| Als am Weihnachtswochenende 1997
James Camerons "Titanic" in den USA anlief, setzte sich
eine Lawine in Gang, die, als sie mehr als ein halbes Jahr später
endlich zur Ruhe kam, alles mitgerissen hatte, was in der Filmwelt
als unerschütterlich galt, und auch alles unter sich begrub,
was tatsächlich so viel Aufmerksamkeit verdient hatte. Das tragischste
Opfer von "Titanic" waren nicht die künstlerischen
Ambitionen von Leonardo di Caprio, sondern Curtis Hansons "L.A.
Confidential", der prädestiniert war fürs große
Abräumen bei der ausstehenden Oscar-Verleihung, in seltener Einigkeit
der Verleihenden auch jeden einzelnen amerikanischen Kritikerpreis
auf dem Weg dorthin mitnahm, aber dann nur in zwei Kategorien ausgezeichnet
wurde, in denen er nicht in Konkurrenz zum Eisberg-Epos stand. Dies
beweist einerseits ein weiteres Mal, wie sehr sich die Oscar-Akademie
von Glanz und Gloria blenden lässt, und ist andererseits die
tragische Leidensgeschichte eines Films, der ohne Übertreibung
zum besten gehört, was die letzten zwanzig Kinojahre hervorgebracht
haben.
"L.A. Confidential" steht dabei in einer der bedeutsamsten
und einfach nicht totzukriegenden Traditionen Hollywoods, dem "Film
noir"-Krimi mit seinen halbseidenen Helden und gefährlichen
Frauen, wo jeder seine Geheimnisse und Schwächen hat und nichts
und niemandem getraut werden kann. Seit seiner Blütezeit in
den 40er und 50er Jahren wurde diesem neben dem Western ur-amerikanischsten
aller Genres alle paar Jahre eine bemerkenswerte Referenz erteilt,
die bis dato mit Roman Polansikis "Chinatown" ihren Höhepunkt
erreicht hatte. Hansons Adaption eines Romans von L.A.'s Krimi-Fürst
James Ellroy nun kann sich mit aller Bescheidenheit auf die selbe
Stufe stellen als einer der atmosphärisch dichtesten, brillant
gespielten und gnadenlos zupackenden, kurz: besten Krimis, die die
Traumfabrik je produziert hat.
Dass
es eben nicht so träumerisch zu geht in der Stadt der Engel
ist dabei die Ausgangssituation von "L.A. Confidential":
Im Jahr 1953 erscheint die Pazifik-Metropole vielleicht nach außen
hin wie das Paradies auf Erden, wo große Stars und die typisch
amerikanische Kleinfamilie einträchtig Tür an Tür
leben, aber die Realität sieht ganz anders aus: Geleitet von
Danny DeVito als Skandalreporter Sid Hudgens (dessen "Hush-Hush
Magazine" angelehnt ist an die real existierende Großmutter
aller schmierigen Boulevard-Blätter dieser Welt) taucht der
Zuschauer ein in eine Welt voller Drogen, Prostitution, Verbrechen
und Morde. Eine Welt, in der die Cops des Los Angeles Police Department
- in der Fernsehserie "Badge of Honor" (erneut eine Anlehnung
an ein historisches Vorbild, die legendäre Polizei-Serie "Dragnet")
als solch unberührbare und gewissenhafte Helden dargestellt
- tatsächlich ein durch und durch korrupter, versoffener und
überaus gewalttätiger Haufen sind, die ihre ganz eigenen
Vorstellungen von Gerechtigkeitsvollzug haben. Das kommt auch am
Weihnachtsabend zur Geltung, als einige angetrunkene Polizisten
ein paar just verhaftete Mexikaner verprügeln, dabei aber leider
von einem Reporter fotografiert werden. Dieser Skandal hat für
mehrere Beamte Folgen: Der aufstrebende, überkorrekte Ed Exley
(Guy Pearce) sieht seine Karrierechance und staubt durch Verraten
der Kollegen und cleveres Taktieren einen höheren Posten ab.
Der Showbiz-Cop Jack Vincennes (Kevin Spacey) kollaboriert, als
ihm der Entzug seiner Berater-Funktion bei "Badge of Honor"
angedroht wird. Der
kurz vor der Pensionierung stehende Dick Stensland, ein versoffener
Schläger, wird als Sündenbock geopfert und suspendiert.
Sein latent aggressiver Partner Bud White (Russell Crowe) steht
alleine da, wird aber von Captain Dudley Smith (James Cromwell)
für ein nicht ganz legales Sonderkommando rekrutiert, das es
sich zur Aufgabe macht, die Anführer des organisierten Drogenhandels
aus der Stadt raus zu halten - mit allen Mitteln.
Die Wege dieser Cops kreuzen sich mehrfach, nachdem Dick Stensland
am Abend seiner Entlassung bei einer Schießerei umgebracht
wird und sich scheinbar unabhängige Fahndungsstränge immer
mehr überschneiden. Bei der Investigation eines Edelprostituierten-Service
müssen sich die verhassten Cops Exley und White zusammenraufen
- schwierig, wenn sich beide in die undurchsichtige Blondine Lynn
Bracken (Kim Basinger) verlieben.
Dies sind nur die knappsten Umrisse der Handlung von "L.A.
Confidential", die sich im folgenden zu einem Haufen komplexer
Verstrickungen aufschwingt, auf den jeder klassische Genre-Vorgänger
der Schwarzen Serie stolz gewesen wäre. Wenn sich am Ende alles
nahtlos ineinander fügt, kommt man nicht umhin, die Eleganz
des Storyaufbaus im zurecht mit dem Oscar ausgezeichneten Drehbuch
von Curtis Hanson und Brian Helgeland zu bewundern, ebenso wie die
Stilechtheit, mit der sie den prägenden Eigenarten ihrer Vorbilder
respektvoll Referenz erweisen und sie gleichzeitig auf den modernen
Stand bringen. So konnte z.B. physische Gewalt in den 40er Jahren
höchstens durch eine theatralische Geste angedeutet werden,
spritzendes Blut war ohnehin unmöglich. Das ist heutzutage
anders, und so ist "L.A. Confidential" wohl auch der erste
Noir-Krimi klassischer Prägung, der wirklich all die hässlichen
Dinge zeigt, von denen die anderen stets nur reden konnten.
Seine
formvollendete stilistische Eleganz auch in allen ausstatterischen
Belangen ist jedoch nur die perfekte Dekoration für die facettenreiche
Krimi-Geschichte, die in der Gegenüberstellung von Exley, White
und Vincennes ein kongeniales Portrait dreier archetypischer Polizisten
aufbaut: Der Karriere über Kameradschaft stellende Exley, für
den Gesetzes- und Regeltreue alles bedeutet und der genau deshalb
- laut Captain Smith - kein gutes Cop-Material darstellt; weil er
eben nicht wie der Instinkt-Polizist Bud White dazu neigt, erst
zu schlagen und dann zu fragen. White, der nach eigenem Moralverständnis
für die Gerechtigkeit prügelt, aber schließlich
erkennen muss, dass die Gewinner-Mischung auch ein Gehirn wie Exley
braucht. Und schließlich Jack Vincennes, der sich von den
Vorteilen seines Jobs hat blenden lassen, sich mit Bestechungsgeldern
in der Tasche im glänzenden Schein der Stars neben ihm sonnt,
und bereits vergessen hat, warum er überhaupt Polizist geworden
ist.
Das geradezu verschwenderische Kreativpotential von "L.A. Confidential"
kommt vor allem bei diesen drei Hauptfiguren zum Vorschein, denn
mit ihren inneren Widersprüchen und eigenen Moralvorstellungen
wäre jeder von ihnen allein in der Lage gewesen, einen Noir-Krimi
erster Güte zu tragen. Hanson und Helgeland bescheren uns jedoch
gleich ein Trio an komplexen (Anti-)Helden, und werfen in ihrer
Begeisterung für die archaischen
Typen des Genres noch ein Noir-Schmankerl der Güteklasse A
oben drauf: Die Edelprostituierte Lynn Bracken ist eine der besten
Femmes Fatale der Filmgeschichte. Verführerisch mit der Unschuld
eines Engels, mysteriös und undurchschaubar wird sie zu einer
entscheidenden Figur in einem hochkomplexen Spiel, und zeigt erst
sehr spät ihr wahres Gesicht.
Großartige Figuren dieser Art sind dankbares Futter für
nach anspruchsvollen Rollen lechzende Schauspieler, und gerade in
dieser Hinsicht weiß "L.A. Confidential" als entscheidender
Wendepunkt in vielen Karrieren restlos zu begeistern: Einer fast
schon als niveauvoller Erotik-Star abgestempelten Kim Basinger gelang
unerwartet ein grandioser künstlerischer Durchbruch, der mit
massenhaft Darstellerpreisen (Oscar inklusive) gewürdigt wurde.
Guy Pearce sicherte sich erstmals internationale Aufmerksamkeit
und ebnete den Weg in die erste Hollywood-Riege. Und an ihrer Seite
liefen sich zwei Akteure warm, die in den Folgejahren das männliche
Schauspielfach in Hollywood fast alleine dominierten: Ein bis dato
noch unbekannter roher, muskulöser Australier namens Russell
Crowe als ebenso roher Bud Fox, und der in einfach jeder Rolle gnadenlos
gute Kevin Spacey, der hier ein winziges und schnell übersehenes
Highlight jüngerer Schauspielkunst ablieferte: Nie verschwanden
die Lebensgeister so eindrucksvoll aus einem Paar Augen als in jener
Szene, in der Jack Vincennes den Namen Rollo Tomassi preisgibt.
"L.A. Confidential" ist ein handwerkliches Meisterstück
nahe an der Perfektion, ein Film, der beweist wie gut eine Hollywood-Produktion
sein kann, wenn nur die richtigen der vorhandenen Möglichkeiten
genutzt werden. Ein virtuoser kreativer Kraftakt von allen Beteiligten,
der schlussendlich am meisten beeindruckt, weil er den mehr als
fünfzig Jahre alten Geist des Film Noir ohne jegliche Verstaubungserscheinungen
wiederzuerwecken weiß. Zurück in eine Welt, in der niemand
frei von Schuld ist, und es keinen sauberen Sieg für die Gerechtigkeit
gibt. "They just don't make ´em like this anymore",
weinen englischsprachige Filmfans oft den großen, unvergessenen
Perlen der Filmgeschichte nach. Mit einem Blick auf "L.A. Confidential"
kann man antworten: Und wie sie das tun!
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