzen hinweg Filme realisieren. Auch ein neues Programm gibt es beim 25. Filmfest Hamburg, den „Heimatfilm“, der sich hier weitab von röhrenden Hirschen und Gartenzwergen bewegt: Geflüchtete untertiteln ihren Lieblingsfilm in der Sprache ihrer neuen Heimat und zeigen so, wie Kino und Integration zusammenfinden. 

Filmfest Hamburg

Die Heimatfilme dieses Programms kommen aus Ägypten, Afghanistan, Eritrea, Iran, Somalia, Syrien und Tschetschenien. Auch der „Charlie Chaplin des arabischen Kinos“ aus Syrien wird hier zu sehen sein sowie eine Komödie mit dem beliebtesten Schauspieler Ägyptens. Vor drei Wochen starb der 91-jährige Schauspieler Harry Dean Stanton, der vor allem mit seiner Rolle in Wim Wenders „Paris, Texas“ einem größeren Publikum bekannt geworden war. Wim Wenders wird beim Filmfest Hamburg 2017 mit dem Douglas-Sirk-Preis ausgezeichnet. Im Eröffnungsfilm „Lucky“ spielt Stanton den knurrigen alten Lucky, der sich nach einem Sturz bewusst wird, dass das Leben endlich ist. Der Schauspieler John Carroll Lynch erzählt sein Regiedebüt sehr gemächlich und setzt seinem wunderbaren Hauptdarsteller damit ein würdiges Denkmal. Bemerkenswert ist auch Regie-Legende David Lynch in einer Nebenrolle, der mit Stanton in mehreren seiner eigenen Filme zusammengearbeitet hatte. „Lucky“ ist eine berührende Geschichte über das Leben und das Altern, die nicht nur eine Landschildkröte namens President Roosevelt verewigt, sondern auch einen wunderschönen spanischsprachigen Gesangsauftritt Harry Dean Stantons bietet, der „Volver“ von Carlos Gardel singt.

Die Sektion „Kaleidoskop“ besteht aus Filmen aus aller Welt, darunter zum Beispiel der diesjährige Cannes-Gewinnerfilm „The Square“ von Ruben Östlund als Festival-Abschluss, aber auch das letzte Werk des 2016 verstorbenen iranischen Filmemachers Abbas Kiarostami, „24 Frames“. Unter den Filmen sind jedoch auch kleinere Werke zuhause, wie die unpolitische Komödie „Ali, the goat and Ibrahim“ (Originaltitel: „Ali Mea'za we Ibrahim“) von Kurzfilm- und Dokumentarfilmemacher Sherif El Bendari, der sich damit von seinen sonst sehr politischen Werken zu erholen scheint. „Ali“ ist ein märchenhafter Roadtrip durch Ägypten mit Ziege, der stimmungsvoll zwei Männer porträtiert, die durch ihre Eigenschaften in der Gesellschaft anecken. Da ist auf der einen Seite Ali, der glaubt, seine verstorbene Verlobte Nada sei in einer kleinen weißen Ziege wiedergeboren, mit der er nun zusammenlebt, auf der anderen Seite Ibrahim, der von Mutter und Großvater ein wie Feedback klingendes Geräusch in den Ohren erbte, von dem gequält sich der Großvater das Gehör nahm und die Mutter das Leben. Beide Männer landen bei einem schamanischen Therapeuten, der ihnen jeweils drei Steine gibt, die sie in die drei großen Wasser Ägyptens werfen sollen: das Rote Meer, das Mittelmeer und den Nil. Und so brechen Ali und Ibrahim auf zu einer skurrilen Reise, bei der natürlich auch Nada nicht fehlen darf. Liebevoll erzählt und bebildert ist „Ali, the goat and Ibrahim“ ein Film fürs Herz, dessen Frauenfiguren wie die Prostituierte Nour und die Mutter von Ali jedoch leider eher nebenher dahingeschrieben wirken. Die Filmmusik von Ahmed Elsawy ist wunderbar, die Texte witzig und auch das märchenhafte Ende passend.

In der Reihe „Hamburger Filmschau“ wird das aktuelle Hamburger Filmschaffen beleuchtet. Die Werke spielen teilweise in Hamburg, teilweise jedoch auch weit entfernt in unbekannten Welten, wie der herrliche Dokumentarfilm „Liebe auf Sibirisch“ von Olga Delane. Die Filmemacherin fuhr 2010 aus Berlin nach Sibirien, um ihre Familie kennenzulernen. Dort wurde sie tausendfach immer wieder mit der gleichen Frage konfrontiert: warum sie denn mit Ende dreißig noch keine Kinder hätte und noch nicht einmal verheiratet sei. So entschied sie, dieses Thema näher zu beleuchten und auch ihre Sippe damit besser kennenzulernen. „Liebe auf Sibirisch“ zeigt Formen des Zusammenlebens und der Liebe in einer abgeschiedenen dörflichen Umgebung, die nicht nur von Schweinen, harter Arbeit und weiten Landschaften geprägt ist, sondern in der sich Romantik zeigt, wenn man es gerade am wenigsten erwartet. Die Filmemacherin selbst sagt, dass die Protagonisten, als sie ihnen vor einem Monat diesen Film vorführte, an ganz anderen Stellen lachten als das Publikum beim Filmfest Hamburg. Wenn einer der Ehemänner sagt, dass die westlichen Frauen nur auf sich fixiert seien und sich nur auf die Karriere konzentrieren, so herrschte in Hamburg Schweigen, während in Sibirien das Publikum lachte und rief: „Genau!“

Delane schafft es, ihre Familie mit einem liebevollen Blick zu zeigen und ihren Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten in einer Zeit, in der Russland sich politisch immer weiter vom Westen zu entfernen scheint. Zu Beginn des Filmes sieht man die Namen der Pärchen eingeblendet, am Ende ebenfalls und zu diesem Zeitpunkt kommen sie einem wie Familie vor. Es gibt den großen Macho-Schnacker, dessen Frau sich entscheidet, lieber eine Weile in der Stadt zu leben, so dass er sich plötzlich zwischen Kochtöpfen allein mit der Katze wiederfindet, den Trinker, der von seiner Frau mit zwei kleinen Kindern sitzengelassen wurde, aber auch die Großmutter, die Sprüche sagt wie "Wenn dein Mann dich schlägt, Olga, so nimm dir eine Bratpfanne und brat ihm eins über, dann wird er wieder ruhig". Nicht nur diese herrlich skurrilen Figuren sind es, durch die „Liebe auf Sibirisch“ so viel Spaß macht, sondern auch der Lauf der Jahreszeiten in einer weiten Landschaft, in der die Häuser mit Rosentapeten ausgekleidet sind und die Tannenbäumchen so voller Lametta, dass sie fast umfallen, und in der ein Eber mit nur einem Hoden durchgehend auf Brautschau ist.

Das surreal-skurrile Werk Samuel Benchetrits, „Dog“ (Originaltitel: „Chien“) läuft in der Sektion „Voilá!“, in der Filme aus der französischsprachigen Welt gezeigt werden: Die Welt um Jacques Blanchot (herrlich gespielt von Vincent Macaigne) ist mehr als trist. Seine Frau (Vanessa Paradis) hat ihn rausgeworfen, sie gab vor, eine juckende Allergie auf ihn zu haben, er verliert sein Haus, seinen Job und auch der Hund, den er sich nun kauft, weil sein Sohn so gern einen hätte, wird in den ersten Filmminuten schon von einem Bus überfahren. Ihm bleibt nur ein Hundekörbchen und eine Leine. Da er schon 500 EUR für die Hundeschule bezahlt hat und nichts besseres zu tun hat, geht er einfach hin. Der psychopathische Hundeschulen- und Tierhandlungsbesitzer (Bouli Lanners) lässt ihn jedoch nur in der Rolle des Hundes teilnehmen. Und so wird aus dem unterwürfigen, leisen Mann mit triefäugigem Dackelblick immer mehr ein Hund, sein Leiden immer unerträglicher, bis es kaum noch auszuhalten ist und man sich nur noch wünscht, Jacques möge sich doch endlich wehren und wütend werden, anstatt auch noch Verständnis für die schlimmsten Handlungen der anderen um ihn herum zu zeigen. Sein irres Herrchen sagt: „Es gibt Hunde, die behält man, und es gibt Hunde, die leiden, kämpfen und sterben.“ „Dog“ ist fantastisch gedreht und wunderbar skurril, zieht sich aber zwischenzeitlich quälend in die Länge, so dass aufgrund der gezeigten Qualen erleichtert, als der Film zum Ende kommt. Überaus erstaunlich nach einem so pessimistischen Film über das menschliche und tierische Leiden ist, dass das märchenhafte Ende den Zuschauer mit einem Lächeln im Gesicht zurücklässt.

Der brasilianische Roadmovie „Arábia“, der vom Leben eines Wanderarbeiters erzählt, ist ein Juwel der spanischsprachigen Sektion „Vitrina“, das mit einem Budget von nur 100.000 Euro gedreht wurde, aber weitaus aufwendiger wirkt. André ist ein schweigsamer junger Mann, der in der Stadt Ouro Preto neben einem Aluminiumwerk wohnt. Seine Eltern arbeiten woanders, so dass die Kinder allein sind, doch hilft ihm seine Tante, die sich auch um die Fabrikarbeiter kümmert. Als einer davon einen Arbeitsunfall hat, bittet sie André, ihm Anziehsachen ins Krankenhaus zu bringen und nachzuschauen, ob er in seiner Wohnung Hinweise auf Angehörige findet. In der Wohnung stolpert André zufällig über einen Collegeblock, in dem Cristiano, der Verletzte, über die vergangene Dekade seines Lebens schreibt, weil er in der Fabrik-Theatergruppe darum gebeten wurde. Der Zuschauer erlebt dieses Leben nun mit und folgt Cristiano durch die ganze Region, der zwar immer fleißig arbeitet, dabei aber wenn überhaupt dann nur gering bezahlt wird. Bei der Einführung des Films beim Filmfest wurde darauf hingewiesen, dass die Form der schriftlichen Erzählung eines Lebens oft mit eher gebildeten Schichten verknüpft wird, hier aber ein Mitglied des Proletariats durch das Niederschreiben seine Stimme findet und damit sein Leben und seine Position innerhalb der Gesellschaft reflektiert. Das Erzählte ist an vielen Stellen so lyrisch, dass man erkennt, dass einer der beiden Regisseure, Affonso Uchoa, früher Poet war. Es gibt beeindruckende Aufzählungen, wie zum Beispiel, auf was für Untergründung die Arbeiter schon alles geschlafen haben oder welche Waren ohne Hilfsmittel gut auf einen LKW zu laden sind und welche nicht. Wunderschön eingesetzt ist der Klassiker „I’ll be here in the morning“ von Townes van Zandt an zwei Stellen im Film. Affonso Uchoa berichtete nach dem Film, dass viele der Arbeiter in Brasilien nicht ins Kino gehen und den Film somit nicht sehen könnten, so dass er und der Co-Regisseur Joao Dumans sich entschlossen, ihr Werk direkt in den Fabriken zu zeigen.

Mehr Informationen zum Festival und zum Programm gibt es unter www.filmfesthamburg.de

Margarete Prowe

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