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Altman

Altman
dokumentation , usa 2014
original
altman
regie
ron mann
drehbuch
len blum
cast
robert altman,
julianne moore,
lily tomlin,
bruce willis,
elliott gould, u.a.
spielzeit
96 Minuten
kinostart
19. Februar 2015
homepage
http://www.altman-derfilm.de
bewertung

7 von 10 Augen
Altman - Poster

Ron Manns Dokumentation ist eine Verneigung vor einem der wohl wichtigsten Regisseure des amerikanischen Kinos in den letzten 50 Jahren. Es gibt nicht viele Filmemacher, die es auch innerhalb der Produktionskonventionen von Hollywood geschafft haben, sich derart ihre eigene Handschrift zu bewahren und teils bahnbrechende Innovationen zu setzen wie Robert Altman. Acht Jahre nach seinem Tod bietet dieser Film nun die Gelegenheit, sich das Lebenswerk dieses Ausnahmeregisseurs noch einmal vor Augen zu führen - oder, falls man mit Altman bisher nicht vertraut ist, eine sehr gute erste Einführung in seinen Werdegang und seine immense filmhistorische Bedeutung zu bekommen. 

AltmanDer Film beginnt mit einer etwas augenzwinkernden, quasi-lexikalischen Definition von "Altmanesque": "1. Gekennzeichnet durch Naturalismus, Sozialkritik, Genrezersetzung. 2. Widersetzt sich vorhersehbaren Normen 3. Unverwüstlich.“ Mann strukturiert seinen Film, indem er zu Beginn jedes Abschnitts eine der zahlreichen Hollywood-Größen, die mit Altman zusammengearbeitet haben oder von ihm beeinflusst wurden, ihre eigene Definition von "Altmanesque" zum Besten geben lässt, welche wiederum die Relevanz des dann folgenden Kapitels aus Altmans Leben und Schaffen unterstreicht. Ein gelungener kleiner Gimmick, der dem ansonsten fast nur aus Archivmaterial bestehenden Film eine persönlichere Note gibt, ebenso wie der begleitende Off-Kommentar, der nicht von einem der Filmemacher selbst stammt, sondern abwechselnd von Altmans Ehefrau und seinen Kindern beigesteuert wird. Den Eindruck, hier viel vom "echten" Robert Altman vermittelt zu bekommen, erhöht dies natürlich enorm.

Ansonsten macht "Altman" in seinem dokumentarischen Anspruch aber nicht viele Experimente und geht brav chronologisch vor bei der Nachzeichnung von Altmans Karriere. Die begann nach dem zweiten Weltkrieg mit klassischen Lehrjahren in Industriefilm-Produktionen und als Fernsehregisseur. Die starre Gleichförmigkeit dieses (damals noch) extrem konformistischen Mediums mit seinen ewig gleichen Geschichten begann den Regisseur aber bald zu langweilen, und so nahmen Altmans Versuche zu, die von ihm inszenierten Episoden hinterrücks mit mehr Realismus zu versehen. In einer Folge einer Kriegsserie Anfang der 1960er Jahre wagte es Altman, einen traumatisierten Soldaten zu zeigen - vollkommen unerhört für die damalige Zeit. Dieser Wagemut brachte ihm erst eine fristlose Kündigung ein, und dann einen Emmy. 

AltmanDieser Wille, bestehende Regeln und Konventionen zu durchbrechen und somit den Weg frei für unentdecktes filmisches Terrain zu machen, wurde zum Leitmotiv von Altmans Karriere. Nachdem er dem Fernsehen aufgrund der Weigerungshaltung seiner Produzenten den Rücken gekehrt hatte, versuchte Altman es in Hollywood - und wurde von seinem ersten Studiofilm gefeuert, weil er die Darsteller überlappende Dialoge hatte sprechen lassen. Das Bemühen um etwas mehr Realismus stieß einmal mehr auf Widerstand. Wenn man mal darauf achtet, wie Gang und Gebe überlappende Dialoge auch in Hollywood inzwischen sind, um glaubwürdig die Art und Weise nachzustellen, wie Menschen wirklich miteinander reden, wird einem schnell klar, wer in dieser Auseinandersetzung schlussendlich Recht hatte. 

Schließlich wurde Altman die Regie für "M.A.S.H." angeboten, jene absurde Komödie über ein militärisches Feldhospital im Koreakrieg, die schließlich Vorlage für eine extrem erfolgreiche TV-Comedyserie wurde. Es ist mehr als ironisch, dass Studioboss Darryl Zanuck ursprünglich forderte, dass alles Blut aus dem Film herausgeschnitten werden soll, während die sehr authentisch spritzenden Blutfontänen im Operationszelt zu eben jenen unerhörten Details wurden, die aus "M.A.S.H." einen völlig unerwarteten Mega-Erfolg machten. Altman gewann die Goldene Palme in Cannes und erzielte gleichzeitig einen Box-Office-Knüller mit einem Film, der so ziemlich gegen alle Regeln verstieß, die Hollywoods konventionelles Erzählen in den letzten Jahrzehnten errichtet hatte. Und das alles zu Beginn jener goldenen Ära, die als "New Hollywood" in die Filmgeschichte einging, als wagemutige Regisseure in einem brachliegenden Studiosystem auf einmal ungeahnte künstlerische Freiheiten bekamen und den amerikanischen Film neu erfanden. Als das neue heiße Ding in Hollywood wurde Robert Altman jetzt einer von ihnen, und nutzte diese Freiheiten, um einige der ungewöhnlichsten und besten amerikanischen Filme der 1970er Jahre zu drehen.

AltmanIm Folgenden zeichnet "Altman" nach, wie der große Regisseur später nach einer Reihe von Flops in Hollywood in Ungnade fiel, die 80er Jahre dann jenseits der Filmindustrie vornehmlich mit Theaterarbeit verbrachte und - wiederum mehr als bahnbrechend - mit der Inszenierung der legendären HBO-Politsatire/Realityshow "Tanner '88", bevor ihm mit der bitterbösen Hollywood-Satire "The Player" ein fulminantes Leinwand-Comeback gelang, das ihm für den Rest seines Lebens wieder die Möglichkeit gab, kompromisslos und mit genug Starpower als Rückhalt seine Filme nach seinen Vorstellungen drehen zu können. Das alles wird begleitet von kleinen Ausschnitten aus privaten Familienvideos und Aufnahmen von Filmsets, die zumindest ein Stück weit einen Blick auf den privaten Robert Altman erlauben, von dem man sonst nie viel zu Gesicht bekommen hat. Man sollte sich davon allerdings keine allzu tiefen Einblicke erhoffen, erst recht nicht in etwas kontroversere Themen, deren Beleuchtung an dem Denkmal kratzen würde, das dieser Film eindeutig für sein Subjekt zu errichten versucht. Es blitzen Andeutungen auf, dass Altmans Familienleben oft nicht gerade harmonisch war, und dass er viele Jahre mit Alkohol- und Glücksspielproblemen zu kämpfen hatte. Vertieft wird das allerdings nicht.

Vorhalten kann man das dieser Dokumentation aber eigentlich nicht, denn wirklich vertieft wird hier tatsächlich nichts. Dafür fehlt einfach die Zeit. In 96 knackig aufbereiteten Minuten kann man letztlich alles nur streifen, wenn man die umfangreiche Karriere und das facettenreiche Leben von Robert Altman in seiner Gesamtheit dokumentieren möchte. In all seiner Knappheit bietet "Altman" damit eine umfassende und sehr gut gemachte Einführung in ein Lebenswerk, das es nach wie vor mehr als Wert ist, von jedem wahren Liebhaber des Kinos entdeckt und erforscht zu werden. Diese Dokumentation macht auf jeden Fall große Lust, sich einige von Altmans cineastischen Großtaten (noch) einmal anzusehen. Und damit dürfte ihre selbst gesteckte Mission auch schon erfüllt sein, jenseits einer bleibenden Erinnerung an einen der bedeutendsten Regisseure des amerikanischen Kinos.

Frank-Michael Helmke

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