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Nanuk der Eskimo

Nanuk der Eskimo
dokumentation , usa 1922
original
nanook of the north
regie
robert j. flaherty
drehbuch
robert j. flaherty
cast
allakariallak,
nyla,
cunayou,
allee,
allegoo, u.a.
spielzeit
79 Minuten
kinostart
homepage
"Nanuk der Eskimo", allein der Titel dieses Meisterwerks wird bei den meisten eher Schmunzeln als Ehrfurcht hervorrufen. Es handelt sich aber keinesfalls um eine Ergänzung der "Kleiner Eisbär"-Filme, sondern um den ersten als solchen bezeichneten Dokumentarfilm der Geschichte. Robert J. Flaherty gilt sowohl als "Vater des Dokumentarfilms" als auch als Pionier des ethnologischen Films; zu dieser Ehre kam der Amerikaner jedoch eher durch Zufall. Der Autodidakt war nämlich eigentlich in Kanada unterwegs, um Landkarten zu erstellen und die Gegend um die Hudson Bay auf Eisenerzvorkommen zu erkunden. Zu Flahertys Ausrüstung gehörte aber auch eine Filmkamera, die er 1913 das erste Mal benutzte, um die ihn faszinierenden einheimischen Inuit zu filmen. Dieses Filmmaterial verbrannte jedoch, was laut Flaherty eher ein Glücksfall als eine Tragödie war, da es ihm amateurhaft erschien.
Mittlerweile waren nämlich in der noch jungen Geschichte des Films schon mehrere so genannte "Travelogues" entstanden, cineastische Reisejournale, in denen der westlichen Welt exotische Orte näher gebracht werden sollten. Flaherty beschloss, wieder in den Norden zu reisen um einen solchen Film zu drehen, der am Beispiel eines Individuums das Leben einer ganzen Gruppe beschreiben sollte.
Dieser Film kam schließlich als "Nanuk der Eskimo" in die Kinos (den Discovery Channel gab's ja noch nicht) und wurde zum Publikumserfolg und Kult, bei dem selbst Michael Moore kaum mithalten kann: Da gab es sowohl einen Nanuk-Schlager und ein Eis am Stiel als auch eine Band namens Nanook of the North und dazu auch noch einen Frank Zappa-Song über den tapferen Eskimo.

Mit dem Film selbst hatte das natürlich eher wenig gemeinsam. Die wunderschön urige Anfangssequenz zeigt das von Eisschollen bedeckte Meer, bis wir schließlich Nanuks Familie vorgestellt bekommen. In einer unfreiwillig komischen Szene sehen wir, wie viele Menschen (und Tiere) in so ein Kajak reinpassen... In kleinen Vignetten folgen Bilder des Alltags: Nanuk präpariert sein Boot, baut ein Iglu, geht auf die Jagd. Mit seinen Fellen begibt er sich zum Trading Post, um zu handeln, denn so unberührt diese Kultur auch zu sein scheint, vom "weißen Mann" war sie auch Anfang des letzten Jahrhunderts nicht mehr verschont.
Die Sequenz an de Handelstation ist eigentlich die einzige, die kitschig wirkt, da Flaherty es sich nicht nehmen lässt zu zeigen, wie Nanuk in eine Schallplatte beißt und sein Sohn lächelnd den ansonsten bei Kindern so verhassten Lebertran trinkt. Höhepunkt des Films ist die Walrossjagd, deren beeindruckende Aufnahmen Darwins These zum Überleben des Stärkeren illustrieren.

Natürlich stellte sich damals wie heute die Frage, was einen Film zum Dokumentarfilm macht. Akademiker wie Regisseure definieren das Genre immer wieder neu. Jean Rouch, der ähnlich wie Flaherty auf Umwegen zum Dokumentarfilm und zur Ethnologie kam, beschrieb die Kamera als Katalysator, die Situationen regelrecht provoziert. Andere halten nach wie vor am Mythos des Kameramanns fest, der eine Situation wie eine "Fliege an der Wand" beobachtet, ohne diese zu beeinflussen.
Zu dieser Gruppe gehört auch Richard Leacock, Kameramann bei Flahertys Film "Louisiana Story". Als Extra auf der DVD befindet sich unter anderem ein Interview mit Leacock, der trotz seines hohen Alters immer noch Filme macht. Leacock und seine Kollegen (Drew Associates) hatten die starren und schweren Kameras ohne synchronen Ton so satt, dass sie in den 60er Jahren selbst die ersten handgehaltenen Synchronkameras entwickelten und mit Filmen wie "Primary" die amerikanische Direct Cinema bzw. Cinéma Vérité-Bewegung ins Leben riefen. Leacock bezeichnet seine Arbeitsweise als "beobachtend" ("observational"), während Flaherty, ohne Ethnologe zu sein, "participant observation" betrieb, denn er nahm am Leben der Inuit teil, anstatt sie nur zu beobachten.

Obwohl "Nanuk" als Dokumentarfilm gilt, ist er wie die meisten Beiträge dieses Genres kein reines Abbild der Realität. So hieß Nanuk eigentlich Allariallak und seine Frau Nyla war nicht seine Frau, sondern Flahertys Geliebte (für seinen späteren Film "Man of Aran" stellte Flaherty ebenfalls eine Filmfamilie zusammen). Die Robbe, die Nanuk jagt, war vorher schon tot, und für die Szenen im Iglu wurde ein halboffenes Rieseniglu gebaut, das der Kamera genug Platz und Licht bot. Und trotzdem versteht es Flaherty, uns das Leben und vor allem die Atmosphäre in der Arktis näher zu bringen. Der Zuschauer spürt die Kälte, die den Schlittenhunden das Fell mit Frost bedeckt und die Menschen im Iglu zusammenrücken lässt. Flaherty zeigt den Kampf ums Überleben, den Allariallak übrigens zwei Jahre später verlor: Auf der Suche nach Wild verhungerte er im Inland.

Was diesen Film jedoch filmhistorisch und ethnographisch gesehen zur absoluten Perle macht, ist die Tatsache, dass Flaherty die Inuit nicht nur filmte, sondern sie in sein Projekt mit einbezog. Speziell zu diesem Zweck richtete er ein Filmlabor ein und stellte einen Projektor auf, um den Inuit zu zeigen, was er machte. Dies war selbst Jahrzehnte später noch absolut unüblich und zeigt Flahertys Respekt gegenüber den Inuit. Diese beteiligten sich fortan begeistert mit Vorschlägen für weitere Aufnahmen am Projekt und waren sogar bereit, bei der Jagd Beute für gute Aufnahmen zu opfern. Diese Bereitschaft wurde mit dem viel zitierten Satz "The Aggie [film] must come first" zur Legende der Filmgeschichte.

Neben dem Interview mit Richard Leacock befinden sich auf der DVD von "Nanuk der Eskimo", die übrigens dasselbe Bonusmaterial wie die amerikanische Ausgabe der viel gelobten Criterion Collection enthält, auch ein Interview mit Frances Hubbard Flaherty, die sowohl Flahertys Frau als auch seine engste Mitarbeiterin war und seinen Nachlass verwaltet. Außerdem gibt es sowohl Photos als auch Filmaufnahmen von der Expedition von 1914, Auszüge aus "Die Inszenierung im Dokumentarfilm" von Delavaud und Baudry sowie den Disney-Zeichentrickfilm "Frozen Frolics" von 1930, damit der Spaß auch nicht zu kurz kommt.
Mit dieser wunderbaren Ausstattung ist die DVD ein absolutes Muss für jeden, der sich für die Historie des Kinos und für Dokumentarfilm interessiert, denn bei "Nanuk der Eskimo" handelt es sich nicht nur um einen Meilen-, sondern sogar um einen Grundstein der Filmgeschichte.

Anna Plumeyer

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