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Steig. Nicht. Aus!

Steig. Nicht. Aus!
thriller , deutschland 2018
original
regie
christian alvart
drehbuch
christian alvart
cast
wotan wilke möhring,
hannah herzsprung,
christiane paul,
emily kusche,
aleksandar jovanovic, u.a.
spielzeit
105 Minuten
kinostart
12. April 2018
homepage
http://www.steignichtaus-derfilm.de
bewertung

6 von 10 Augen
Steig. Nicht. Aus! - Poster

Steig. Nicht. Aus!Der Investment-Makler Karl Brendt (Wotan Wilke Möhring) kommt extra früher von einer Geschäftsreise zurück, um mit seiner Frau Simone (Christiane Paul) ihren Hochzeitstag verbringen zu können. Doch statt einem schönen Frühstück gibt's erstmal Streit und Karl muss feststellen, dass Simone ihren gemeinsamen Festtag gar nicht auf dem Schirm hatte. Ein suboptimaler Start in den Tag also, aber er wird in rasantem Tempo noch viel schlimmer. Denn kaum sitzt Karl mit seinen beiden Kindern in seinem schicken SUV, um den Nachwuchs zur Schule zu bringen, erhält er einen anonymen Anruf und wird darüber informiert, dass sich in seinem Auto eine Bombe befindet. Innerhalb weniger Stunden soll Karl eine horrende Geldsumme auf ein Offshore-Konto überweisen. Schafft er das nicht oder versucht irgendjemand, aus dem Wagen auszusteigen, fliegt dieser sofort in die Luft. Schönen Tag noch. 

Christian Alvart ist einer der versiertesten Genre-Filmer, die wir in Deutschland haben. Seine enormen Fähigkeiten in der wirkungsvollen Handhabung von Genre-Standards bewies er einem breiteren Publikum erstmals 2005 mit "Antikörper", der auch international so viel Eindruck schindete, dass Alvart daraufhin von Hollywood eingekauft wurde. Seinen beiden dortigen Genrewerken "Fall 39" und "Pandorum" war leider kein Glück beschert, und seit ein paar Jahren ist Alvart jetzt wieder fest zurück in Deutschland und beschäftigt sich vor allem maßgeblich mit der Inszenierung der Til Schweiger-"Tatorte" aus Hamburg, die als fürs deutsche Fernsehen eher untypische, sehr rasante Action-Krimis daherkommen. Steig. Nicht. Aus!Dass der Stoff von "Steig. Nicht. Aus!" für Alvart reizvoll war (er adaptiert hier das Drehbuch eines italienischen Kollegen, das vor drei Jahren bereits in Spanien verfilmt worden war), ist angesichts seines üblichen Schaffens also wenig verwunderlich, und in der Tat ist er genau der richtige Mann für solch einen High-Concept-Thriller. "Steig. Nicht. Aus!" ist pures Thriller-Genrekino, lebt von seiner knackigen Prämisse und davon, dass Spannung und Tempo auf einem ebenso knackigen Level gehalten werden, so dass der Film in ebenso stetiger Bewegung bleibt wie Karls Auto. 

Und das funktioniert für die ersten 50 Minuten auch wirklich extrem gut. Das Skript zieht die Spannungsschraube hier im gefühlten Fünf-Minuten-Takt immer fester an und verdichtet das Szenario so sehr, dass man noch vor der Halbzeit des Films den Eindruck hat, dass Karl aus dieser Situation unmöglich herauskommen kann und die ganze Kiste eigentlich jeden Moment in der Katastrophe enden muss. Wie Karl unter größter Anspannung nur allein per Telefon die diversen Anteilseigner seiner Firma von einer windigen und angeblich höchst kurzfristigen Anlage-Chance überzeugen muss, damit die keinen Verdacht schöpfen und trotzdem das benötigte Geld herausrücken, ist sehr effektiv gebaut. Mit Wotan Wilke Möhring hat man zum Glück auch einen höchst fähigen Darsteller dafür, der die mühsam unterdrückte Panik von Karl (der ja gleichzeitig seine beiden Kinder auf dem Rücksitz hocken hat und verzweifelt bemüht ist, sie so wenig wie möglich zu beunruhigen) glaubwürdig rüberbringt. 

Steig. Nicht. Aus!Das Einzige, was einen in dieser ersten Dreiviertelstunde aus der packenden Vertiefung in die Erzählung rauszureißen droht, ist die Sorglosigkeit, mit der Alvart seine szenischen Hintergründe für die zahlreichen Außenaufnahmen wählt, die Karls Auto auf der Fahrt durch Berlin zeigen. Wer unsere Hauptstadt auch nur ein klein wenig kennt, kommt hier nicht umhin, reichlich irritiert den Kopf zu schütteln. Hier reihen sich prägnante Hotspots Berlins in so rascher und vor allem völlig beliebiger Folge aneinander, dass Karl binnen Sekunden mal eben von einem Winkel der Stadt in einen völlig anderen springt. Wohl allen Zuschauern, die noch nie in Berlin gewesen sind. 

Das bleibt für die erste Filmhälfte jedoch das einzig größere Manko, während Alvart mit klug gesetzten Twists den Spannungslevel immer weiter hochdreht und die vermeintlich starre Situation (Mann sitzt in seinem Auto fest und kann kaum mehr tun als telefonieren) auf immer neue Weise geschickt variiert. Ungefähr zur Halbzeit des Films kommt Karl mit seinem Wagen dann allerdings für längere Zeit zum Stehen, und da zwischenzeitlich bereits ein anderes Fahrzeug explodiert ist, hat auch die Polizei Wind bekommen, dass hier irgendwas vor sich geht. Und damit gehen leider die Makel des Films los. Denn während nun auch Hannah Herzsprung in einer für sie eher ungewöhnlichen Rolle die Bühne betritt, baut der Film einen Großteil seiner nun folgenden Verwicklungen und Spannungselemente auf einem der schwächsten Instrumente aus dem Thriller-Werkzeugkasten auf: Der die Sachlage leider komplett falsch interpretierende Polizist. Dieser sehr undankbare Part kommt hier Aleksandar Jovanovic zu, der von nun an die Spannungskurve dadurch dominiert, dass er mit geballter Inkompetenz und auf Basis schwammiger Informationen sehr spekulative Entscheidungen trifft, aber felsenfest davon überzeugt ist, absolut richtig zu liegen. Das wird spätestens dann ernsthaft ärgerlich, wenn Hannah Herzsprung und er sich um die Interpretation einer Situation streiten, in der er gut 20 Meter weit weg war, während sie direkt daneben stand, er aber trotzdem glaubt besser zu wissen, was da genau passiert ist. 

Steig. Nicht. Aus!Der bis dahin wirklich exzellent strukturierte Plot hält seine Spannung jetzt hauptsächlich dadurch, dass zwischen den Protagonisten unglaublich unsauber kommuniziert wird, weil Person A halt Person B nicht einfach sagen darf, dass... weil sonst wäre die Sache leider zu schnell aufgelöst. Hier sinkt "Steig. Nicht. Aus!" von einem außergewöhnlich guten Thriller leider herab auf das nur noch solide Mittelmaß der normalsterblichen Genre-Vertreter. Und so wundert es nicht, dass er auch, als es Richtung Showdown geht, an den üblichen Schwächen seiner Gattung krankt. Auch hier ist die Auflösung nicht einmal ansatzweise so gut wie das Setup und wie in so vielen Thrillern kristallisiert sich auch hier nach und nach heraus, dass der Bösewicht ein tiefergehendes Motiv als bloß reine Geldgier hat. Das ist einer der Faktoren, wieso es hier in der letzten Viertelstunde stellenweise haarsträubend unglaubwürdig zugeht.

Aber auch das ist etwas, was man von Thrillern der gehobenen Mittelklasse zu Genüge kennt, und während der Plot langsam ins Absurde abdriftet, kann sich "Steig. Nicht. Aus!" wenigstens immer noch auf das goldene Handwerk seines Regisseurs verlassen und dessen Fähigkeit, mit stellenweise spektakulärer und sehr stylischer Inszenierung zu übertünchen, dass das hier unter der Oberfläche längst nicht mehr wirklich überzeugend ist. Trotz einiger etwas zu bequemer Zurechtbiegungen auf der Handlungsebene bleibt "Steig. Nicht. Aus!" auf optischer Ebene ein durchweg sehr starker Film mit hervorragender Kameraarbeit, und rein cineastisch betrachtet ist das für einen deutschen Film immer noch sehr weit vorne. Kein großer Wurf, aber letztlich doch solide Genre-Kost, die unterhaltsam durchschnurrt. 

Frank-Michael Helmke

@Frank-Michael Helmke: Kann

7

@Frank-Michael Helmke:

Kann der Kritik zustimmen, allerdings eine kleine Korrektur:
Der Film wurde bereits verfilmt und zwar in Spanien. Titel ist Anrufer unbekannt...
War da ein Fehler im Presseheft???

@Sven Hamburg: Danke für den

@Sven Hamburg: Danke für den Hinweis. Ich habe das in der Rezension korrigiert.
Ich habe immer nur die Angabe "Nach einem Drehbuch von" gesehen und dann offensichtlich nicht sauber genug nachrecherchiert, ob das Skript denn nun schon anderweitig adaptiert worden war. Da der Originalautor selbst als Regisseur aktiv ist, ging ich davon aus, dass er es wenn auch selbst verfilmt hat. Auf die Idee, dass ein anderer Regisseur und dann auch noch in einem anderen Land es adaptiert haben könnte, bin ich natürlich nicht gekommen. :-)

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