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5 x 2

5 x 2
drama , frankreich 2004
original
regie
francois ozon
drehbuch
francois ozon, emmanuele bernheim
cast
valeria bruni-tedeschi,
michael lonsdale,
stéphane freiss,
françoise fabian, u.a.
spielzeit
90 Minuten
kinostart
21. Oktober 2004
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

Es ist, als hätte sich François Ozon ("8 Frauen", "Swimming Pool") bei seinen Filmen immer an den Leitsatz Truffauts gehalten, dass es Kino sei, wenn man schöne Frauen schöne Dinge tun ließe. Nur begnügte sich Ozon nicht nur damit, diese Regel konsequent anzuwenden, sondern spann sie auch zeitgemäß weiter: In seinen Filmen sind es die Frauen, die das starke Geschlecht sind, sich gegen die Grausamkeiten des Alltages einer männerdominierten Welt bewähren müssen. Männer sind in seinen Filmen nur der Anstoß der Geschichte, niemals ruht das Hauptaugenmerk auf ihrem Handeln. Sie sind mehr Objekt als Subjekt.
In seinem neuen Film nimmt Ozon nun ein wenig Abstand von diesem Grundsatz und betrachtet die Geschichte eines Paares und ihr Scheitern: Marion (Valeria Bruni-Tedeschi) und Gilles (Stéphane Freiss) haben sich auseinander gelebt und sitzen vor dem Scheidungsrichter. Sie haben sich so gut wie nichts mehr zu sagen. Im Laufe des Filmes wird nun, von diesem Ausgangspunkt aus, die Chronologie ihrer Beziehung noch einmal erzählt. Allerdings rückwärts, so dass man mit dem Ende, der Scheidung, beginnt und mit dem Kennenlernen endet.

Das Spielen mit verschiedenen Zeitebenen ist spätestens seit Quentin Tarantinos "Pulp Fiction" ein beliebtes Instrument des Kinos. Und auch das "Rückwärts-Erzählen" der Handlung ist mit Filmen wie "Memento" und "Irreversibel" mal mehr, mal weniger kongenial umgesetzt worden. Was unterscheidet "5x2" also von diesen Filmen und hebt ihn wohltuend von ihnen ab?
Ging es bei "Memento" noch darum den Zuschauer in eine ähnliche Situation zu bringen wie den Protagonisten und bei "Irreversibel" um den reinen Schockeffekt zu Anfang, ist es Ozon daran gelegen, den Zuschauer deutlich zu machen, dass das Scheitern einer Beziehung in den Charakteren der jeweiligen Partner begründet liegt und nicht an irgendwelchen Schicksalsschlägen oder Launen der Natur. Die Psychologie der Protagonisten, die Suche nach den Motiven ihres Handelns steht im Mittelpunkt. In allen Episoden, sei es nun am Anfang oder am Ende, treten versteckte oder offensichtliche Sticheleien, bewusste Verletzungen des Partners zu Tage, die sich allein aus der Handlung heraus nicht erklären lassen. Es scheint als könnten diese beiden Menschen nicht anders, als geradewegs ihre Beziehung zu zerstören. Durch die lose Erzählstruktur, die nur die entscheidenden Episoden der Beziehung abdeckt, wird dieser Eindruck noch vermehrt.
Dies hätte zu einem fatalistischen Ansatz führen können, doch Ozon umgeht dies, in dem er die Figuren nicht nach dem "Schema X" agieren lässt, sondern bewusst gegen den Strich bürstet: So ist das Verhalten der Beiden nur schwerlich durch die vorangegangene Handlung zu begründen. Dem Zuschauer bleibt es nur, dem Geschehen als eine Art stummer Beobachter beizuwohnen und zu versuchen auf die Motive zu schließen. Denn Ozon gibt hierfür keine Anhaltspunkte. Seine Regiearbeit ist minimal und eben dadurch so ergiebig und genial: Auf überflüssige Schnitte und Kamerafahrten verzichtet er. Lange Halbtotalen und Nahaufnahmen bestimmen das Erscheinungsbild. Nichts soll den Zuschauer von der zentralen Frage, wer Schuld an dem Scheitern der Beziehung trägt, wie diese sich vollziehen konnte, ablenken. Die Figuren stehen im Mittelpunkt.

Unterstützt wird Ozon bei seinem Vorhaben durch das sehenswerte Spiel seiner beiden Hauptdarsteller: Sowohl Stéphane Freiss als auch Valeria Bruni-Tedeschi bieten brillante Leistungen. Beide reduzieren ihre Gestik und Mimik auf ein Wesentliches und schaffen dadurch eben jenes hintergründige Spiel, um die Intention des Filmes aufrecht zu erhalten. Genutzt haben wird ihnen hierbei das Vorgehen Ozons, den Film ebenso unchronologisch zu drehen, wie er auf die Leinwand gebracht wurde und den Dreh zwischen dem Filmen der einzelnen Episoden für mehrere Monate pausieren zu lassen. Die Darsteller mussten sich so ihre Charaktere ständig neu erarbeiten und es gibt dadurch keine Episode, die in ihrer Intensität hinter den anderen hinten ansteht. 
Stéphane Freiss´ Darstellung eines Menschen, der seinen Gefühlen kein Ausdruck verleiht, bis sie sich entladen, ist großartig und wird nur noch von der seiner Partnerin übertroffen. Valeria Bruni-Tedeschi schafft es eine Frau zu spielen, die ihrer eigenen Beziehung beinahe passiv gegenüber steht und gleichzeitig trotz ihres Willens nicht aus ihrer Haut kann. Sie reiht sich damit ein in die Liste der Schauspielerinnen (unter ihnen Charlotte Rampling und Catherine Deneuve), die unter der Regie Ozons einige ihrer besten Momente hatten.

Es bleibt somit schwer in François Ozons Werk einen Film zu finden, der gänzlich enttäuscht, der die Erwartungen nicht erfüllt, die man in ihn gesteckt hat. Und so bleibt er mindestens bis zu seinem nächsten Film eines der großen Regietalente Europas. Wünschen wir es ihm, dass dies auch so bleibt.

Kai Kollenberg

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