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Antikörper

Antikörper
psycho-thriller , deutschland 2005
original
regie
christian alvart
drehbuch
christian alvart
cast
wotan wilke möhring,
heinz hoenig,
andré hennicke,
nina proll,
hauke diekamp, u.a.
spielzeit
122 Minuten
kinostart
7. Juli 2005
homepage
bewertung

9 von 10 Augen

Als David Finchers "Sieben" 1995 in die Kinos kam, gelang dem Ausnahmeregisseur mit seinem Ausnahmewerk das besondere Kunststück, ein Subgenre gleichzeitig zu neuem Leben zu erwecken und nachträglich zu Grabe zu tragen: Hatte man den Serienmörder-Thriller vor "Sieben" eigentlich für sattsam durchgekaut gehalten, bewiesen die nach "Sieben" zuhauf aus dem Boden sprießenden Nachäffer, dass Finchers Geniestreich in der Tat das letzte Wort gesprochen hatte: Ein Genre-Gigant, an dem sich von nun an alle Nachfolger messen lassen mussten, und dem keiner auch nur annähernd das Wasser reichen konnte.
Umso erstaunlicher, dass ein Jahrzehnt später der erste wirklich würdige Nachfolger ausgerechnet aus Deutschland kommt: "Antikörper", das Kinodebüt des filmverrückten Autodidakten Christian Alvart, verhehlt nicht die bei "Sieben" gemachten Anleihen und zollt seinem geistigen Vorgänger gehörigen Respekt, erweist sich zugleich aber als beinah gleichwertig genialer Thriller, der sein Publikum über zwei Stunden mit eiskalter Faust packt, in finsterste Gefilde menschlicher Abgründe zieht, intensiver, rastloser Hochspannung aussetzt und bis zum furiosen Ende nicht wieder los lässt. Kurz und gut: Der beste Psycho-Thriller, den man seit langer Zeit im Kino zu sehen bekam.

Und das, obwohl der bestialische Killer den gesamten Film über hinter Gittern sitzt: In der spektakulären, düsteren Eröffnungssequenz gelingt der Polizei unter Führung von Kommissar Seiler (Heinz Hoenig) die Festnahme des seit langem gesuchten Serienmörders Gabriel Engel (André Hennicke), dem die bestialischen Sexualmorde an über einem Dutzend Teenagern zur Last gelegt werden. Auch im Heimatdorf des Landpolizisten Michael Martens (Wotan Wilke Möhring) war es zu einem erschreckenden Mord gekommen, der genau ins Schema des Serientäters passt. Der Vorzeige-Katholik Martens, der mit seinen versessenen Nachforschungen zum Mordfall und dem unterschwelligen Verdacht, der Täter könnte ein Anwohner sein, den Dorffrieden empfindlich gestört hat, reist nach Berlin, um dem Psychopathen Engel ein Geständnis abzuringen. Anstatt den Fall aber endlich abschließen zu können, wird Martens von Engel in ein verwirrendes Verhörspiel verwickelt, in dessen Verlauf sich der tiefgläubige Polizist seinen eigenen Dämonen stellen muss, und das den Tatverdacht schließlich in eine zutiefst beunruhigende Richtung lenkt....

Extrem düster ist es nicht nur in den ersten Minuten von "Antikörper" - die allgemeine Stimmung des Films bleibt konsequent finster, und auch thematisch wagt sich der Film tief ins Dunkel der menschlichen Psyche vor, wo er dann seine Zelte aufschlägt und sich standhaft weigert, wieder kehrt zu machen. Das als warnende Worte für alle irgendwie zart besaiteten Kinogänger: "Antikörper" ist starker Tobak, geht sowohl psychisch als auch visuell heftig an die Nieren und lässt einen auch nach dem Kinobesuch eine ganze Weile nicht los.
Wer bei so etwas aber nicht ängstlich die Augen zukneift, sondern sich ein außergewöhnliches, intensives Filmerlebnis erhofft, wird von "Antikörper" nicht enttäuscht werden. Wenn die Story auch manchmal arg grenzwertig ist und Regisseur und Autor Christian Alvart mit ein paar weniger Extremen wohl dieselbe Wirkung erzielt hätte - sein Film ist meisterhaft gemachtes Kino auf allerhöchstem Niveau. Schon früh stellt Alvart nachhaltig seine gekonnte Beherrschung eindrucksvoller Widescreen-Bildführung unter Beweis und zeigt, dass es auch in Deutschland durchaus Talente gibt, die Breitbild-Kino in wahrhaft großem Format machen können - man muss sie nur lassen. Mit dem exzellenten Soundtrack von Michl Britsch weiß Alvart die verstörende Intensität seiner Bilder zusätzlich zu erhöhen und nutzt so eindrucksvoll alle ihm zur Verfügung stehenden Inszenierungsmittel, um größtmögliche Wirkung auf den Zuschauer auszuüben - mit geradezu beängstigendem Erfolg.

Wirklich beängstigend ist auch André Hennicke als Psychopath Engel, der sich furchtlos und ungebremst in seine Rolle stürzt und die unheimliche, dunkle Bedrohung seiner Figur perfekt zu transportieren weiß - ein kranker Geist, der auch gefesselt, verkrüppelt und hinter Gitterstäben noch in der Lage zu sein scheint, Unheil und Tod über die Welt zu bringen. In der Tat hat es seit "Sieben" keinen Psychopathen mehr gegeben, der solch ein durchtriebenes und diabolisches Spiel mit seinen gesetzestreuen Kontrahenten gespielt hat.
Hennicke absolut ebenbürtig, wenn auch auf gänzlich anderer Wellenlänge ist Hauptdarsteller Wotan Wilke Möhring ("Eierdiebe", "Lammbock"), der dem intensiven Spiel seines Gegenübers in nichts nachsteht, dabei aber wesentlich subtilere Akkorde spielen muss. Der grausame innere Konflikt zwischen Martens' tugendhaft-christlicher Weltsicht und den Versuchungen und Abgründen, denen er sich mit der Reise in die Großstadt und der Auseinandersetzung mit Engel stellen muss, verlangt dem Schauspieler alles ab - eine Herausforderung, die Möhring kongenial meistert und mit beeindruckender, stetig angespannter Mimik umzusetzen versteht.
Sehr beeindruckend ist auch der Umgang mit Martens' erzkatholischem Hintergrund: Das Festhalten dieses Protagonisten an seinen christlichen Grundsätzen, seine nicht zu erschütternde Religiösität und sein Bestehen auf eine moralische Instanz sind geradezu anachronistisch - Martens ist ein Typ Mensch, den es immer seltener gibt und der vor allem noch nie als Held eines modernen Kinofilms aufgetreten ist. Charaktere wie Martens und der Rest seiner Dorfgemeinschaft dienen sonst als verbohrte, ewig gestrige Moralprediger - Witzfiguren, die von aufgeklärten Protagonisten bloß gestellt werden. Nicht so hier: Alvart begegnet den Dörflern respektvoll, verhöhnt sie nicht und setzt sich mit einer Ernsthaftigkeit mit Martens' religiösen Grundsätzen auseinander, die in ihrer vorurteilsfreien Offenheit sehr positiv überrascht und nicht zuletzt die folgende intensive Darstellung von Martens' inneren Konflikten und die daraus resultierende, immense Spannung des Films überhaupt erst ermöglicht.

Das einzige, was an "Antikörper" nicht so recht passen will, ist sein Titel - klingt der doch eher nach krudem Medizin-Thriller á la "Anatomie" und hat letztlich auch nichts mit dem Inhalt zu tun. Aber das ist eine Marginalie, die schnell vergessen ist angesichts der makellosen Pflichterfüllung von allem, was man von einem nahezu perfekten Psycho-Thriller erwarten kann: Grandiose Darsteller, die hervorragend herausgearbeitete Figuren zum Leben erwecken; eine spannende, sich stetig wendende Geschichte, die immer wieder zu überraschen weiß und ihre besten Trümpfe erst ganz zum Schluss ausspielt; ein wirklich meisterlich arbeitender Regisseur, dessen Inszenierung all dies auch zur vollen Entfaltung kommen lässt; und letztlich ein Filmerlebnis von solch konsequenter Intensität, dass man mit wackeligen Beinen und Gänsehaut den Kinosaal verlässt. Wenn's auch manchmal etwas weit geht: "Antikörper" packt einen gnadenlos und lässt zwei Stunden lang nicht eine Sekunde wieder locker - ein größeres Kompliment kann man einem Thriller wohl nicht machen.

Frank-Michael Helmke

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