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"Savages" - Ein Interview mit Regisseur Oliver Stone

Seit er in den 1980er Jahren mit Filmen wie „Platoon“ und „Wall Street“ auf die Leinwand drängte und später mit „JFK“ oder „Natural Born Killers“ nachlegte, gilt Oliver Stone als einer der großen, ambitionierten und oft auch umstrittenen Filmregisseure Hollywoods. Als bekennender „Linker“ und politischer Mahner hält der ehemalige Soldat, der zuletzt mit Dokumentationen über Sozialisten („South of the Border“) und Kommuninsten („Castro in Winter“, „Commandante“) für Diskussionsstoff sorgte, gerne den Finger in die gesellschaftspolitischen Wunden seines Heimatlandes USA. Auch sein neuer Film „Savages“ ist natürlich nicht frei von Kommentaren zur angespannten Lage an der Grenze zu Mexiko, überzeugt aber vorwiegend als spannungsgeladener Thriller. In Berlin stellte Stone den Film der deutschen Presse vor und sprach dabei mit Filmszene auch über die Vorteile weicher Drogen.

(Spoilerwarnung:  Im folgenden Interview wird auch über entscheidende Plotwendungen von „Savages“ gesprochen)

Filmszene: Mr. Stone, wo haben Sie denn gestern Ihren Geburtstag verbracht? Nicht zuhause, vermute ich.

Oliver Stone: Nein, ganz schlicht mit ein paar Freunden und Bekannten in Paris, wo wir auch gerade unseren neuen Film vorgestellt haben. Es ist ja gerade mal wieder Zeit um die Welt zu reisen.

stone 1Was Ihren Film betrifft möchte ich gerne mit dem Ende beginnen…

Das Ende ist grundsätzlich ja auch immer das Interessanteste.

… und diesmal bieten Sie da gleich mehrere an. Auf mich wirkte es ein wenig so, als wollten Sie dem Publikum einerseits zwar genau das geben was es erwartet, hielten das andererseits aber nicht für wirklich passend und nehmen es dem Zuschauer daher dann praktisch wieder weg. Oder warum haben Sie das so gemacht?

Das ist eine knifflige Frage, die nach dem „Warum habe ich das gemacht?“. Einerseits macht und erwartet man das in einem amerikanischen Film dieses Genres einfach so, dass es am Ende dann zu einem Action-Höhepunkt kommt, wie halt einem dramatischen Schusswechsel mit Explosionen und so weiter. Und ohne eine Art „emotionaler Katharsis“ für die Charaktere hat man auch irgendwie kein erfolgreiches Ende. Die Buchvorlage endete auch genauso, mit vielen Toten und einem großen Knall. Ich liebte das zwar, denn es wirkte ungemein gut, aber ich hielt es nicht für besonders glaubwürdig. Also hatte ich einerseits zwar Lust so einen Showdown zu drehen und habe es  auch getan, andererseits liebte ich diese Variante mit dem „unzuverlässigen Erzähler“, denn Ophelia erwähnt ja gleich zu Beginn, dass nur weil sie die Geschichte erzählt, das nicht unbedingt bedeuten muss, dass sie sie am Ende auch überlebt. Und außerdem wollte ich mit dem Showdown in der Wüste einem alten Lieblingsfilm von mir eine Referenz erweisen, nämlich dem Western „Duell in der Sonne“.

Aufgefallen ist mir, dass die Sex-Szenen trotz des eigentlich ziemlich „wilden“ Lebens welches die drei Hauptfiguren führen sehr zurückhaltend inszeniert wurden, ganz im Gegensatz zu den doch sehr zahlreichen Gewaltszenen.   

Das ist ja nun mal leider ein Teil der amerikanischen Heuchelei. Das Rating-System schreibt da eben ziemlich genau vor, was wir zeigen dürfen und was nicht. Und da sind die Grenzen beim Thema Sex bekanntlich enger gezogen als bei der Darstellung von Gewalt. Wenn es nach mir ginge, würden wir auch ein paar Titten zeigen, aber es ist halt kein französischer Film (lacht).

Ist es nicht so, dass gerade in Sachen Gewaltdarstellung die Grenze in den letzten Jahren vor allem bei den amerikanischen TV-Serien ein ganzes Stück weiter verschoben würde? Jedenfalls bei allem was im Pay-TV-Bereich läuft.

Im Fernsehen werden zurzeit vor allem inhaltlich sensationelle Dinge gemacht, das ist schon wahr. Aber es ist eigentlich nicht so, dass ich mich davon groß habe beeinflussen lassen. Mir ging es bei dieser Geschichte vor allem darum, sie so unvorhersehbar wie möglich zu gestalten. Alle Figuren durchlaufen massive Veränderungen und es ist dann irgendwann eigentlich nicht mehr vorauszusagen was sie als Nächstes tun werden. Einige der Aktionen sind dabei sicher ziemlich brutal, aber gerade was die Drogenkartelle betrifft ist das eben doch sehr nah an der Realität und das konnte und wollte ich auch nicht beschönigen. Doch selbst für die Mitglieder dieser Truppen gibt es den einen oder anderen geistigen „Erweckungsmoment“. Und das ist es was ich interessant finde, eine Aneinanderreihung von Action-Szenen und Schießereien langweilt mich dagegen. Ich sehne mich nach Filmen in den die Spannung etwas größer ist, so wie es „in den alten Tagen“ oft der Fall war.

Es reizte Sie aber vermutlich auch, das Thema „Drogenkrieg“ ins Bewusstsein zu rufen? Bemerkenswert finde ich vor allem die Variante, dass es die ehemaligen US-Soldaten selbst sind, die dann nach ihrer Rückkehr aus Afghanistan die Drogen gleich mitbringen.

Was ja eigentlich ziemlich naheliegend ist, oder? Nur redet über diese kleine Nebenwirkung der Kriegseinsätze natürlich niemand gerne. Dabei ist die Zahl der Toten, die der Drogenkrieg im Grenzgebiet zu Mexiko in den letzten fünf Jahren gefordert hat genauso groß wie die während des gesamten Vietnamkrieges. Das ist also im wahrsten Sinne des Wortes ein „Krieg“ dort.

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Filmszene-Redakteur Volker Robrahn mit Oliver Stone

Würde sich der Umgang von amerikanischer Seite damit ändern, falls ein Republikaner die Wahl gewinnt?

Ja, Mitt Romney würde sicher keine zwei Wochen brauchen um die Kartelle mit einem Handstreich zu zerschlagen. Nein, Unsinn. Die Politik ist da doch ziemlich machtlos und kämpft zumeist mit stumpfen Waffen.  Trotzdem kann es sich aber keine Regierung leisten, den Etat für den Kampf gegen die Drogen zu kürzen.  Genauso wenig wie den Etat für den „Krieg gegen die Terror“. Alles ziemlich sinnlos verpulvertes Geld, aber es gibt offensichtlich keinen Weg da heraus.

Plädiert Oliver Stone eigentlich immer noch für die Freigabe von Marihuana?

Absolut. Aber es wird nicht passieren, weil das gesellschaftliche Klima es nicht zulässt. Selbst ein Barack Obama, der ja in seiner Jugend das Zeug selbst geraucht hat, unternimmt keine ernsthaften Versuche in diese Richtung. Dabei hat Marihuana meines Wissens noch keinen umgebracht oder ernsthaft geschädigt, im Gegensatz zu Alkohol oder Kokain. Mir hat es jedenfalls immer gut getan. Und Leute dafür ins Gefängnis zu stecken finde ich absurd.

Eine Aussage, die man von Ihnen fast erwartet. Was bedeutet Ihnen denn Ihr Image als „kontroverser Filmemacher"?

Ich denke nicht, dass alle meine Filme kontrovers sind. Jedenfalls ist das nicht immer automatisch mein Ziel. Manchmal ist es bei den von mir gewählten Themen aber halt unvermeidlich, dass sie auf Widerspruch stoßen und nicht allen gefallen. Aber manchmal kommt dann andererseits die Kritik, meine etwas ruhigeren Filme wie zum Beispiel zuletzt der zweite „Wall Street“ seien viel zu zahm und zu wenig angriffslustig. Etwas schizophren, oder? „Kontrovers“ allein ist ein leeres Wort und bedeutet nichts. Was ich viel lieber höre ist die Aussage, dass  ich in meinen Filmen nach der Wahrheit suche. Wenn die dann nicht allen gefällt, ist das völlig okay.

Und wann hat Oliver Stone denn nun zuletzt Marihuana geraucht?

Heute Morgen natürlich.

Volker Robrahn

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