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At First Sight

At First Sight
liebes-drama , usa 1998
original
regie
irwin winkler
drehbuch
steve levitt
cast
val kilmer,
mira sorvino,
nathan lane,
bruce davison,
kelly mcgillis, u.a.
spielzeit
128 Minuten
kinostart
10. Juni 1999
homepage
bewertung

2 von 10 Augen

Es kommt nicht häufig vor, daß ein Film schon nach fünf Minuten verloren hat. Die meisten Streifen können sich über ein gutes Viertelstündchen retten, bis dem Zuschauer klar wird, daß er hier wahren Bockmist vor sich hat. „At first sight“ schafft noch nicht einmal das. Aber gehen wir der Reihe nach. Der erste Name, der eingeblendet wird, ist der von Val Kilmer. Begleitet wird dies von einer Aufnahme des schönen Blonden, wie er sonnenbebrillt in einer Schneelandschaft sitzt, begleitet von melancholischer Musik. Erstes Unbehagen macht sich breit: Kilmer und Charakterrolle, kann das gut gehen? Als nächstes erscheint Mira Sorvino. Man beginnt wieder zu hoffen, das ist ja nicht die schlechteste. Dann kommt der Filmtitel, und irgendwann folgt die Einblendung „Based on the book `To see and not see´“. Aha, Val Kilmer spielt dann wohl einen Blinden (namens Virgil), und Mira Sorvino als New Yorker Architektin Amy wird sich in ihn verlieben. Für diesen Schluß braucht der Zuschauer etwa 30 Sekunden. Mal sehen, wie lange Amy dafür braucht.

Diese befindet sich auf dem Weg in einen kleinen Erholungsurlaub in einem Sporthotel. Auf dem Weg verfährt sie sich und sieht bei dieser Gelegenheit einen Mann mitten in der Nacht auf einem Waldweiher Eishockey spielen. Natürlich ist das Virgil. Am nächsten Morgen läßt sie sich von diesem Herrn eine Massage verpassen, realisiert aber weder, daß das der Kerl von gestern nacht ist, noch seine Blindheit. Stattdessen fängt sie völlig unvermittelt mitten in der Massage an zu heulen. Wieso? Keine Ahnung. Sie tut es halt. Anschließend sieht sie den guten Virgil dann mit einem Eishockeyschläger als Blindenstock durch die Hotelhalle gehen, folgt ihm raus auf den Parkplatz und beginnt eine nette Unterhaltung. Und erst, als er ihr am Ende nicht die Hand gibt, weil er diese nicht sieht, da dämmert es ihr schließlich, daß der Mann womöglich blind ist (nebenbei: später im Film braucht ein kleiner Junge für diese Erkenntnis genau drei Sekunden). In der nächsten Szene bindet sich Amy dann einen Schal um die Augen, und rennt in ihrem Hotelzimmer gegen den Schreibtisch. Wer diesen Film jetzt noch für voll nimmt, ist selber Schuld.

Und dann finden sie langsam zueinander, und sind auch glücklich, und weil erst eine Stunde um ist, muß ja noch was passieren. Und so stolpert Amy auf einmal über einen Zeitungsartikel, der eine neue Heilung für Augenkrankheiten anpreist (Merke: Der Film braucht volle 60 Minuten, um zum eigentlichen Punkt zu kommen!). Und schon sind wir im nächsten Klischeestrudel: Wir haben den Wunderdoktor, der Virgil sein Augenlicht wiedergibt, dann haben wir auch endlich mal einen kleinen Konflikt, da das Sehen nicht so funktioniert, wie er sich das vorgestellt hat, und selbstverständlich darf auch der Therapeut mit den unorthodoxen Behandlungsmethoden nicht fehlen, der ihm hilft, die Welt im richtigen Licht (bzw. überhaupt vernünftig) zu sehen. Dummerweise wird Nathan Lane, als Therapeut der einzige Lichtblick des ganzen Films, mit zwei undankbaren Szenen abgespeist, und kann daher kaum Wirkung zeigen.

Drumherum gibt es noch ein bißchen Story, die gnadenlos jedes Klischee mitnimmt, daß am Straßenrand liegt. Die eifersüchtige Schwester des Blinden, der schmierige Ex-Mann von Amy, das obligatorische Familiendrama, daß tief in den Erinnerungen der Kindheit begraben liegt (völlig überflüssig und ohne jeden Sinn und Zweck), und die gegenseitige Erleuchtung, die sich die beiden Liebenden bringen. Das ganze ist so vorhersagbar, eintönig und uninteressant, daß im Kinosaal ein Wettbewerb um den geschmacklosesten Blindenwitz entbrennt, um die Ödnis auf der Leinwand zu bekämpfen.

Val Kilmer scheitert natürlich kläglich. Während man bei Mira Sorvino noch sagen kann, daß ihre Rolle einfach fürchterlich geschrieben wurde, ist Mister Kilmer mit Abstand der schlechteste Filmblinde seit der Erfindung des Zelluloid. Nicht nur, daß er die erste Stunde über fast chronisch lächelt und so schon fast ekelerregend glücklich wirkt (fehlte nur noch das Perlweiß Product-Placement), er kann sich auch nicht dafür entscheiden, was er mit seinen Augen machen soll. Die drei Möglichkeiten: Man hält sie die ganze Zeit über halb geschlossen, man läßt sie auf (siehe Al Pacino in „Der Duft der Frauen“), oder man trägt eine Sonnenbrille. Kilmer probiert alle aus, obwohl er sich für eine hätte entscheiden müssen. Kleiner Schönheitsfehler noch dazu: Er hält die goldene Regel, seinem Gegenüber nie in die Augen zu schauen, solange ein, wie er keine Sonnenbrille trägt. Hat er die aber auf der Nase, glotzt er Mira ganz unverhohlen ins Gesicht. Val, auch Sonnenbrillen sind durchsichtig. Irgendwann geht auch dieser Film einmal zu Ende. Und nachdem man sich ausgiebigst an einer schlechten Kopie von „Zeit des Erwachens“ ergötzen durfte, kommt das Übelste natürlich ganz zum Schluß. „Dieser Film basiert auf einer wahren Begebenheit“. Es stand zu befürchten. RTL ist wenigstens so fair, diesen Hinweis am Anfang einzublenden, damit man getrost umschalten kann. Dieser Satz sagt uns zwei Dinge: Wenn Sorvino und Kilmer nicht mitgespielt hätten, wäre dieser Streifen fürs Fernsehen produziert worden, und da gehört er bestenfalls auch hin. Und das zweite Fazit: Die langweiligsten Geschichten schreibt das Leben selbst. Und das ist irgendwie sehr deprimierend.

Frank-Michael Helmke

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