Die zwei Päpste

Originaltitel
The Two Popes
Jahr
2019
Laufzeit
125 min
Release Date
Streaming
Bewertung
8
8/10
von Frank-Michael Helmke / 29. Februar 2020

"Die zwei Päpste" ist ein Film wie gemacht für die Strategie des Streaming-Giganten Netflix, sich immer mehr als neue Heimat für anspruchsvolle "kleinere" Filme zu etablieren, für die bei den großen Filmstudios kein Platz mehr zu sein scheint. Alle wichtigen Zutaten sind enthalten: Zwei sehr namhafte Stars, ein renommierter Regisseur und ein Werk, das bei einem Kino-Release bestenfalls mit einem Achtungserfolg in den Arthouse-Charts hätte rechnen können - allerdings das Zeug hat, ein paar Oscar-Nominierungen einzustreichen und somit für den gewünschten PR-Effekt zu sorgen: Seht her, die große Filmkunst läuft jetzt bei Netflix!

Die Kalkulation ging in diesem Fall definitiv auf, denn "Die zwei Päpste" strich tatsächlich drei mehr als verdiente Oscar-Nominierungen ein, für seine beiden Hauptdarsteller und für Drehbuchautor Anthony McCarten. Der ist auf Biopics spezialisiert und schrieb bereits die Vorlagen für "Die Entdeckung der Unendlichkeit", "Die dunkelste Stunde" und "Bohemian Rhapsody". "Die zwei Päpste" ist seine bislang vielleicht stärkste Arbeit, denn dank McCartens geschliffenen Dialogen und immer wieder überraschenden und erfrischenden Einschüben von Humor wird aus einem potenziell eher drögen Filmstoff ein richtig gelungenes Stück Unterhaltung. 

Der Film dreht sich um das Verhältnis zwischen Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. und Jorge Bergoglio, der nach Ratzingers historischer Abdankung als Papst zu dessen Nachfolger erwählt wurde. Dramaturgisch geschickt beginnt der Film mit der Wahl Ratzingers zum neuen Pontifex im Jahr 2005 und etabliert seine beiden Hauptfiguren dabei als zwei völlig konträre Gegenpole innerhalb der katholischen Kirche: Hier der erzkonservative Ratzinger, ewiger Bewahrer der bestehenden alten Ordnung, dort der weltoffene Bergoglio, der wie kaum ein anderer für Reformwillen in der Institution der katholischen Kirche steht. Schnell wird deutlich, dass diese beiden eigentlich nichts gemeinsam haben. Wie es dazu kommen konnte, dass Ratzinger dennoch Bergoglio den Weg zum Papsttum ebnete (wohl wissend, dass im Falle seiner Abdankung Bergoglio der wahrscheinliche Sieger bei der erneuten Wahl sein würde), darauf versucht Autor McCarten eine mögliche Antwort zu geben. 

Natürlich sind die Debatten zwischen Ratzinger und Bergoglio, die das Herzstück des Films ausmachen, rein fiktional. Doch McCarten gelingt es, seine Spekulationen so geschickt in historisch verbürgte Details und authentische politische Positionen der beiden Kirchenmänner einzubetten, dass diese Fiktion doch mehr als möglich erscheint. Und selbst wenn einem das alles eigentlich ziemlich am Arsch vorbei geht, weil man mit der Kirche an sich und dem Papst im Speziellen sowieso nichts am Hut hat - "Die zwei Päpste" ist auch dann ein mehr als lohnendes Filmerlebnis. Denn jenseits seines spezifischen Inhalts ist der Film vor allem ein lehrbuchartiges Beispiel dafür, wie man ein dialoglastiges Quasi-Kammerspiel dennoch temporeich und mitreißend gestalten kann. 

Das ist zum einen natürlich dem fabelhaften Skript zu verdanken, denn wie McCarten seine beiden Protagonisten in perfekt ausgeführten Debatten mit ihren Sätzen Pingpong spielen lässt, das ist einfach eine reine Freude geschliffener Rhetorik. Hier kommt zum anderen dann aber auch das herausragende Handwerk von Regisseur Fernando Meirelles ins Spiel, der einst mit "City of God" beeindruckend unter Beweis gestellt hatte, wie virtuos er inszenieren kann. Geschickt nutzt Meirelles die Schauwerte seiner Settings und holt aus den Prachtbauten des Vatikans, der päpstlichen Sommer-Residenz Castel Gandolfo und vor allem aus der (täuschend echt in einem Studio nachgebauten) Sixtinischen Kapelle das Maximum an "eye candy" heraus, um seinen Film zu einem kleinen visuellen Spektakel zu machen. Sehr gelungen auch, wie Meirelles den Rückblenden in die frühen Karriere-Jahre von Jorge Bergoglio während der argentinischen Militär-Diktatur einen visuellen Look verleiht, dass diese tatsächlich aussehen wie ein Film aus den 70er Jahren. 

Diese Rückblenden prägen die zweite Stunde des Films, in denen er leider etwas an Tempo einbüßt und sich von einem packenden Zwei-Personen-Stück mehr hin zu einem klassischen Biopic entwickelt, bei dem Bergoglio ganz klar ins Zentrum gerückt wird. Ohnehin kann "Die zwei Päpste" kaum verbergen, dass mindestens sein Regisseur ein großer Fan des amtierenden Papstes ist. Nicht zufällig wird an markanter Stelle ein Zitat Platos erwähnt, dass man Macht nur solchen Menschen überlassen sollte, die sie auf keinen Fall haben wollen. Entlang dieses Gedankens wird der bescheidene Bergoglio als der beste Papst gezeichnet, den man sich für die Kirche nur vorstellen kann. Ob das ein berechtigtes Urteil ist, sei dahingestellt. Es ist aber auf jeden Fall einer der Punkte, in denen "Die zwei Päpste" zugunsten einer gefälligen Filmdramaturgie die komplexe Realität recht stark vereinfacht. Dass sich Ratzinger dieser Tage aus seinem eigentlichen Ruhestand heraus als ein enormer Störfaktor für Bergoglios Reformbestreben als Papst erweist, ist auch etwas, das nicht in das Bild passt, das dieser Film über die Wandlung im Verhältnis seiner zwei Protagonisten zeichnet. 

Sei's drum. Im Kern ist "Die zwei Päpste" halt kein Film mit wirklich dokumentarischen Absichten, sondern ein sehr geschickt an die Realität angelehntes Aufeinandertreffen zweier besonderer Charakterköpfe - und damit vor allem die Vorlage fürs großes Schauspiel. Und in der Tat ist der beste Grund, sich diesen Film anzusehen, das Zusammenspiel zwischen Jonathan Pryce und Anthony Hopkins. Perfekt auf ihre jeweilige Rolle gecastet, brillieren hier beide auf allerhöchstem Niveau, und es ist allein eine kleine Schau, den beiden in der Originalversion dabei zuzuhören, wie sie ihr Englisch mit einem deutschen bzw. spanischen Akzent versetzen, ohne dass es irgendwie aufgesetzt wirkt, sondern im Gegenteil völlig natürlich. Hier zeigen sich zwei Altmeister auf der allerhöchsten Stufe ihres Könnens. Und helfen damit einem der besten Drehbücher des letzten Filmjahres, zu bemerkenswertem Leben zu erwachen.  

Bilder: Copyright

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