The Farewell

Originaltitel
The Farewell
Land
Jahr
2019
Laufzeit
101 min
Regie
Release Date
Bewertung
9
9/10
von Moritz Hoppe / 14. Dezember 2019

Das Leben schreibt die schönsten Geschichten“ – so abgedroschen und abgegriffen dieser Spruch auch scheinen mag, auf das Kino trifft diese Behauptung nach wie vor zu: Wahre Geschichten waren und sind für RegisseurInnen immer wieder eine spannende Schaffensgrundlage, sei es als Vorlage für Biopics, Geschichtsdramen oder auch um Horrorfilmen besonderen Reiz zu verleihen. Dass sich ein/eine RegisseurIn einer selbst erlebten (Familien-)Geschichte widmet, stellt dabei aber eher eine Seltenheit dar. Doch genauso verhält es sich mit dem zweiten und neusten Film der amerikanischen Autorin und Filmregisseurin Lulu Wang, die mit „The Farewell“ nicht nur eine „wahre Lüge“ erzählt, sondern gleichzeitig auch den vielleicht schönsten Indie-Film des Jahres auf die Leinwand zaubert.
 

Die chinesischstämmige Schriftstellerin Billi Wang lebt seit ihrer Kindheit mit ihren Eltern in New York. Eines Tages erfährt Billi, dass bei ihrer geliebten Oma Nai Nai Krebs diagnostiziert wurde und diese nur noch kurze Zeit zu leben hat. Die Familie entschließt sich jedoch dazu, Nai Nai nichts von ihrer Diagnose zu erzählen und organisiert stattdessen eine spontane Hochzeit, um Nai Nai noch einmal besuchen zu können und ein letztes Mal Zeit miteinander zu verbringen. Billi hat andere Vorstellungen vom Umgang mit dem Tod, sieht sich aufgrund des Familiendrucks jedoch gezwungen, ihre Oma im Ungewissen zu lassen und die Lüge aufrecht zu erhalten.

 


Lulu Wang beweist mit „The Farewell“, wie viel erzählerische Tiefe in einer scheinbar so simplen Geschichte stecken kann: Das Motiv der Familie stellt einen Mikrokosmos des modernen Lebens in einer globalisierten Welt dar. Generationskonflikte, die Bedeutung von Geld und Glück, sowie das Aufeinandertreffen von Fortschritt und Tradition finden in der Erzählung ihren Platz. Am präsentesten ist jedoch die Diskussion über die kulturellen Unterschiede zwischen Ost und West und die (damit einhergehenden) unterschiedlichen Vorstellungen vom Tod. An der Figur von Billi wird dieser Diskurs am deutlichsten sichtbar: Sie selbst bewegt sich zwischen den Kulturen, spricht sowohl Chinesisch als auch Englisch und sieht sich permanent den Erfolgserwartungen ihrer Familie ausgesetzt.


Die daraus entstehende Ambivalenz zeigt sich umso deutlicher in der Beziehung zwischen Billi und ihrer Oma Nai Nai, die den Kern der Erzählung ausmacht Lulu Wang schafft es, mit alltäglichen und scheinbar beiläufigen Situationen in kürzester Zeit die tiefe Verbundenheit zwischen den beiden zu vermitteln. Das großartige Schauspiel von Nora Lum – besser bekannt als Awkwafina („Ocean's 8“, "Crazy Rich") – ist ein entscheidender Grund für die Authentizität dieser Beziehung: Immer wieder wandert ihre Mimik zwischen Freude und Trauer, meist passiert dieser Gefühlswechsel innerhalb einer Szene, wodurch dem Zuschauer das innere Chaos von Billi beeindruckend vermittelt wird. Ebenso verhält es sich mit der Darstellung der Oma Nai Nai – gespielt von Shuzhen Zao – die ebenso vielschichtig porträtiert ist. Sie verkörpert gleichermaßen die liebe Großmutter, die sich um das Wohl und die Zukunft ihrer Enkelin sorgt, als auch das weibliche Familienoberhaupt, das bei der Planung der Hochzeit bestimmend mitreden will. So ist es der ehrliche und unbekümmerte Umgang zwischen Billi und Nai Nai, der immer wieder für bewegende zwischenmenschliche Momente sorgt und trotz der permanenten Präsenz des Todes nie erzwungen wirkt. Die weiteren Familienmitglieder sind zwar weniger scharf gezeichnet, erfüllen ihre Rolle aber nahezu perfekt und sorgen immer wieder für sowohl unterhaltsame als auch tragische Erzählmomente (kleiner Fun-Fact: Lulu Wangs Großtante Hong Lu spielt sich im Film selbst).


Lulu Wang inszeniert die Dialektik zwischen Freude und Trauer, Wahrheit und Lüge in geradezu spielerischer Manier. So kommt es beispielsweise in einer Szene zu der Situation, dass Billi vor den Augen ihrer Oma mit dem zuständigen Arzt über die Krebserkrankung und die fragliche Entscheidung, Nai Nai nichts davon mitzuteilen, diskutiert. Nai Nai bekommt von dem Gesprächsinhalt nichts mit, da sie kein Wort Englisch versteht. Stattdessen ist sie davon überzeugt, dass Billi mit dem Arzt über ihr Leben in New York spricht. Während dieser Szene werden auf mehreren Ebenen die kulturellen und generationsbedingten Unterschiede zwischen den Figuren aufgezeigt, die sich wie ein roter Faden durch den Film ziehen und immer wieder auf kreative Art und Weise verhandelt werden.

„The Farewell“ bewegt sich wie kaum ein anderer Film zwischen den beiden Genres Drama und Komödie. Lulu Wang entwirft immer wieder Situationen, in denen das anfängliche Lachen in einer nachdenklichen Stille mündet. Diese Stimmungswechsel finden dabei dermaßen organisch statt, dass sich zwischenzeitlich Freude und Trauer fast gar nicht mehr auseinanderhalten lassen. Die Komik liegt beinahe immer in der Tragik des Moments, ohne dass zwanghaft auf die Tränendrüse gedrückt wird.
 

 

Doch nicht nur auf erzählerischer Ebene ist „The Farewell“ beeindruckendes Indie-Kino, auch hinsichtlich der audiovisuellen Umsetzung darf die Tragik-Komödie gut und gerne als einer der schönsten Filme des vergangenen Kinojahres bezeichnet werden. Verantwortlich dafür ist unter anderem die Arbeit der Kamerafrau Anna Franquesa Solano, die es schafft, nahezu jede Szenerie und die vorhandene Raumarchitektur in grandiosen Bildkompositionen einzufangen. Des Weiteren spielen sich häufig innerhalb eines Bildes mehrere Handlungen gleichzeitig ab, die sogenannte „mise en scène“ (die innere Montage, der bewusste Aufbau des Bildes) beweist dabei eine ungemeine Liebe zum Detail. „The Farewell“ ist bildgewaltiges Kino, obwohl beinahe die gesamte Geschichte innerhalb von schlicht eingerichteten und unspektakulären Innenräumen spielt. Der Reiz liegt in der Schönheit des Alltäglichen, die hier zelebriert wird.

Inszenatorisch lassen sich immer wieder kleinere Kniffe entdecken, wie etwa rasante Kameraschwenks oder auch bildschöne Zeitlupen. Der tolle, stellenweise imposante, aber jederzeit behutsam eingesetzte Soundtrack zeugt von einem feinfühligen Umgang mit der Emotionalität der Erzählung. Dadurch gewinnen die ohnehin schon beeindruckenden Bilder noch einmal eine besondere und ganz eigene Atmosphäre. So ist „The Farewell“ bei aller Zurückhaltung und Einfachheit der Szenerien eines der visuell ansprechendsten Filmerlebnisse der letzten Monate. Das handwerkliche Können von Lulu Wang und ihrer Kamerafrau Anna Franquesa Solano zeigt abermals, wie eindrucksvoll handgemachtes Kino – frei von jeglichen Computereffekten – auf sowohl inhaltlicher, als auch audiovisueller Ebene sein kann.
 

So darf man sich zum Jahresende auf ein absolutes Indie-Highlight freuen, dass sich aufgrund der warmherzigen Familiengeschichte perfekt für die besinnliche Weihnachtszeit eignet. Es ist nicht nur der wahre Kern der Erzählung, sondern auch die ästhetische Umsetzung, die „The Farewell“ in Zeiten von Remakes, Fortsetzungen und Franchises besondere Faszination verleiht und dem Zuschauer auch noch lange nach dem Kinobesuch in Erinnerung bleiben dürfte.

Bilder: Copyright

3
3/10

Merkwürdig, selten habe ich einen Film gesehen, der so hoch gelobt wird und der mich so kalt gelassen hat. Ich fand "The Farewell" weder als irgendwie überraschend oder neuartig noch als tiefgehend oder hintergründig. Und schon gar nicht (wie in der Rezension) als "bildgewaltig".
Für mich eher eine bemühtes Stück Film, der eine Geschichte erzählt, welche man irgendwie schon zig mal gesehen hat (hat mich sehr an frühere Filme von Ang Lee aus Anfang der 90er Jahre erinnert). Die ironischen Aspekte gehen meines Erachtens auch kaum über einen gewissen (manchmal schon fast platten) Exotismus hinaus ('die Chinesen können einfach nicht mit Alkohol umgehen') und die von der Hauptdarstellerin durchgängig zur Schau getragene betrübte Miene hat mich auch nicht für sie eingenommen.
Auf der positiven Seite: Man schaut wieder einmal in eine andere (Film-)Kultur hinein - und: die deutsche Synchronisation ist grauenhaft, was man dem Film selbst nicht negativ anrechnen sollte.

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