Filmszene Festival-Tagebuch Berlinale 2013

von Patrick Wellinski / 7. Februar 2013

 

Sonntag, 17.02.2013: In der Übergangszeit

 

Die Bären sind vergeben. Die Preisträger stehen fest. Und wie immer fragen wir uns: In welche Richtung driftet das wichtigste Festival der Bundesrepublik?

Haewon ist ein Mädchen, das lieber träumt als wach zu sein. Gleich zu Beginn von Hong Sang-soo formidablen Wettbewerbsbeitrag „Nobody‘s Daughter Haewon“ schläft sie auf dem Tisch in ihrer Küche ein und begegnet auf der Straße der entspannten Jane Birkin, die sich verlaufen hat. Dann wacht sie auf und verabschiedet ihre Mutter, die nach Kanada auswandern möchte. Später erzählt Hong Sang-soo von Haewons amourösen Eskapaden mit einem Filmregisseur und Professor, doch da ist schon nicht mehr ganz klar, ob das immer noch ein Traum ist, den die schöne Haewon in der Bibliothek träumt.

Wie immer in den Filmen des Südkoreaners ist nichts wie es scheint. Der ganze Film besteht aus kleinen verästelten Episoden, in denen gerne mal das Personal ausgetauscht wird. Schauspieler, die andere Rollen spielen, sich aber alle gegenseitig zu kennen scheinen. Ein herrlicher Film, der als letzter in das Rennen um die Goldenen Bären ging und folgerichtig in seiner Einfachheit und Alltäglichkeit von der Jury bei der gestrigen Preisvergabe links liegen gelassen wurde. Aber Hong Sang-soos große Stunde wird noch kommen - und wer weiß, vielleicht sogar auf der Berlinale.

Die Preise bekamen andere. Und zwar - so wie wir es vorhergesagt haben - vor allem die Osteuropäer, und das zu recht. Den Goldenen Bären 2013 überreichte Jurypräsident Wong Kar-Wai an den Rumänen Calin Peter Nader für sein hochemotionales Mutter-Sohn-Drama „Childs Pose“. Gegen diese Auszeichnung kann man nichts sagen. Der Film ist nämlich auch ein böses Porträt der rumänischen Oberschicht, die sich alles erkaufen kann. Mit der hektischen Kamera, die sich ständig an die Gesichter und Körper der Figuren heftet, präsentiert der Film ein sozialrealistisches Kino, das immer wieder einen enormen Eindruck hinterlassen kann, sofern man den Stoff nicht allzu leichtfertig anhand von Schlagzeilen aus Nachrichtenmagazinen nachstellt.

Der zweite große Gewinner des Abends ist der Bosnier und einstige Oscargewinner Danis Tanovic („No Man’s Land“), der mit seinem Roma-Drama „An Episode in the life of an Iron Picker“ gleich zwei Mal ausgezeichnet wurde. Zum einen mit dem großen Preis der Jury, zum anderen mit dem Preis an den besten männlichen Darsteller Nazif Mujic, der eigentlich ein Laie ist. Laiendarsteller werden gerne auf der Berlinale ausgezeichnet. Im Falle von Mujic ist dieser Preis aber etwas zwiespältig aufgenommen worden. Er spielt in „An Episode ...“ eine stark überdramatisierte Version eines Schrotthändlers, der seine Familie kaum über Wasser halten kann.

Tanovics Alltagsbeobachtung zeigt - recht bescheiden - wie die Mujic-Familie ihr Leben am Rande der Gesellschaft lebt, wie sie kochen, schlafen, wohnen. Er zeigt den erzwungenen Zusammenhalt mit anderen Roma-Familien und er zeigt wie sie von der restlichen Welt abgewiesen - nahezu abgestoßen - werden. Das ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend und gewährt emotionale Einsichten in eine Welt, die uns immer noch kaum bekannt ist. Dennoch schleicht sich hier auch der Gedanke an eine gewisse Art der Armutspornografie ein. Zeigt Tanovic nicht zu viel? Legt er hier nicht gewisse Strukturen frei, die so angreifbar werden und uns schutzlos ausgeliefert sind? Die Jury meinte wohl: nein.

Keine Überraschung war der Preis an die hinreißende Paulina Gracia und ihre umwerfende Darstellung von Gloria im gleichnamigen Film des Chilenen Sebastian Leilo. Dieser Film wird noch ein langes Leben auf Festivals und in Arthaus-Kinos auf der ganzen Welt haben. Das ist sicher. Ebenfalls freut man sich über den Alfred Bauer-Preis an den Kanadier Denis Côte, der mit seiner Horrror-Versuchsanordnung „Vic+Flo sahen einen Bären“ sicherlich den verstörendsten Film im Wettbewerb abgeliefert hat. Auch der Drehbuchpreis an den inhaftierten Jafar Panahi für seinen Film „Pardé“ ist mehr als gerechtfertigt.

Eine angenehme Überraschung war auch der Regiepreis an den Amerikaner David Gordon Green und seine stille Bro-medy „Prince Avalanche“. Darin sehen wir Paul Rudd und Emile Hirsch in Texas verwüstete Straßenzüge durchstreifen, mit einer kleinen Maschine malen und erneuern sie die Straßenmarkierungen. In dieser stillen, liebevollen und heiteren Komödie verarbeitet der Regisseur von „Washington“ und „Pineapple Express“ männliche Ängste, Beziehungsproblematiken und ein veraltetes  Hierarchiebewusstsein des schwachen Geschlechts. Die Liebesbeziehung des Paul Rudd-Charakters spielt sich zum Beispiel komplett jenseits des Films ab. Nur per Brief und Dialog kommt die Trennung zu seiner Freundin ans Licht. In der Abgeschiedenheit des texanischen Hinterlandes müssen beide sich von Neuem erfinden. In dieser simplen Erzählhaltung und mit seinem liebevollen Ton stieß „Prince Avalanche“ wohltuend unter den anderen Beiträgen hervor.

Nur die lobenden Erwähnungen an Gus van Sants „Promised Land“ - ein simpler Kinderfilm über das gemeine „Fracking“-Verfahren auf dem ländlichen Amerika - und Pia Marias ödes Afrika-Filmchen „Layla Fourie“ trübten die klugen Preise. Was soll das? Wieso bekommt ein in den USA geflopptes B-Filmchen von Gus van Sant, das inhaltlich so einfallsreich und reflektiert ist wie ein Wikipedia-Artikel zu diesem Thema, eine lobende Erwähnung und ein lebenskluges Werk wie „Nobodys Daughter Haewon“ oder Bruno Dumonts „Camille Claudel 1915“ werden völlig übergangen ? Man wird das Gefühl nicht los, dass sich hier in der Jury ein gewisser Tim Robbins durchgesetzt hat, aber das bleibt natürlich reinste Spekulation.

Wie jedes Jahr fragen wir uns am Ende: Quo vadis Berlinale? Wo soll es hingehen im nächsten Jahr? Nun, anders als der Großteil der deutschen Film-Feuilletonisten begrüßen wir die Entwicklung der Festivalprogrammierung. Zwar war der diesjährige Jahrgang nicht so stark wie der letzte, aber der Wettbewerb befindet sich auf dem richtigen Weg. Letztes Jahr hat man sich wohl entschieden sich neu zu orientieren und im Wettbewerb eher auf filmästhetische und formal mutige Werke zu setzen, als bemüht den gefälligen Namen des US-Kinos hinterher zu laufen.

Das bedeutet, dass man Kritiker, die sich nur an die „guten alten Zeiten“ erinnern, vergrämt. Das bedeutet auch, dass man sich nicht mehr bewusst mit Cannes und Venedig messen möchte. Und wenn die FAZ schreibt, dass es sich die Berlinale auf ihrem dritten Platz unter den Festivals gemütlich gemacht hat, dann kann man dem nichts Negatives abgewinnen, sofern sie weiter auf Künstler und Filmemacher wie Denis Côte, Hong-Sang-soo oder Miguel Gomes setzt.

Dass sich dieser Wandel nicht von einem Jahr auf das andere vollziehen kann, ist auch verständlich. Doch wir sind guter Hoffnung, dass schon bald amerikanische Quotenfilme von zweifelhafter Qualität wie „Promised Land“ oder „The necessary death of Charlie Countryman“ nicht mehr im Wettbewerb laufen werden. Und dass die Berlinale ein Ort für junges, mutiges Kino sein wird, wo sich formale Grenzgänger mit ein paar Kinoträumern die Klinke in die Hand geben werden. Und spätestens dann werden auch die alt eingesessenen Kritiker erkennen, dass dieser Wandel ein notwendiger war. 

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Freitag, 15.02.2013: Auf der Zielgeraden

Das Rennen um die Bäre ist völlig offen. Auch nachdem fast alle Wettbewerbsbeiträge gezeigt wurden, ist kein klarer Favorit da. Kurz vor Schluss brachten sich auch noch Steven Soderbergh und Catharine Deneuve in Lauerstellung. Es wird spannend.

Sonderbergh geht. Jedenfalls im übertragenen Sinne. Der Oscargewinner wird sich wohl für längere Zeit vom Filmemachen verabschieden. Seinen letzten Spielfilm zeigt er hier auf der Berlinale. Es soll nur noch ein TV-Projekt folgen. Dann ist erstmal Schluss. Der Film heißt „Side Effects“ und um die titelgebenden Nebenwirkungen geht es auch. Rooney Mara spielt eine Frau auf Antidepressiva, die ihren Ehemann (Channing Tatum) umbringt. Ihr Therapeut (Jude Law) fühlt sich schuldig, weil er ihr das neue Mittel verschrieben hat. Doch so langsam schleichen sich bei ihm Zweifel ein. Ist er vielleicht nur ein Teil eines großen Komplotts?

An dieser Stelle hat man vielleicht schon zu viel gesagt aber „Side Effects“ präsentiert alle zehn Minuten eine neue Wendung und Drehung im Plot, sodass man gar nicht anders kann als ein bisschen was zu verraten. Aber, das kann man beruhigend sagen, das ist bei dieser Dichte kein Spoilern.

Gekonnt spielt Soderbergh in diesem ruhigen und coolen Thriller auf der Klaviatur des Genrefilms. Nach jeder Sequenz, so kommt es einem vor, beginnt ein neuer Film. Ein Drogendrama, ein Gerichtsfilm, ein Softporno, ein Gangsterfilm und noch einiges mehr. Die Ästhetik von „Side Effects“ steht dabei im Zeichen von Soderberghs letzten Filmen „The Girlfriend Experience“ bis „Haywire“. Kino, das reine Genremechanik ist und weniger das vollendete Werk präsentieren möchte. Außerdem schleichen sich herrliche Zitate z.B. aus Hitchcocks „Psycho“ ein.

 Auch wenn sich am Ende alles etwas in Wohlgefallen auflöst, bleibt das mulmige Gefühl, dass Soderbergh im Kino schmerzlich vermisst werden wird. Weniger wegen seiner großen Hollywoodwerke, sondern eher wegen dieser kleinen, schmutzigen und kantigen Fingerübungen wie „Side Effects“.

Noch ein Abschied. Zumindest auf der Leinwand. Bettie (Catherine Deneuve) setzt sich in Emanuelle Bercots Roadmovie „On her way“ ins Auto und fährt Zigaretten holen. Doch dann beschließt sie weiter zu fahren. Sie lässt ihre Mutter zurück mit der die 60-Jährige immer noch lebt. Auch das eigene Restaurant lässt sie hinter sich. Doch der Weg in die Freiheit und eine neue Zukunft führt im Kino meistens über die Begegnung mit der Vergangenheit. Und die erscheint hier in der Form von Betties Tochter und der Einladung zum ehemaligen Schönheitsköniginnen-Treffen von 1969. Ein Enkelkind taucht auch noch auf. Und schon ist die gestresste Bettie konfrontiert mit ihren Verfehlungen als Mutter und Großmutter und Frau.

„On her Way“ ist Deneuve-Kino. Und sollte es dieses Genre nicht geben, dann müsste man es doch schon längst erfunden haben. Wie viele Schauspielerinnen können eine Geschichte derart dominieren und ihr sogar den Rhythmus aufzwingen? Sicherlich nicht viele. Doch die wenigsten können das mit einer derartigen Mischung aus kühler Zärtlichkeit und weiblicher Würde wie die Französin. Und dabei hat das Drehbuch für die Deneuve allerlei Fiesheiten parat. Sie betrinkt sich in einer Westernbar und landet mit einem 30-jährigen Hippie im Bett. Sie verliert das Enkelkind an der Autobahnraststätte und muss sich – als ehemalige Miss Bretagne 1969 – mit den alten Konkurrentinnen auseinandersetzen.

Das inszeniert Bercot vergnüglich und lässig und phasenweise recht konventionell. Doch das ist alles egal, wenn man einfach nur Deneuve dabei zugucken kann wie sie einen Whisky in der Hand hält und zwei Hummern beim Kämpfen zu schaut. In solchen Momenten schwingt immer mehr mit als nur das Innenleben der Figur, die sie gerade verkörpert. Bei Deneuve schwingt immer auch Kinogeschichte mit. Truffaut, Polanski, Bunuel. So auch hier. Am Ende lacht Deneuve derart natürlich wie man es von dieser unnahbaren Ausnahmedarsllerin gar nicht gewohnt ist. Doch es gab keinen schöneren Moment auf der Berlinale.

Die Favoriten-Suche

Es fehlt nur noch ein Film und dann wurden alle 19 Wettbewerbsbeiträge gezeigt. Und wie jedes Jahr stellt sich die Frage: Wer wird gewinnen? Wie schon im letzten Jahr gibt es keinen klaren Favoriten. Das spricht für einen recht durchmischten Wettbewerb, der keine klaren Statements zulässt. Worauf sich alle einigen können ist, dass das osteuropäische Kino alle Erwartungen übertroffen hat und sicherlich mehr als nur ein Mal ausgezeichnet werden wird. Andrzej Chyra aus Malgorzata Szumowskas „Im Namen des …“ ist mit Abstand der größte Favorit auf einen Darstellerbären. Bei den Frauen lag lange Zeit die exzellente Paulina García vorne. Doch wie wird sie sich gegen die französischen Göttinnen Deneuve, Binoche und Huppert schlagen? Was ist mit den beiden Frauen aus „Vic+Flo haben einen Bären gesehen“? Es ist nahezu unvorstellbar, dass Jafar Panahis „Pardé“ nicht  mit einem Preis ausgezeichnet wird. Allein als politisches Zeichen, auch weil die Berlinale sich immer noch als politisches Festival begreift. Die Jury wird sich schon was denken. Und man kann es einfach nicht vorhersagen. Es wäre ja auch Kaffeesatzleserei. Deshalb leeren wir mal unsere Tasse und gucken rein und prognostizieren die Sieger, auch wenn wir - wie immer - völlig daneben liegen werden:

Goldener Bär
„The Life of an Iron Picker“ von Danis Tanovic

Großer Preis der Jury
“Pardé” von Jafar Panahi

Silberner Bär (männliche Hauptrolle)
Andrzej Chyra ("Im Namen des …")

Silberner Bär (weibliche Hauptrolle)
Paulina Garcia ("Gloria")

Beste Regie
Calin Peter Netzer ("Child’s Pose")

Bestes Drehbuch
David Gordon Green ("Prince Avalanche")

Alfred Bauer Preis
Denis Côte ("Vic+Flo haben einen Bären gesehen")

Sonderpreis der Jury:
Bruno Dumont für die eindrücklichste Umsetzung eines Briefwechsels in „Camille Claudel. 1915“

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Donnerstag, 14.02.2013: Gefangen

Widerspenstige Wettbewerbsfilme sind eine Herausforderung für müde Festivalaugen. Doch wenn man genau hinblickt erkennt man auf der 63.Berlinale Werke, die von gefangenen Überlebens-Künstlern sprechen und großes Kino abliefern.

Jeder erlebt sein eigenes Festival. Die Meinungen zum Wettbewerb lassen keinen anderen Schluss zu. Die Kollegen, die bisher immer am lautesten gegen die Qualität des Herzstücks der Berlinale klagten, sind zufrieden. Die andere Fraktion leidet enorm. Man kann es wohl nicht allen recht machen. Doch diese offensichtliche Verschiebung ist spürbar in den Sesselreihen des Berlinale-Palastes. Filme wie „Vic+Flo“ oder „Gold“ versetzen die formverliebten Kritiker fast schon in Euphorie. Nur der chilenische „Gloria“ scheint alle Seiten zu befrieden. Und in noch einem weiteren Punkt ist man sich einig: das osteuropäische Kino ist stark wie schon lange nicht mehr.

Nach Beiträgen aus Russland und Polen hat sich auch der rumänische Beitrag als sehr gelungen gezeigt. Mit „Child’s Pose“ zeigt Călin Peter Netzer die fatale und zynische Seite von familiären Bindungen. Cornelia Kerenes (Luminita Gheorghiu) ist Architektin und kommt aus der rumänischen Oberschicht. Ihr Selbstbewusstsein und ihr Machtgefühl werden auf die Probe gestellt als ihr 36-jähriger Sohn ein Kind überfährt und nun wegen fahrlässiger Tötung ins Gefängnis soll. Doch da hat die rumänische Justiz die Rechnung ohne Frau Kerenes gemacht. Getrieben von einer fast schon selbstzerstörerischen Mutterliebe beginnt sie ihren Sohn langsam aus den Fängen der Justiz zu entreißen. Sie besticht, verhandelt und bleibt dabei stets auf ihr Ziel fokussiert.

Netzer fängt das mit einer ständig nervösen Handkamera ein. Die Bilder sind unmittelbar im Geschehen und entfalten ihre Wucht. Wie für das junge rumänische Kino üblich, ist die Handlung auch ein Ort an dem die sozialen Missstände der Gegenwart des Landes verhandelt werden. Eine Hand wäscht die andere. Nicht für einen Augeblick zweifelt Cornelia Kerenes daran ihren Sohn freizukaufen. Sie gibt sich am Tatort als Anwältin aus, hilft einem Polizisten mit der Genehmigung für einen Wohnungsbau und spricht mit dem einzigen Zeugen des Unfalls einen anderen Tathergang ab (doch auch der will seinen Teil, ergo: 10.000 Euro). Und der Sohn guckt dem Treiben zu. Einem solchen Muttertier kann man nicht entfliehen. Cornelia spielt eine unangenehm große Rolle in seinem Leben und selbst die Freundin hat sie unter Kontrolle. Und so wird dieses kraftvolle Drama zu einem genauen Porträt einer zerrütteten Familie. Spannend und sehr überzeugend – ein starker Beitrag.

Auch überzeugend, doch auf seine ganz eigene Art, ist der neue Film von Bruno Dumont. In „Camille Claudel. 1915“ wirft er Juliette Binoche in eine Irrenanstalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Claudel war eine der berühmtesten Bildhauerinnen Frankreichs und die Muse des Malers Auguste Rodin. Doch der hat seine Ehefrau nie für die Geliebte verlassen, was bei Camille zu einer Depression führte, woraufhin sie ihr Dichter-Bruder Paul in eine abgelegene Irrenanstalt steckte.

Dumots Film basiert auf einem langen Briefwechsel der Geschwister und nicht wie vorab gedacht auf dem Isabelle Adjani-Film von 1989, die das Leben von Camille Claudel als elegantes Biopic verfilmen ließ und selbst die Hauptrolle übernahm. Bei Dumont geht es, wie es der Titel schon suggeriert, um Camille im Jahr 1915. Und wie für diesen radikalen Regisseur üblich wird hier beobachtet, wie sich Menschen mit inneren Dämonen plagen und dabei durch die Landschaft schreiten. Das hört sich so öde an und ist sicherlich kein Kino, das leicht zugänglich ist. Doch es steckt wie schon in seinen vorherigen Filmen „Hors Satan“, „Twentynine Palms“ oder „Flandern“ eine tiefe und überzeugende Reflexion über das Wesen des menschlichen Leidens darin.

Juliette Binoche verkörpert die Claudel beeindruckend. Für Dumont, der meistens mit Laien arbeitet, auch eine Herausforderung. Die Schwierigkeit besteht hier nun, dass der französische Regisseur, der als Theologieprofessor gearbeitet hat, Binoche gemeinsam mit echten Insassen eines Heims spielen lässt. Das könnte arg in die Hose gehen, denn viele Darstellerinnen könnten ihre Überlegenheit demonstrieren und zu häufig die Szenen dominieren und die Laien bloß ausnutzen. Doch bei einer Darstellerin mit der Klasse einer Binoche ist das Risiko gar nicht da. Dieser strenge Film durchmisst  rein äußerlich die Gefangenschaft einer Frau und damit irgendwie aller gedemütigten Frauen. Der Wunsch zur Freiheit wird durch die Männer, in dem Fall durch Paul Claudel, weggesperrt. Es gibt keinen Ausweg. Camille wird in der Anstalt bis zum Lebensende bleiben.

 

Weggesperrt und mit Berufsverbot belegt wurde auch der iranische Regisseur Jafar Panahi. Obwohl er nicht arbeiten darf und im Hausarrest in Teheran sitzt hat er in diesem Zustand nun bereits seinen zweiten Film gedreht. Der erste war ein erschütterndes dokumentarisches Zeugnis seines Alltags bei sich zu Hause. „This is not a film“ zeigte Panahi auf dem Fußboden kniend und so einen Film nachstellend, den er gar nicht machen kann. Gemeinsam mit seinem Ko-Regisseur Kambuzia Partovi präsentiert Panahi nun „Pardé“ was so viel wie „geschlossener Vorhang“ bedeutet. Es ist ein rätselhafter und gleichzeitig schmerzhafter Film über die Lage des Regisseurs geworden.

Ein Mann sperrt sich mit seinem Hund in einem Haus ein, weil in gewissen Auslegungen des Islam Hunde als schmutzig gelten. Bald stößt noch eine Frau hinzu, die vor etwas zu fliehen scheint. In der abgedunkelten Wohnung, die als Feriendomizil sicherlich traumhaft ist, unternehmen die beiden die Flucht vor einer Welt, die sie nicht haben will. Doch wer sind diese beiden eigentlich? Charaktere? Oder eher Ideen? Bald tritt die dritte Figur zu den beiden: Panahi selber. Und schon dreht sich „Pardé“ wie wild um sich herum, spiegelt und reflektiert das Dasein eines frustrierten Künstlers, der sich nicht verbieten lassen will und dabei auch jegliche pamphlethafte Inszenierung verzichtet.

Für die Dauer des Films schließt uns Panahi ein und vermittelt so ungeheuer eindrücklich seine Ohnmacht. Ein in jeglicher Hinsicht außergewöhnliches Werk. Eines, das sich nicht komplett erklären lassen will und kann, sondern gesehen werden muss. Am besten von einem möglichst großen Publikum. 

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Mittwoch, 13.02.2013: Die Stimme der Toten

Heute ehrt die Berlinale Claude Lanzmann mit einem Ehrenbären. In einer Hommage zeigt das Festival seine Filme. Ein schmales und übersichtliches Werk, doch es zählt ohne Zweifel zu den wichtigsten der Filmgeschichte. Schließlich hat Lanzmann den wegweisenden Film zum Holocaust gedreht – „Shoah“.

Am Ende der Welt, in Patagonien, so schreibt Claude Lanzmann in seiner Autobiographie, sah er immer wieder Hasen flitzen. Sie waren wendig, schnell und er konnte seinen Blick nicht von ihnen reißen. Denn diese Tiere symbolisierten etwas für ihn. Einen Überlebenswillen gegen alle Umstände. Und damit musste er natürlich auch an all jene denken, die die Gräuel der Holocaust-Verbrechen knapp überlebten. Aber auch an die, die es nicht geschafft haben. Es ist das ganz große Lebensthema des heute 87-jährigen französischen Intellektuellen. Es ist das zentrale Motiv seiner filmischen Arbeiten.

Es war Jean-Luc Godard, der sagte, dass das Kino in seiner Geschichte nur ein einziges Mal zu spät kam, und zwar in die Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Erst nach der Befreiung durch die Alliierten kamen die ersten Bilder der Hölle auf Erden an die Öffentlichkeit. Diese „Erbsünde des Kinos“ wie sie Godard nennt, kann man nicht mehr beheben. Wie nähert man sich dieser Tat? Wie kann man etwas zeigen, worüber man eigentlich gar nicht sprechen möchte? Kann man das? Soll oder darf man das?

Mit seiner epischen Filmdokumentation „Shoah“ gelang es Claude Lanzmann all diese Fragen in einem wagemutigen filmischen Experiment zu fassen. Lanzmann erwies sich als formales Genie, indem er in seinem neunstündigen Werk keine historischen Archivaufnahmen zeigte. Er drehte in der Gegenwart. Das Vergangene wird so schmerzhaft präsent – und eröffnet noch heute einen Raum für das erschütternde menschliche und moralische Versagen.

Lanzmann hatte sich auch in seinen anderen filmischen Projekten wie „Warum Israel“, „Sobibor“ oder „Tsahal“ ständig auf ethisch und moralisch dorniges Terrain begeben. Nie machte er es sich leicht. Er stellte bohrend unangenehme Fragen und behauptete nie, passende Antworten zu haben. Versehen mit einer monumentalen Unbeirrbarkeit, machte ihn dieses Vorgehen bis heute zu einer umstrittenen Person.

Aber aus allen Kontroversen und Anfeindungen scheint Lanzmann, der auch als einer der ersten westlichen Gäste ins kommunistische Nordkorea einreisen durfte (und sich dort hemmungslos in eine Krankenschwester verliebt haben soll), immer erstarkt hervorgegangen zu sein. Nun wird er mit dem Goldenen Ehrenbär ausgezeichnet. Ein Regisseur, der wie nur wenige den Geschundenen und Toten ihre Stimme wiedergab und ständig darauf hinweist, was Filmemacher erreichen können – und vielleicht auch müssen.

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Dienstag, 12.02.2013: Mister Franco beschließt zu nerven

Es ist Halbzeit auf der Berlinale und die Fachbesucher sind mit dem Blick auf den Wettbewerb sichtlich gespalten. In den Nebenreihen tummeln sich hingegen auffällig viele Filme aus den USA. Gleich drei haben etwas gemeinsam: Sie verfügen über den unsäglichen Geist von James Franco.

Großes Hollywoodkino ist dieses Jahr auf der Berlinale eher weniger anzutreffen. Doch das bedeutet nicht, dass sich keine Filme aus den Vereinigten Staaten finden lassen. Ganz im Gegenteil: Besonders in den Nebensektionen finden sich viele interessante Werke von jungen amerikanischen Regisseuren und ein paar Schauspielern, die sich immer jünger bereits hinter die Kamera wagen. Von Joseph Gordon-Levitts ziemlich gelungenem Regiedebüt „Don John’s Addiction“ haben wir bereits an anderer Stelle geschrieben. Sein Gegenpart auf dieser Berlinale ist James Franco, der gleich in drei Filmen mitspielt.

Der sicherlich kalkuliert kontroverseste Titel, den Franco hier zeigt, läuft im Panorama und ist die Doku-Fiktion "Interior - Leather Bar". Gemeinsam mit Travis Mathews widmet er sich einem berüchtigten Mythos der Filmgeschichte. Sie wollen die verschollenen 40 Minuten aus William Friedkins Thriller „Cruising“ nachdrehen. Damals ermittelte Al Pacino undercover in der New Yorker Schwulenszene. Weil Friedkin wirklich in einem SM-Club drehte und realen Schwulensex zeigen wollte, trat die Zensur auf den Plan. 40 Minuten mussten im Schneideraum verschwinden.

Franco und Matthews wollen diese Szenen nun nachdrehen, mit Laien im heutigen Los Angeles, und möchten so ein Statement über die prüde amerikanische Gesellschaft liefern. Sex im Kino ist ja immer noch ein Aufreger, eine nackte Brustwarze beim Super-Bowl ein Skandal und das in der Kombination von gleichgeschlechtlicher Liebe geht schon mal gar nicht. Nun spielt der Film mit dieser Überschreitung und fügt noch eine weitere Ebene hinzu, weil zwei der gecasteten Darsteller gar nicht schwul sind und sich nun mit einer Szene konfrontiert sehen, die ihnen fremd ist. Es wird viel gesprochen und wenig gesagt und zwei Blow-Jobs später ist der ganze Unfug vorbei. In jeder Hinsicht ein Griff ins Klo, ein kalkuliertes Möchtegern-Projekt, mehr ist „Interior – Leather Bar“ nicht.

In „Maladies“ (Panorama) spielt Franco sich selbst, der nicht mehr er selbst sein möchte. Catherine Keener spielt seine Mutter, die sich gerne als Mann verkleidet und David Strathairn einen Onkel, der lieber eine Tante wäre. Es gibt einen Off-Erzähler und Instagram-Fotos von blinden Menschen. Auch ansonsten gibt es allerlei prätentiöses Geschwafel über Existenz, Selbstwertgefühl und Geschlechterrollen. Es wird viel gesprochen und wenig gesagt. Dann setzt sich eine gewisse leere Schwere in die Bilder. Oder ist es eher eine schwere Leere? In der Hinsicht ein klassisches Franco-Project.

Der dritte Franco-Film ist der Indiestreifen „Lovelace“, ein Biopic über Linda Lovelace, der Pornodarstellerin, die im berüchtigten „Deep Throat“ mitspielte und damit ihren Anteil daran hatte, Porno „gesellschaftsfähig“ zu machen. Da Franco hier nur eine Nebenrolle spielt, kann man gar nicht so recht von einem Franco-Film sprechen. Zum Glück, denn sonst wäre dieses interessante Biopic, das sich im Verlauf stark auf einen Mutter-Tochter-Konflikt reduziert, sicherlich auch ein Reinfall gewesen.

James Franco hat in Berlin auch noch eine Ausstellung eröffnet. Ihr Titel: „Gaytown“. Dort stellt er fiktive Magazin-Schlagzeilen zu seiner Person nach. Wieder das Spiel mit dem eigenen Ruhm, mit der eigenen Sexualität und Persona. Hier wird nun wenig gesprochen und gar nichts gesagt. Francos intellektuelle Ausflüge in die Welt der gewichtigen und hoch reflektierten Kunst sind leider nichts weiter als extrem langweile Exzesse eines unfassbar aufgeblasenen Narziss.

Ganz anders - nämlich ruhig, reflektiert und mit dem Blick für gewisse Realitäten – arbeitet sich der Mitbegründer des Mumblecore-Genres Andrew Bujalski durch die Filmgeschichte. Sein Forumsbeitrag „Computer Chess“ ist ein wahnsinnig schöner Film. Bujalski beobachtet einen Wettbewerb von Schachprogrammierern, die sich in einem kleinen Hotel einquartiert haben. Dort begegnen die verklemmten Nerds den sexuell freizügigen Besuchern einer Selbstfindungsgruppe. In Schwarzweiß und mit viel Sinn für die Details der ersten Computerjahre rutscht „Computer Chess“ vergnüglich in eine surreale Parallelwelt ab, die nichts mit dem öden Netzwerk-Universum á la Facebook zu tun hat.

Auch in Schwarzweiß und ebenfalls eine Erleuchtung ist der neue Film von Noah Baumbach („Der Tintenfisch und der Wal“) „Frances Ha“ (Panorama) mit der exquisiten Indie-Königin Greta Gerwig. Der Film ist eine stille Komödie über Großstadtneurosen, ohne gleich in Woody Allen-Gefilden zu fischen. Frances will nicht erwachsen werden, sie schläft bei Freunden und stolpert durch den Alltag. Ein Film über einen Wochenendtrip nach Paris, über nichts weiter und damit irgendwie über alles. Ein kunstvoller Film über die Kunstlosigkeit der Kommunikation. Herr Franco, wie wäre es mal mit so einem Ansatz?

 

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Montag, 11.02.2013: Bärenklappe zu, Affe tot

Lange Gesichter, nahezu nach jedem Wettbewerbsfilm. Die vielversprechenden Titel erweisen sich häufig als Reinfall. Wäre da nicht eine lebenslustige Seniorin aus Chile, wäre es Zeit für einen Protest.

Es hat etwas gedauert, aber nun ist das Berlinale-Symbol 2013 gefunden: die Bärenfalle. Wenn man sich an die Katzen-Berlinale, an die Gefängnis-Berlinale oder an die Wald-Berlinale erinnert, erscheint das Symbol der Bärenfalle viel passender. In Thomas Arslans "Gold" tritt ein deutscher Goldsucher in die einzige Bärenfalle ganz Kanadas. Und in "Vic + Flo sahen einen Bär" des kanadischen Regisseurs Denis Côte wird die Bärenfalle zum grausen Zeichen einer unmöglichen Zukunft.

Vor einem Jahr war Côte im Forum der Berlinale mit einem stummen Dokumentarfilm zu sehen, in dem er einfach Tiere zeigte. Giraffen und Pferde, Schweine und Katzen. Er zerpflückte die Umgebungen und fügte so ein interessantes Puzzle von angemessener und unangemessener Tierhaltung. Sein Spielfilm, der hier um den Goldenen Bären konkurriert, hat zunächst mal nur sehr lose was mit dem Vorgängerfilm zu tun.

Vic und Flo sind zwei Frauen, die eine Vergangenheit haben. Sie waren im Gefängnis, haben Schuld auf sich geladen. Jetzt treffen sie sich in einer Hütte im kanadischen Hinterland. Victorias Onkel soll gepflegt werden. Doch der kranke Mann ist schon bald tot und Fremde tauchen auf. Ein Afro-Kanadier und eine ziemlich hässliche Frau. Beide trachten Vic und Flo nach dem Leben. Warum sie das machen? Das wird nicht gesagt. Still und leise hat Denis Côte einen angetäuschten Horrorfilm gedreht. Kurze Paukenschläge verkünden ein verheerendes Unheil.

Der Film passt nicht in den Wettbewerb. Er wirkt wie ein verzögerter Lars von Trier-Film, der seinen Horror gar nicht ernst nehmen will. Das verstört, weil man die verschiedenen Eindrücke und Genrefetzen nicht unter einen Hut bringen kann - oder soll? Ein seltsamer Film, so ganz schlau wird man nach dem ersten Schauen nicht.

Ganz und gar ärgerlich ist hingegen Pia Marrais' Tatort-Verschnitt "Layla Fourie" mit August Diehl. Der Film spielt in Pia Marrais' Heimat Südafrika und folgt der alleinerziehenden Mutter Layla, die in der Personalabteilung eines Kasinos arbeitet. Mit ihrem kleinen Sohn überfährt sie einen weißen Mann auf der Straße. Verzweifelt versteckt sie die Leiche und versucht die Spuren zu verwischen. Als sich herausstellt, dass dieser Mann der Vater eines Fahrers ist, der sich für einen Job beworben hat und von Layla abgelehnt wurde, wird die Situation zunehmend prekär.

Man merkt schnell wohin der Film möchte. Denn die Grundsituation ist ja durchaus interessant. Es geht um eine allumfassende Atmosphäre des Misstrauens im heutigen Südafrika. Layla misstraut den weißen Polizisten in der Tatnacht, die sie böse anblicken als sie den Unfall beichten will. August Diehls Figur misstraut schon bald Layla und ihrem Sohn. Es gibt einige Szenen in denen ein Lügendetektortest gemacht wird. Verhöre. Dialoge über Wahrheit und Verrat. Das alles hat natürlich etwas drängendes. Doch so gleichgültig und schlampig, wie hier inszeniert wurde, kann man vielleicht Fernsehen machen, aber mit Kino hat das herzlich wenig zu tun.

Mit Kino hat "Gloria" aus Chile zu tun. Auch das ist ein Film mit einer Frau im Mittelpunkt. Gloria ist 58 und geschieden. Die Kinder sind erwachsen. Der Sohn schon Vater, die Tochter verliebt in einen schwedischen Bergkletterer. Und Gloria besucht munter Single-Parties, Yoga-Kurse und Lach-Seminare. Auf einer Veranstaltung trifft sie Rudolfo. Die beiden Senioren fangen eine Affäre an. Doch beide können nicht zueinander kommen, weil sie keine unbelasteten Jugendlichen mehr sind. Da sind die Familien, die Altlasten einer früheren Zeit. Und deshalb geraten die beiden immer wieder aneinander.

Sebastian Leilo hat einen umwerfenden Film gedreht. Eine herzerwärmende Komödie über die Lieben und Leidenschaften im hohen Alter. Doch "Gloria" ist auch das umwerfend leichthändig Inszenierte Porträt einer starken, selbstbewussten Frau, die sich ständig neu erfindet und das Leben fest im Visier behält. In nullkommanix hat sie das ganze Kino auf ihrer Seite gehabt. Applaus im ganzen Saal, tanzende und glückliche Kritiker. In vielerlei Hinsicht der erste Bären-Favorit.

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Sonntag, 10.02.2013: Trügerische Versprechungen

Bislang gibt es nur wenige Highlights im Wettbewerb. Thomas Arslans "Gold" spaltet das heimische Publikum und Beiträge aus Schweden und Frankreich enttäuschen mit mal stiller, mal lauter Belanglosigkeit.

Anna ist eine liebe Kollegin, die seit Jahren die großen Festivals der Welt bereist. Sie ist ein Profi. Und mitten in der Vorstellung des einzigen deutschen Wettbewerbsfilms "Gold" entweicht ihr ein genialer Satz: "Nina Hoss muss immer erstmal ankommen." Auf der Leinwand sieht man diese großartige Darstellerin, wie sie im späten 19. Jahrhundert als Goldsucherin in Kanada ihr Glück versucht. Arslan führt sie auf eine fast schon gespenstische Weise in den Film ein.

Ein Zug kommt in eine Stadt und ihr entsteigt in einem augenfälligen, alles dominierenden, blauen Kleid Nina Hoss. Sie schreitet, still, leise und bedächtig, wie es sie es bei Christian Petzold macht, durch die staubige Landschaft. Sie verzieht keine Miene, spricht nur das Nötigste. Gleich zu Beginn sondiert sie die Lage, erkundigt sich nach dem Weg. Wir gehen mit ihr mit, sie ist unsere Reiseleiterin durch diesen sehr sperrigen und leisen Film. In der Darstellung von Hoss schwingt stets etwas Tiefgründiges mit. Eine Vergangenheit vielleicht, auch wenn wir nur erfahren, dass sie aus Bremen kommt und ein paar Jahre als Kindermädchen in Chicago gearbeitet hat. Mehr nicht. Aber dieser Eindruck bezieht sich diesmal weniger auf die Figur als vielmehr auf Hoss selber. Als wäre sie im blauen Kleid, das sie erst in Petzolds "Barbara" trug, nun in dieser Welt gelandet. Aus der DDR in den wilden Westen. Aus einem Kosmos in den anderen. Auch deshalb muss sie erstmal ankommen.

Ansonsten bleibt der Eindruck von Arslans "Gold" sehr zwiespältig. Wir beobachten einen Zug von deutschen Goldgräbern, die in aller Regelmäßigkeit ein oder zwei Mitglieder verlieren bis nur noch Nina Hoss und der Packer übrig bleiben. Auf dem Weg passiert so einiges: Ein Wagenrad bricht, stumme Indianer weisen den Weg, Verrat, Betrug, Krankheit, Tod, Gangster tauchen auch noch auf - das alles positioniert Arslan derart minimalistisch in dieser wunderschönen, weiten Umgebung, sodass der ganze Film wie eine Versuchsanordnung wirkt. Ein deutscher Western also. Oder doch nicht?

Schön ist hier, wie hart und authentisch diese Reise geschildert wird. Mit minimalistischen Elektro-Gitarrenriffs, die man sich recht unverschämt aus Jim Jarmuschs "Deadman" geklaut hat. Arslan versucht sich ein Genre und ein Gefühl anzueignen, das dem deutschen Kino im Prinzip fremd ist - und nach "Gold" wohl auch bleiben wird.

Ein recht unsäglicher Beitrag ist dagegen "The Necessary Death of Charlie Countryman" des Werbefilmers Fredrik Bond. Eine krude, völlig unsinnige Euro-Pudding-Geschichte, die wahrscheinlich nur nach kräftigen Geldspritzen des rumänischen Tourismusinstituts zustande gekommen ist. Dabei ist die Besetzung beachtlich. Shia LaBeouf spielt einen Amerikaner, dessen tote Mutter (!) ihm eine Reise nach Bukarest (!!) empfiehlt, die der Junge dann auch antritt. Im Flugzeug stirbt sein Sitznachbar, was ihn in die Arme von dessen Tochter treibt. Und schon findet sich der unschuldige Backpacker mitten in mafiösen Konflikten wieder. Wird mal von Mads Mikkelsen, dann wieder von Til Schweiger grundlos verprügelt und nimmt mit Rupert Grint LSD. Aber am liebsten sieht der Film Shia LaBeouf dabei zu, wie er in Zeitlupe, begleitet von wuchtigen Technobeats, durch die Straßen von Bukarest läuft und hüpft.

Ein völlig dämliches Unternehmen, an dessen Erfolg auch der junge Darsteller nicht glaubte. Im Berlinale-Palast schrieb er unter sein großes Porträt-Foto nicht nur seinen Namen, sondern die vielsagende Message: Thanks for showing our stuff. Danke, dass ihr unseren Kram zeigt ...

Kram und daher auch überflüssig ist der erste französische Beitrag im Wettbewerb - "La Religieuse" von Guillaume Nicloux. Es ist die Verfilmung eines Diderot-Romans, der schon einmal 1963 von Jacques Rivette adaptiert wurde. Sowohl Buch als auch Film (der alte und der neue) setzen auf den Skandal und einen angeblichen Tabubruch. Ein unehelich gezeugtes Mädchen wird von der kaltherzigen Mutter (Martina Gedeck) gezwungen, ein Leben als Nonne zu führen, auch wenn es sich unter allen Umständen weigert. In einem Kloster wird sie dafür körperlich misshandelt. In einem zweiten wird sie von der Mutter Oberin (Isabelle Huppert) sexuell belästigt.

Schon Rivettes Fassung stieß bei der Uraufführung in Cannes auf Unverständnis und Kritik. Nicht anders ergeht es jetzt dieser Version. Denn selbst eine Isabelle Huppert kann ein völlig unnötiges Leinwandunternehmen wie dieses nicht retten.

Die anfangs erwähnte Kollegin Anna führt viele Interviews. Nicht selten sitzt sie gleich nach der Vorstellung den Stars gegenüber. Was sich so cool anhört, kann aber recht enttäuschend sein, wenn die Desillusionierung sehr ernüchternd ausfällt. Denn kaum hat man sich auf der Leinwand in einen Darsteller verliebt oder einen Regisseur verehrt, schon wird man mit der realen Person konfrontiert. Und im Interview erweisen sich die Stars dann als recht langweile Menschen. Dieses Jahr erging es Anna so bei Joseph Gordon-Levitt,der hier sein amüsantes Regiedebüt "Don John's Addiction" (Panorama) zeigt. Darin spielt er einen pornosüchtigen Macho, der trotz Freundin (Scarlett Johansson) weiter seiner Sucht frönt. Ein kurzweiliger Spaß, eine beißende Satire, die auch Tom Wolfe hätte schreiben können. Das muss doch auch der Autor so sehen.

Doch Gordon-Levitt will den Film für den amerikanischen Markt fast komplett neu bearbeiten. Die Suchtform austauschen. Pornos und so, das könne man dem amerikanische Publikum nicht verkaufen. Aber er wolle eh viel lieber reines Mainstream-Kino machen und keine hintergründigen Sachen. "Damit hat er sich fast komplett entzaubert", sagt Anna sichtlich ernüchtert am nächsten Tag. Dann schon lieber Nina Hoss beim Ankomme n zu sehen. Da weiß man nämlich woran man ist.


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Freitag, 08.02.2013: Enttäuschte Hoffnungen

Wong Kar-Wais Kung-Fu-Film eröffnet das Festival und sorgt für die erste Ernüchterung. Wettbewerbsfilme aus Polen und Österreich lassen diese Enttäuschung aber schnell vergessen.

Außerhalb der Konkurrenz wurde Wong Kar-Wais "The Grandmaster" gezeigt. Vom Eröffnungsfilm hatte man sich ganz Großes erhofft. Deshalb war man im Kino so schockiert, als sich der Kampfkunst-Film als recht redundantes Glasperlenspiel erwies. Der Film ist eine Art Biografie des Kampfkunstmeisters Yip Man (1893–1972), der den heute bekannten Kung-Fu-Stil Wing Chun entwickelt hat. Wong Kar-Wai erzählt sein Leben als Rachegeschichte mit viel Pathos. Als Yip Man, Kämpfer des Südens, völlig überraschend den Kampfmeister des Nordens besiegt, wird er zur Legende. Doch die Tochter und ein Lehrling des Besiegten sinnen nach einer Revanche.

Die wechselvolle Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert spielt hier keine Rolle. Irgendwann werden vereinzelt japanische Einheiten gezeigt. Doch der Film beschränkt sich auf seine - teils recht schöne - Choreografie. Blutstropfen, Schneeflocken, flatternde Bänder und gewichtige Ethosbekundungen - das inszeniert Wong Kar-Wai zweifelsohne sehr überzeugend und fühlt sich in der Schwerelosigkeit seiner Kampfszenen sehr wohl. Deshalb erinnert "The Grandmaster" in seinen besten Momenten an ein geniales Tanzstück. Dem muss man sich hingeben, um den plotarmen Film genießen zu können.

Bei aller Freude am Spektakel und den wirkungsvollen Slow-Motion-Aufnahmen – eine Seele besitzt der Film leider nicht. Er genügt sich selbst und das erscheint gerade für jemanden wie Wong Kar-Wai einfach zu wenig. Ihm fehlt der Bezug zur chaotischen Gegenwart. Und wieder mal muss man sagen, dass der Ausflug ins Genre dem Regisseur alles andere als gut getan hat. Irgendwo ist ihm die Inspiration und Vision abhanden gekommen. Vielleicht findet er sie bei seinem nächsten Projekt.

Der erste offizielle Wettbewerbsbeitrag hingegen hat nicht nur positiv überrascht, nein, Malgoska Szumowskas "Im Namen des ..." erweist sich als ernstzunehmender Favorit für einen der wichtigen Preise. In ihrem Film wirft die polnische Regisseurin einen Blick in das Seelenleben eines homosexuellen Priesters. Adam (Andrzej Chyra) plagt sich in der Provinz mit heranwachsenden Jungs herum. Immer wieder wird er in Versuchung geführt. Einmal durch Ewa, die Frau eines Anwohners, die dem Priester offensichtliche sexuelle Avancen macht, überzeugt davon, dass der intelligente Mann in seinem Amt gefangen ist und ein besseres Leben verdient. Zum anderen durch einen neuen Jungen, Adrian, der ahnt, dass Adam schwul ist und ihn damit erpresst.

Szumowska erzählt das in ruhig beobachtenden Ellipsen. Dadurch bekommt der Film etwas episodenhaftes. Adam wird regelmäßig herausgefordert. Soll er sich outen? Würde das etwas bringen? Erlösung? Freiheit? Wenigstens ein bisschen Luft zum Atmen? Andrezj Chyra spielt diese Figur mehr als überzeugend. Sein Adam hat nichts Klerikales. Er spricht mit den Jungs, als wäre er einer von ihnen, trinkt und raucht mit, ist mal streng, mal freundlich. Wir sehen einen intelligenten und reflektierten Mann, dessen sexuelle Identität unvereinbar zu sein scheint mit dem Amt, welches er bekleidet. Adam kämpft mit seinen inneren Dämonen und Szumowska ("33 Szenen aus dem Leben", "Elles") macht daraus intensives, aufrüttelndes Kino.

Dem Österreicher Ulrich Seidl ist ein ganz großes Kunststück gelungen. Der erste Film seiner Paradies-Trilogie lief letztes Jahr in Cannes (“Liebe”), der zweite Teil im gleichen Jahr in Venedig (“Glaube”) und der letzte Teil - "Paradies: Hoffnung" - feiert nun auf der Berlinale seine Weltpremiere. Wir begleiten die Tochter der Protagonistin aus "Liebe", wie sie in ein Diät-Camp gebracht wird. Dort verliebt sich die 13-jährige in den Arzt und muss erleben, dass diese Liebe keine Zukunft hat.

Seidl bleibt seinem Stil treu. Lange starre Einstellungen, die zeigen, wie die dicken Kinder von einem unfreundlichen Sportlehrer zu stupiden Sportübungen gezwungen werden, wechseln sich mit jugendlichen Bettgesprächen ab. Genau an diesen Stellen sieht man die wahre Stärke des Films. Die Laiendarsteller sind derart überzeugend, dass man den Gesprächen über Sex, Liebe und die alltäglichen Quälereien gebannt lauscht, ohne das Gefühl zu haben, zum Voyeur zu werden.

"Hoffnung" ist der lichteste Teil der Trilogie. Der inszenatorische Exzess tritt hinter der traurigen Coming-of-Age-Geschichte zurück. Man fragt sich: Wo ist hier die Hoffnung? Vielleicht ist es der Moment, in dem das Mädchen ihre Mutter in Kenia versucht anzurufen und nur die Mailbox erwischt. Wir wissen, dass diese in Afrika eine Sextouristin mimt und ihre eigne Gefühlswelt durcheinander wirbelt. Melanie hat vielleicht noch eine andere Zukunft vor sich. Eher nicht, weil sie ein Teil des Seidl-Universums ist. Und dort kennt das Fatale und Zynische selten den Ausweg in eine heilsame, bessere Welt.


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Donnerstag, 07.02.2013: Ein echtes Überraschungspaket

Heute werden die 63. Berliner Filmfestspiele eröffnet. Den Auftakt bestreitet „The Grandmaster“ - das neue Werk des Hongkongers Wong Kar-Wai, der dieses Jahr auch Jury-Präsident ist. Nicht nur der Eröffnungsfilm lässt die Cineastenherzen höher schlagen. Denn auch der Wettbewerb verspricht aufregendes, zeitgenössisches Autorenkino.

Irgendwas ist schief gelaufen. Ganz sicher. Anders kann man sich das gar nicht erklären. Man kratzt sich am Kopf, fährt mit dem Finger über das diesjährige Wettbewerbsprogramm der 63.Berlinale und kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. So werden dem Besucher versprochen: Neue Filme von Ulrich Seidl, Gus van Sant, Wong Kar-Wai, Hong Sang-Soo, Bruno Dumont, Jafar Panahi und das neue Werk von Thomas Arslan. Außerdem Filme aus Rumänien, Polen und Kasachstan. Und: Til Schweiger darf das erste Mal einen Film im Wettbewerb vorstellen. Man freut sich regelrecht auf die Wettbewerbsfilme und die kleinen versteckten Perlen im Nebenprogramm. Ein Gefühl, dass wir – besonders im Zusammenhang mit dem Wettbewerb – auf der Berlinale in dieser Form schon lange nicht mehr hatten - im Zusammenhang mit dem Leiter Dieter Kosslick vielleicht noch nie.

Natürlich gibt es schon die ersten Unkenrufe. Was ist da bloß passiert? Warum kommt ein Dumont? Ein Hong Sang-soo? Sind ihre Filme diesmal etwa schlecht? Aber das sind schon Überlegungen, die in die völlig falsche Richtung weisen. Außerdem muss man – wie immer – abwarten. Und auch die lächerliche Kritik an Kosslick, die Jury würde aus „zu vielen“ Regisseuren bestehen, muss man einfach links liegen lassen. Oder doch nicht?

Nun, letztes Jahr gab es eine durchmischte Jury, die sich dann äußerst penetrant an den mutigen und unbequemen Werken vorbeidrückte und weitestgehend Konsensfilme auszeichnete, was nicht nur unter Fachbesuchern für ein ungutes Gefühl sorgte. Das Thema Jury und Festival ist sowieso eines voller Missverständnisse. Und vielleicht gibt es keinen Bereich eines Festivals, der mehr von Mythen, Legenden und Lästereien befallen ist wie dieser.

Wong Kar-Wai, der Hongkonger, der in den 90er Jahren Kinogeschichte schrieb, indem er in Filmen wie „Chunking Express“, „Days of being wild“ oder „Happy Together“ der Welt bewies wie frisch und lebendig das Kino sein kann, wie viel Sehnsucht und Liebe die Bilder vertragen, Wong Kar-Wai also ist dieses Jahr der Jury-Präsident. Doch wie wird er entscheiden? Der Schluss liegt nahe, dass er vielleicht ein ästhetisch mutiges Kino auszeichnet. Eines, wie er es selber macht. Doch genau das ist bisher nicht der Fall gewesen. Regisseure als Jury-Präsidenten zeichnen eher selten Filme aus, die aus ihrem eigenen Kosmos sein könnten.

Als Wong Kar-Wai Jury-Präsident in Cannes war (2006), wurde nicht del Toros „Pan’s Labyrinth“ oder Almodóvars „Volver“ ausgezeichnet, sondern Ken Loachs Kriegsfilm „The Wind that shakes the Barley“. In der Hinsicht kann man also keine Schlüsse ziehen. Und die Mitjuroren wie Tim Robbins, Andreas Dresen, Susanne Bier, Shirin Neshat, Ellen Kuras und Athina Rachel Tsangari haben keinen geringen Anteil daran, dass dieses Jahr bei der Preisvergabe keine voreiligen Schlüsse gezogen werden können. Das gleiche betrifft natürlich auch das Programm.

Ein schöner Nebeneffekt von Wongs Präsidentschaft ist, dass sein lang ersehnter Film „The Grandmaster“ das Festival eröffnet. Mit dem Schwertkampffilm kehrt der Regisseur zurück zu einem Genre, das er bisher nur einmal mit „Ashes of Time“ bediente. Die ersten Bilder versprechen nicht nur große Akrobatik, sondern vor allem auch eine Neupositionierung des Regisseurs. Man darf sich fragen, ob der Pathos und die unterdrückte Liebe immer noch ein Leitmotiv seines Werkes sein werden. Und vielleicht wird ja dieser aus der Zeit gefallene Stoff (es geht um die Geschichte des Kung-Fu, erzählt am Leben des Lehrmeisters von Bruce Lee) vielleicht schon am ersten Festivaltag jene Bilder produzieren, die sich prächtig über das ganze Festival legen werden. Wir warten ab, sind gespannt und gehen ins Kino.


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