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Auto Focus

Auto Focus
biografie , usa 2002
original
regie
paul schrader
drehbuch
michael gerbosi
cast
greg kinnear,
willem dafoe,
maria bello,
rita wilson, u.a.
spielzeit
105 Minuten
kinostart
26. Juni 2003
homepage
bewertung

8 von 10 Augen

Der Regisseur und Drehbuchautor Paul Schrader gilt seit Beginn seiner Karriere als Moralist mit einem unübersehbaren Faible für die dunkle Seite der menschlichen Natur. 
"Ich bin Gottes einsamster Mensch", ließ er Robert de Niro als Travis Bickle in Martin Scorseses "Taxi Driver" sagen; ein Satz der beispielhaft für Schraders Gesamtwerk stehen könnte. Denn sowohl in seinen Drehbüchern für Scorsese ("Wie ein wilder Stier", Die letzte Versuchung Christi") wie auch in seinen eigenen Filmen (" American Gigolo", "Affliction") geht es vornehmlich um die Schattenseiten übermäßiger Hingabe, um die Isolation des Individuums oder verstörende Formen der Sexualität. 
Gerade letztere äußern sich bei Schrader häufig als Symptom der Einsamkeit und Verzweiflung, und so scheint es kaum ein Zufall zu sein, dass er sich in "Auto Focus" der Geschichte des Ende der siebziger Jahre ermordeten Schauspielers Bob Crane annimmt; eines Mannes, dessen Leben durch ausschweifende sexuelle Eskapaden eine dramatische Wendung zum Negativen vollzog:
Der Film beginnt im Jahre 1964 und führt Crane als erfolgreichem Radio-DJ ein, welcher die gesichtslose Anonymität des Studios gegen ein Leben im schillernden Rampenlicht eintauschen möchte. Daher nimmt der treusorgende Familienvater die Rolle des Colonel Hogan in der Sitcom "Ein Käfig voller Helden" an, mit der er über Nacht zum Star avanciert (die Reihe war eine aufs Serienformat ausgedehnte Comedy-Adaption von Billy Wilders "Stalag 17" und spielte in einem deutschen Kriegsgefangenenlager, in dem der raffinierte Colonel Robert Hogan seinen Schindluder mit den unfähigen deutschen Wärtern trieb). 
Eines Tages lernt Crane am Set den Videotechniker John Carpenter (gespielt von Willem Dafoe und nicht zu verwechseln mit dem einflussreichen Regisseur) kennen und schließt alsbald mit ihm Freundschaft. Aber Carpenter führt den Schauspieler nicht nur in die Vorzüge des analogen Aufnahmeverfahrens ein, sondern macht ihn ebenso auf die mannigfaltigen Möglichkeiten aufmerksam, welche der neugewonnene Starappeal Cranes dem Duo bei den Frauen eröffnet. 
Es dauert nicht lange, und die zwei Männer erliegen allabendlich der Versuchung, mit stets wechselnden Partnerinnen ins Bett zu steigen. Auch das Festhalten des Liebesspiels durch die Videokamera wird zu einer täglichen Routine. Doch als Cranes erste Ehe zerbricht und er den Zenit seines Erfolges überschritten hat, offenbaren sich die Schattenseiten seines sich zur Obsession entwickelnden Liebestriebs.

Schraders neue Regiearbeit basiert in ihren Grundzügen auf dem Tatsachenroman "The Murder of Bob Crane" von Robert Graysmith. Dennoch fügt sich "Auto Focus" nicht in die Reihe der typischen Filmbiographien ein, da es nicht das Anliegen des Films ist, den nebulösen Mord an Crane aufzuklären (auch wenn "Auto Focus" gegen Ende eine offenkundige Interpretation anbietet); vielmehr zieht der Regisseur die lang geheim gehaltene Sexsucht Cranes als Ausgangspunkt heran, um allein die Ereignisse zu dokumentieren, welche schlussendlich in dem Verbrechen kulminierten. 
Im Zentrum des Films steht dementsprechend die Folie à deux zwischen Bob Crane (dessen Wandlung vom katholischen Familienvater zum hemmungslosen, aber nicht böswilligen Sexaholic von Greg Kinnear eindrucksvoll interpretiert wird) und John Carpenter (den Dafoe mit der ihm eigenen Mischung von Verstohlenheit und Verwundbarkeit darstellt).
Der Film zeichnet ihre Verbindung - und hier nimmt sich "Auto Focus" große künstlerische Freiheit - als eine kapriziöse Art der Symbiose, in der jeder den anderen benötigt, um seine individuellen Bedürfnisse zu befriedigen: Während Crane die Frauen mit seinem Ruhm und Charme gefügig macht, stellt Carpenter das notwendige Material zur Verfügung, um die hemmungslosen Orgien auf Video zu bannen. 
Der episodische Film, der sich über einen Zeitraum von beinahe fünfzehn Jahren erstreckt, weist zudem auf der visuellen Seite eine gelungene Wiederbelebung der siebziger Jahre (inklusive einem fast authentischen Set von "Ein Käfig voller Helden") sowie einen kalkulierten visuellen Stil auf: Zu Beginn arbeitet Schrader mit scharfen, lebendigen Farben, die sich mit fortschreitender Dauer - analog zu Cranes künstlerischem und sozialen Abstieg - in verwischte, monochrome Töne umwandeln. Auch wenn dieser Effekt erzwungen und aufgesetzt erscheinen mag, so verfehlt er - in Kombination mit Angelo Badalamentis atonaler Filmmusik - gerade im Laufe der letzten zwanzig Minuten nicht seine beabsichtigte Wirkung. Hier wirkt der Film niederdrückend, beinahe dunkel und veräußerlicht effektvoll das Innenleben des Protagonisten.

Was man "Auto Focus" hingegen vorwerfen könnte, ist die vermeintliche Gehaltlosigkeit seiner Figurenzeichnung. Crane und Carpenter muten teilweise wie Parodien ihrer realen Vorbilder an, und der Film unternimmt gar nicht erst den Versuch, in die Seelenlandschaften seiner Figuren hinab zusteigen.

Allerdings hat der Regisseur diesen Weg wissentlich eingeschlagen, um sein Augenmerk auf einen größeren Kontext zu richten. Bob Crane war nicht allein das Opfer seiner desensibilisierenden Sucht nach Sex, die ihn für seine Mitmenschen unempfänglich machte; er war auch ein Opfer seiner Zeit: Auf der einen Seite erlaubte ihm die aufkommende Videotechnik die Archivierung seiner sexuellen Abenteuer und steigerte seine Gier durch die Möglichkeit des beliebigen Abspielens in den eigenen vier Wänden (ein Umstand, dem Schrader in seinem Film demgemäß viel Aufmerksamkeit beimisst). Zum anderen spiegelt sich in dem Niedergang Cranes bzw. in seinem Wertewandel auch die Veränderung des Normgefüges der siebziger Jahre wieder, in der die bourgeoisen Richtmaße des Mittelklasse-Amerikas (und die aller anderen Länder) im Zuge der sexuellen Revolution komplett umgewälzt wurden. Zu seinen Tagen fiel Crane durch das gesellschaftliche Raster, während man ihm seine Tollheiten in der Gegenwart verziehen oder sie zumindest akzeptiert hätte. 
Dieser Gesamtrahmen ist nötig, weil die Figur des Bob Crane für sich gesehen wohl kaum einen reizvollen Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm abgegeben hätte (zumal "Ein Käfig voller Helden" in Europa zu keinem Zeitpunkt an den Erfolg in Amerika herankam und der Schauspieler hierzulande nur wenigen ein Begriff ist). 
So erscheint es nur folgerichtig, wenn "Auto Focus" viele wesentliche Fragen hinsichtlich Cranes Motivation oder seiner psychologischen Hintergründe offen lässt. Denn Schrader widmet sich allein den - im wahrsten Sinne des Wortes - nackten Tatsachen, ohne eine Moral oder Botschaft transportieren zu wollen. Er möchte weder provozieren noch mit dem erhobenen Zeigefinger auf Bob Crane zeigen, sondern einzig den Fall eines tragischen Helden porträtieren, der selbst nach seinem Tod keinen Deut dazugelernt hat (ein posthumer Voice-Over des Verstorbenen teilt zum Schluss ohne einen Hauch des Bedauerns mit, dass Männer einfach Spaß haben müssen). 
Zudem stellt der Film durch den vollkommenen Verzicht auf jedwede Sinndeutungen die zuweilen destruktiv wirkende Faszination des Sex als eines der letzten Mysterien der Gegenwart dar. Und diese Anliegen vermittelt "Auto Focus" mit besonderer Prägnanz.

 

Benjamin Hachmann

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