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Rebel With A Cause: Zum Tod von Dennis Hopper (17.05.1936 - 29.05.2010)

Als der Krebs kam, begrüßte Dennis Hopper ihn, wie er alles und jeden begrüßte, was ihn nervte: mit ausgestrecktem Mittelfinger. Es ist nicht überliefert, wie er dem Tod, der ihn in der Nacht zum letzten Samstag (29. Mai) in seiner Villa in Los Angeles ereilte, gegenübertrat, aber man darf sich vorstellen, dass er ihm ein paar gepfefferte Worte entgegengeworfen hat. Dass Hopper überhaupt sterben kann, hat man ja - ähnlich der Personalie Keith Richards - kaum glauben können. Zuviel hat Hopper erlebt, man wollte glauben, dass er wie Richards Eisen fressen und Rost pissen konnte.
Das Image des Outlaws und ewigen Rebellen haftete Hopper über fast seine ganze, über fünf Dekaden dauernde Karriere an, und überdeckte oft die anderen Facetten seines Selbst. Dass Hopper ein ausgeprägter Kunstkenner war, der eine der wichtigsten Sammlungen moderner Kunst sein eigen nannte, gehört dazu. Oder dass er ein ausgezeichneter Fotograf war, dessen Fotos auch durchaus auf Vernissagen gehören (und es zumindest auf The Smiths-CDs geschafft haben). Und auch das vielfach bemühte Image des Althippies, der an Hollywood und sich selbst scheiterte, trifft die Wahrheit nur ganz bedingt. Natürlich ist Hopper letztlich ein Gescheiterter; einer, der von einem amerikanischen Autorenkino träumte, dass nie die komplette Freiheit erreichte, die ihm vorschwebte, bevor es von einem weißen Hai ins Meer gespült und von Jedikriegern in Stücke zerlegt wurde; einer, der sich bei seinem Messen mit den Kräften in Hollywood selbst im Weg stand, aber immer im Interesse der Kunst, und sich dann in den letzten zwei Dekaden seiner Karriere desillusioniert oft als Quotenbösewicht vom Dienst in B- und C-Filmen benutzen ließ. Irgendwas musste ja die neuen Gemälde bezahlen, und wenn es die Bösewichtrolle im Megaflop "Super Mario Bros." ist.
Aber man sollte Hopper nicht für sein Scheitern erinnern, sondern als einen, der sich immer wieder aufrappelte, den Staub abklopfte und weiter machte. Hollywood hat oft versucht, ihn loszuwerden, diesen unangenehmen Stachel im Fleisch namens Dennis Lee Hopper, geschafft hat es das nie. Also muss die Rolle des Scheiternden vielleicht eh anders verteilt werden.

Dennoch hätte Anfang der 60er Jahre keiner einen Cent darauf gewettet, dass Hopper fast 50 Jahre später noch Filme dreht. Als junger, höchst talentierter Schauspieler aus dem method actors-Umfeld hatte Hopper früh zwar nur kleine Rollen ergattern können, aber in großen Filmen. Er spielte mit James Dean in "...denn sie wissen nicht, was sie tun" und "Giganten" und freundete sich mit Dean an, dessen früher Tod ihn entsetzlich mitnahm. Aber zeitgleich erarbeitete sich Hopper in Windeseile den Ruf des Rebellen, besonders nachdem er sich 1958 bei den Dreharbeiten von "Schieß zurück, Cowboy" mit Regieveteran Henry Hathaway anlegte. Flugs setzten ihn die Studiobosse auf eine schwarze Liste und er musste sich Anfang der 60er mit kleinen Rollen in TV-Serien über Wasser halten, weil ihn kein großes Studio besetzen wollte. Oftmals wurde der in Dodge City, Kansas - also tiefstem Cowboyland - geborene Hopper dabei in Westernserien eingesetzt, auch in langsam wieder zunehmenden Leinwandrollen wie in "Die vier Söhne der Katie Elder" blieb er dem Genre treu. Aber Hopper arbeitete bereits an seinem ersten großen Comeback, mit einer ganz anderen Art von Western für ein anderes Amerika.

Ein Mittelfinger für die Konventionen:
Hopper auf seiner Harley in "Easy Rider"

In diesem modernen Western hießen die Figuren Wyatt und Billy, aber sie ritten keine Pferde, sondern Harley Davidsons und die Weiten Amerikas legten sie auf Autobahnen zurück. Die Rede ist natürlich von "Easy Rider", dem für das Kino der frühen 70er einflussreichsten Film, der quasi im Alleingang das Subgenre des "youth cult film" begründete, ebenso wie eigentlich das gesamte amerikanische Autorenkino, das sich in der ersten Hälfte der 1970er Jahre zu etablieren versuchte, oder den Rocksoundtrack. Und das mit einem eigentlich ziemlich kruden Werk, welches die beiden Hauptdarsteller Peter Fonda (als Autor) und Hopper (als Regisseur) ablieferten, und das heute eigentlich nur noch als Zeitdokument genossen werden kann, wenn überhaupt.
Aber der Urknall, den Hoppers Film auslöste, lässt sich nicht bestreiten, weil er den Zeitgeist einfing, wenn auch nur für einen kurzen Moment, und das Team Hopper & Fonda zu Helden der Gegenkultur wurden. Gleichzeitig erinnerte Hoppers Verhalten während der Dreharbeiten, das fast dafür sorgte, dass er mittendrin ersetzt wurde, an seinen Ruf als wandelnde Gefahr. Eine Heiligsprechung Hoppers soll hier eh nicht stattfinden, dafür war Hopper viel zu sehr nicht nur Säufer und Drogenfreund, sondern wurde auch immer wieder gewalttätig, besonders gegen die Frauen in seinem Leben. Die kaputten Charaktere in seinen Filmen waren also nicht immer nur Kreationen, über lange Jahre war Hopper selbst so kaputt.

Und kaputt war auch in kürzester Zeit seine Karriere. Sein nächster Film als Regisseur und Hauptdarsteller trug den prophetischen Titel "The Last Movie", denn für Hopper sollte es für eine lange Zeit der letzte Film sein, als Regisseur und als ernst zu nehmender Darsteller. Der Film war ein Chaos, eine wirre, quasi plot-lose Allegorie für Amerika, und Hoppers Karriere als Regisseur des Zeitgeists war so schnell vorbei, wie sie begann. Hopper war wieder persona non grata und musste sich fast eine ganze Dekade lang durch Eurotrash und abstruse Produktionen weitab von Hollywood spielen. Immerhin kam es dabei auch zu Wim Wenders' "Der Amerikanische Freund", der Beginn einer Freundschaft, die bis zu Hoppers Tod andauerte.
1979 wurde Hopper von Francis Ford Coppola in "Apocalypse Now" eingesetzt und fügte sich in den allgemeinen Wahnsinn wie nicht anders zu erwarten perfekt ein. Ein Jahr später kam mit "Out Of The Blue" sein Comeback als Regisseur, und das mit einem Film, der wiederum den Zeitgeist einfing. Doch statt um ein desillusioniertes Hippie-Amerika ging es nun um Punkrock und den Geist des No Future. Die junge Linda Manz (aus "In der Glut des Südens") spielt die junge CeeBee, die Elvis und Sid Vicious verehrt und unter ihrer Junkiemutter und ihrem aus dem Gefängnis kommenden Vater - eindringlich von Hopper selbst gespielt - leidet. "Out Of The Blue" ist ein knallharter, zutiefst nihilistischer Film, dessen explosives Ende lang in Erinnerung bleibt.
Es war allerdings nicht Hoppers Eintrittskarte zurück nach Hollywood, zudem waren gerade die frühen 80er in Sachen Drogen und Alkohol eine von Hoppers selbstzerstörerischsten Phasen - was bei jemandem wie ihm schon einiges heißen will. Dafür schlug er dann ganz unvermittelt im Jahre 1986 zurück mit einem Riesencomeback für einen eigentlich schon Todgeglaubten. Es folgten vier größere Filme aufeinander. Im zweiten Teil des "Texas Chainsaw Massacre" durfte er noch mal den verrückten Dennis geben und mit seinem Image spielen, eine andere Art der Aufarbeitung der eigenen Karriere war seine Rolle als versoffener Assistenztrainer im Highschool-Basketball-Film "Freiwurf" (Hoosiers), eine Rolle, die ihm eine Oscarnominierung als bester Nebendarsteller einbrachte.

Denkwürdiger Kurz-Auftritt: Hopper in "True Romance"

Die wichtigsten Filme des Jahres 1986, die Hoppers Talente, besonders in der Darstellung derangierter Freaks, offenlegten, waren David Lynchs erstes Meisterwerk "Blue Velvet", zu dem ja an anderer Stelle schon einiges gesagt wurde, und "River's Edge" (in Deutschland gelaufen unter dem haarsträubend falschen Titel "Das Messer am Fluss"), der die aussichtslose Atmosphäre von "Out Of The Blue" in die Mitte der 80er rettete und das knallharte Gegenstück zu den bunt-süßen Fantasien der John Hughes-Teeniefilme war. Hopper spielt den Marihuana-verkaufenden, einbeinigen Ex-Biker Feck wieder so, als wäre Billy aus "Easy Rider" älter, aber nicht weiser geworden. Und trotz seiner Verrücktheit ist er fast das moralische Zentrum in diesem Film, den man - ob in einer Hopper-Retrospektive oder nicht - unbedingt wiederentdecken sollte.

Einen ähnlich guten Lauf von Filmen hatte Hopper dann nur noch 1993/1994 mit einem kurzen, aber grandiosen Auftritt in "True Romance", einer feinen Performance im äußerst gelungenen Neo-Noir "Red Rock West" und dann publikumswirksam als Psychopath in "Speed". Dazwischen und danach kam viel Mist und oftmals wurde Hopper auf eindimensionale Schurkenrollen reduziert. Aber auch wenn die Zahl an erinnerungswürdigen Streifen insgesamt überschaubar bleibt, so verliert die Filmwelt mit seinem Tod einen der letzten Rebellen, dessen Scheitern immer auch ein Scheitern der Kunst am Kommerz war und dessen Karriere damit ein Sinnbild für die Veränderungen der Filmindustrie über die Jahrzehnte ist, in der Dennis Hopper in ihr arbeitete.

Simon Staake