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Easy Rider

Easy Rider
road movie , usa 1969
original
easy rider
regie
dennis hopper
drehbuch
dennis hopper, peter fonda, terry southern
cast
peter fonda,
dennis hopper,
jack nicholson,
luana anders, u.a.
spielzeit
95 Minuten
kinostart
homepage

„It’s real hard to be free, when you are bought and sold in the marketplace. Don’t tell anybody that they’re not free, because then they’re going to get real busy killing and maming to prove to you that they are. They’re going to talk to you and talk to you about individual freedom. But if they see a free individual, it’s going to scare them. It makes them dangerous.” (Jack Nicholson als George Hanson)

Easy RiderDennis Hoppers Road-Movie „Easy Rider“ ist ein durch und durch amerikanischer Film in dem Sinne, dass sich in ihm, ganz so wie in der amerikanischen Gesellschaft, alles um die Freiheit dreht. Dennoch wird sich im Laufe des Films eine gefährliche Kluft zwischen den beiden Helden des Films und der amerikanischen Gesellschaft auftun, deren Folgen verheerend sein werden. Diese Kluft lässt sich ausgerechnet auf den Begriff der Freiheit zurückführen, das heißt darauf, dass die Helden eine Vorstellung von Freiheit leben, die mit jener der Gesellschaft grundsätzlich unvereinbar ist. Der Grund dafür offenbart sich uns im Herzstück des Films, wenn George Hanson (Jack Nicholson) eine traurige Erkenntnis mit uns teilt: Angesichts eines wahrhaft freien Menschen ist die amerikanische Gesellschaft bereit zu den äußerten Mitteln zu greifen – zu Mord und Todschlag –, um ihre falsche Freiheit zu verteidigen. Hanson antizipiert damit den (gelinde ausgedrückt) ernüchternden Schluss des Films, in dem der Freiheitssuche seiner beiden Helden gewaltsam ein Ende bereitet wird.
 

Die Helden, Wyatt a.k.a. Captain America (Peter Fonda) und Billy (Denis Hopper), stehen schon zu Beginn des Films am Rande der Gesellschaft. Mit einem Koks-Deal verdienen sie sich das nötige Geld für ihre Reise, auf der sie zunächst New Orleans ansteuern, um Mardi-Gras, den Karneval der amerikanischen Südstaaten, zu feiern. Ihr eigentliches Ziel scheint dabei jedoch jenseits eines benennbaren Ortes zu liegen, verschreiben sie sich doch vielmehr der im Grunde ziellosen Suche nach Freiheit.

Die nicht enden wollenden Sequenzen, in denen Wyatt und Billy auf ihren Harleys ins Nirgendwo fahren, bedienen zum einen natürlich die Konventionen des Road Movies. Damit ist die Sache jedoch nicht abgehakt. Denn darüber hinaus lassen sie uns eine Freiheit schmecken, die gerade in der Ziellosigkeit liegt; in einer Reise, die keinem Zweck mehr zu dienen braucht. Diese langatmigen Landschaftsaufnahmen von Kameramann László Kovács, die zuweilen wie eine endlos verlängerte Titelsequenz daher kommen, verleihen einer innigen Liebe zu diesem Land Ausdruck, dessen Identität sich nicht nur aus den gesellschaftlichen Verhältnissen speist, sondern auch aus der Weite der Natur, die das stumme Versprechen nach Freiheit bereits in sich trägt.

Easy Rider

„Easy Rider“ untermalt die Bilder der amerikanischen Landschaft mit der Musik von Steppenwolf, The Byrds, Jimi Hendrix und anderen und war damit einer der ersten Filme, der keinen eigens komponierten Score, sondern eine Kompilation populärer Songs als Soundtrack verwendete. Kein Wunder, dass diese Sequenzen eher einer Reihe von Musikvideos als einem Film ähneln. Doch das ist alles andere als ein Makel. Denn die Besonderheit dieser Bilder besteht gerade darin, dass sie nicht länger dem Zwang unterliegen, irgendetwas (schnell) erzählen zu müssen und erst dadurch zu wirklich freien und eigenständigen Bildern werden. In diesen Momenten lädt „Easy Rider“ regelrecht dazu ein, der Hektik des gesellschaftlichen Alltags zu entfliehen, und vermittelt so – besser als jede ausgefeilte Dramaturgie und Handlung es könnte – das eigentliche Lebensgefühl dieser beiden Helden.

Nutz- und Zwecklosigkeit sind hier also kein Mangel, sondern Ideen und Variationen der Freiheit, die dieser Film sucht. Wenn Wyatt und Billy am Ende des Tages nur wortkarg am Lagerfeuer sitzen, so ist auch dies ein Ausdruck von Freiheit, denn sie versuchen immer auch, der Zeit zu entkommen und der ständigen Drohung von Vergänglichkeit, die wie eine schwere Last auf diesem Film ruht. Es ist dann durchaus als eine symbolische Geste zu verstehen, dass Wyatt zu Beginn seine Armbanduhr in den Dreck wirft zu all den uralten Dingen, die einmal einen Wert besessen haben und in der amerikanischen Wüste nur noch wie Fossilien wirken.
 

Easy RiderDie Suche nach Freiheit ist für sich genommen schon schwer genug, doch sie stößt auch noch auf weiteren Widerstand. So werden die Helden auf ihrer Reise immer wieder mit der Ablehnung der ländlichen Bevölkerung konfrontiert, durch die jeder Kommunikationsversuch bereits im Keim erstickt wird. Sie treffen aber auch auf mehr oder weniger Gleichgesinnte, machen Halt in einer Hippie-Kommune, die mitten in der staubtrockenen Wüste Getreide anbaut und in religiöser Ehrfurcht auf Regen hofft. Das Bild, das der Film von dieser Gemeinschaft am Rande der Gesellschaft zeichnet, greift gleich mehrere Wurzeln und Mythen der westlichen Kultur auf. Mit ihren abgezehrten andächtigen Gesichtern, die in einer eindrucksvollen Panoramafahrt nach und nach von der Kamera eingefangen werden, muten die Hippies wie biblische Propheten an. Sie rufen uns die Geschichte des israelitischen Volks ins Gedächtnis, das von Moses in die Wüste geführt wurde, um eine neue Heimat zu finden und auf seiner Reise Entsagungen und Opfer, Hunger und Durst zu erleiden hatte, und erinnern gleichzeitig an die Pilgerväter, die Amerika vor 400 Jahren besiedelten. Doch auch wenn die Hippies als Pioniere und Begründer einer neuen Gesellschaftsform dargestellt werden, lastet über ihnen eine tiefe Verzweiflung. Es ist kaum möglich, Wyatts optimistisches „They’re gonna make it“ zu teilen, denn wesentlich schwerer wiegt der Eindruck eines unwiederbringlichen Verlustes: Der Anblick alter Muscheln zeugt davon, dass an der Stelle dieses ausgedörrten Stück Landes einst der Ozean gewesen sein muss. Die Hoffnung liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit.
 

„Easy Rider“ ist von einer unglaublichen Melancholie durchzogen, die aber so schön ist, dass man sie genießen und sich in ihr verlieren kann. Dass die Suche nach der Freiheit in dem Film scheinbar nur mit einem Traum von Weltflucht und gesellschaftlichem Rückzug beantwortet werden kann, will nicht ganz in die Zeit der 68er-Bewegung passen, die eine aktive Mit- und Neugestaltung von Gesellschaft und Politik anstrebte. Wenn in den 60er Jahren gesamtgesellschaftliche Probleme wie kapitalistische Ausbeutung, herrschaftliche Gewalt und kriegerische Auseinandersetzungen kritisiert und verhandelt wurden, so doch immer zum Zwecke der aktiven Veränderung. Im Gegensatz dazu sind die Protagonisten von „Easy Rider“ längst in die Passivität und Selbstvergessenheit geflüchtet. Der Ruf nach Veränderung scheint in ihnen längst verstummt zu sein, falls er überhaupt je existiert hat. Tatsächlich ist explizite Gesellschaftskritik eine Seltenheit in diesem Film, der zum Großteil aus Schweigen besteht. So zeugt „Easy Rider“ auch hier von einem unwiederbringlichen Verlust, von Niedergang und Resignation am Ende der 68er-Ära, von einer tiefempfundenen Erschöpfung und dem Zynismus, der bleibt, wenn Probleme erkannt, aber nicht gelöst werden können.

Easy Rider

Wenig erbaulich ist dann vor allem die Figur des George Hanson, der die Schattenseite des amerikanischen Traums verkörpert. Anders als Wyatt und Billy, die beide außerhalb der Gesellschaft stehen, scheint Hanson ständig auf der Schwelle zum sozialen Abseits entlang zu torkeln. Er ist einerseits erfolgreich als Anwalt in die Gesellschaft integriert, gibt sich andererseits aber dem übermäßigen Alkoholkonsum hin, wodurch ihm ständig der gesellschaftliche Fall droht. In dem Balance-Akt zwischen Alkohol und Karriere scheint er sich jedoch gut eingerichtet zu haben und vielleicht braucht er den regelmäßigen Absturz, um das rücksichtslose Karrierestreben und die fragwürdige Juristerei zu überleben.

Diese Figur ist in „Easy Rider“ jedenfalls bei weitem die interessanteste, was zum einen dem exzentrischen Schauspiel des (damals noch sehr jungen) Jack Nicholson zu verdanken ist, das die eher dezenten Darbietungen von Peter Fonda und Dennis Hopper um Längen aussticht. Zum anderen findet der Film die Figur des George Hanson als zynische Antwort auf seine vielen Versuche, die amerikanische Identität zu ergründen und zu hinterfragen. Hanson ist die Karikatur des erfolgreichen Amerikaners, der den Footballhelm seiner Highschool-Tage wieder hervor kramt, um sich auf den Weg in ein erstklassiges Bordell zu machen und dabei immer eine Flasche Hochprozentiges in der Jackentasche hat. „Easy Rider“ entlarvt damit das falsche Freiheitsversprechen des amerikanischen Traums: Vom Tellerwäscher zum Millionär – das ist eben zuerst einmal ein kapitalistischer Traum, in dem Freiheit und Selbstverwirklichung nur unter der Bedingung des finanziellen Erfolgs möglich sind (Das erste, was George Wyatt und Billy beibringt, ist, wie sie sich aus dem Gefängnis freikaufen und dass ihre Freiheit 25 Dollar kostet).

In dieser Hinsicht ist „Easy Rider“ bis heute aktuell. Die Freiheit, sich alles kaufen zu können, und die Freiheit, sich nichts mehr kaufen zu müssen – das sind eben zwei verschiedene Dinge, die sich nicht miteinander vereinbaren lassen. Wie wichtig die Illusion der (kapitalistischen) Freiheit in der amerikanischen Gesellschaft ist, wird letztlich daran deutlich, wie vehement und gewaltsam sie verteidigt wird. Hansons bittere Vorhersage, der zufolge die Repräsentanten der wahren Freiheit getötet und verstümmelt werden, erfüllt sich am Ende des Films, das so unbegreiflich und ungerechtfertigt daher kommt, dass es überhaupt nur vor dem Hintergrund von Hansons Worten verstanden werden kann und auch dann nur mit heftigem Widerwillen.
 

Easy RiderBevor es dazu kommt, entwickelt „Easy Rider“ in seiner zweiten Hälfte eine regelrechte Sogwirkung, die in einem Drogenrausch der Helden gipfelt, der deprimierender und verstörender nicht sein könnte. Dennis Hopper, der für diesen Film das erste Mal auf dem Regiestuhl Platz nahm, beweist hier seine visionären Qualitäten als Regisseur (es sei einmal dahingestellt, ob diese nun seinem künstlerischen Genie zu verdanken sind oder schlichtweg die Folgen seines eigenen Drogenkonsums während der Produktion des Films). Das Ergebnis ist in jedem Fall sehenswert: Vor allem mit seinen unkonventionellen Schnittexperimenten setzt Hopper seine Arbeit deutlich vom Hollywood’schen Mainstream ab und zeigt, dass seine Ambitionen eher am europäischen Autorenkino orientiert sind. Das wurde von der zeitgenössischen Filmkritik teilweise als schmückendes Beiwerk abgetan, das dann lediglich als eine Art pseudo-poetischer Versuch zu werten wäre. Doch wird dem Film damit zutiefst Unrecht getan und übersehen, dass das Unkonventionelle in „Easy Rider“ nie bloßer Selbstzweck ist. Stattdessen verleiht es dem Film eine hypnotische Wirkung, die einzig in ihrer Art ist und ihm seinen verdienten Platz unter den Meisterwerken der Filmgeschichte sichert.
 

1969 stand Hoppers Regiedebüt am Anfang einer neuen filmgeschichtlichen Epoche. Gemeinsam mit „The Wild Bunch“ (1969, Sam Peckinpah) und „Bonnie und Clyde“ (1967, Arthur Penn) läutete er Ende der 60er die Ära des New-Hollywood-Kinos ein, das in den folgenden beiden Jahrzehnten Größen wie Scorsese, Coppola oder Malick hervorbrachte. Auf den ersten Blick mag „Easy Rider“ daherkommen wie ein mittelmäßiges Road Movie über zwei gesellschaftliche Außenseiter, die ihr Leben nur zwei Dingen verschrieben haben: dem Drogenrausch und dem Motorradfahren. Er ist jedoch weit mehr als das. „Easy Rider“ ist ein filmisches Gedicht über das amerikanische Freiheitsversprechen, über Religion und Sinnsuche. Er lehrt uns etwas über die grausame Rache, zu der die Gesellschaft denen gegenüber fähig ist, die ihr den Rücken kehren; über die Zeit, ihre unaufhaltsame Vergänglichkeit, die Versuche, ihr zu entkommen; und über den Tod.

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Heide Langhammer

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