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Die Oscar-Verleihung 2013

Es versprach, eine der spannendsten Oscar-Verleihungen seit langem zu werden, mit einem erstaunlich eng zusammengerückten Favoritenfeld (siehe unser Oscar-Vorschau-Special), und tatsächlich hielt der Abend diese Spannung bis zum letzten Moment, während einige (Oscar-)historische Momente und Überraschungen zwischendurch dabei halfen, die dreieinhalb Stunden der Zeremonie relativ kurzweilig umgehen zu lassen. Dass der Hauptpreis am Ende dann doch an den größten Favoriten ging – geschenkt. Der Weg bis dahin war jedenfalls sehr gelungen.

Das war durchaus auch Seth MacFarlane zu verdanken, der als Gastgeber ja eine durchaus überraschende Entscheidung gewesen war, und sich alle Mühe gab, den schwierigen Spagat zu meistern zwischen seiner Rolle als respektloser, politisch höchst unkorrekter Witzereißer, und den glamourösen Anforderungen der Veranstaltung. Das gelang ihm im gesamten Verlauf der Show ganz ordentlich, bei seinem Eröffnungsmonolog indes nur so halb gut. MacFarlane legte mit einer Reihe gelungener, teils gewagter Witze los, dann schleppte sich seine Nummer aber zu einem etwas bemühten Finish, als MacFarlane einen leidlich brauchbaren Gag heillos überdehnte: William Shatner als Captain Kirk schaltete sich mitten in den Monolog ein, angeblich, weil er aus der Zukunft zurückgereist war um MacFarlane davon abzuhalten, sich mit katastrophalen Aktionen einen Ruf als schlechtester Oscar-Gastgeber der Geschichte einzuhandeln. Das war zunächst durchaus lustig, griff sich dann aber sehr ab, als es insgesamt dreimal hin- und her ging zwischen einem Einspieler einer „geschmacklosen“ Moderatoren-Aktion MacFarlanes und seinem Live-Versuch, es mit einer komplett witz- und ironiefreien Sing- und Tanzeinlage besser zu machen. Das passte zwar in das zur Eröffnung ausgerufene Motto der Show, das Thema „Musik im Film“ zu feiern. Ein gelungener und komischer Ausklang für MacFarlanes Monolog war es trotzdem nicht.

Besagtes Thema „Musik im Film“ ließ befürchten, dass es im Laufe der Show noch zu einer Menge Gesangseinlagen kommen würde. Man hielt sich da Gott sei Dank zurück, und zugegebenermaßen war es durchaus sehenswert, als zum 50. Geburtstag von James Bond die prägnante Musik der Reihe mit einem eigenen Einspieler gewürdigt wurde, gefolgt von einem Live-Auftritt von Shirley Bassey, die erstaunlich frisch noch einmal „Goldfinger“ auf der großen Bühne sang.

Ein ziemlich langwieriger Showstopper war dann hingegen ein „Musical Medley“, als nacheinander Catherine Zeta-Jones und Jennifer Hudson noch einmal ihre großen Nummern aus „Chicago“ und „Dreamgirls“ vortrugen und dann auch noch der gesamte Cast von „Les Misérables“ für ein Ensemblestück auf die Bühne kam. Spätestens an diesem Punkt war man sich indes geneigt zu fragen, ob diese ganze Feierei über Musik im Film am Ende nicht doch darin kulminieren würde, dass das Musical im Feld das Rennen als bester Film gewinnt. Immerhin hatte „Les Misérables“ zu dem Zeitpunkt schon zwei Preise gewonnen.

Bevor diese Spannung endgültig aufgelöst wurde, gab es allerdings zunächst noch ein paar andere, bemerkenswerte Preisträger. Beim ersten Oscar des Abends war schon im Vorhinein klar, dass der Preis einen ersten historischen Marker hinterlassen würde, denn alle fünf Nominierten hatten schon mal einen Oscar gewonnen. Es musste hier also jemand seinen zweiten (bzw. im Falle von de Niro seinen dritten) Oscar gewinnen. Es entbehrte dann nicht einer gewissen Ironie, dass in einem Nominiertenfeld mit einer Historie von zusammen 21 vorherigen Nominierungen derjenige gewann, der überhaupt erst zum zweiten Mal nominiert war. Christoph Waltz kann sich jetzt jedenfalls des historischen Kunststücks rühmen, bei zwei Nominierungen zwei Oscars gewonnen zu haben. Wenn das kein Argument für Quentin Tarantino ist, ihn in seinem nächsten Film wieder zu besetzen.

Als beeindruckende Oscar-Sammler erwiesen sich einmal mehr die Pixar-Studios, die für den Kurzfilm „Paperman“ und den Langfilm „Merida“ beide Animationspreise mitnahmen – ob das gerade im letzten Fall wirklich verdient war, bleibt diskutabel.

Für eine andere bemerkenswerte Randnotiz sorgte die eigentlich relativ obskure Kategorie für den besten Tonschnitt – denn hier gab es in der Abstimmung tatsächlich ein Unentschieden und darum zwei Preisträger. Das ist seit 1968 nicht mehr vorgekommen, als Katherine Hepburn und Barbara Streisand sich den Preis für die beste Hauptdarstellerin teilen mussten.

Es dauerte über zwei Stunden, bis der 12-fach nominierte „Lincoln“ seinen ersten Preis einsacken konnte (für die beste Ausstattung) – ein Indiz dafür, dass die Zeremonie die enorme Spannung in der Hauptkategorie in ihrem Verlauf um keinen Deut schmälerte. Denn einen klaren Abräumer gab es an diesem Abend nicht. Bevor die Verleihung auf die Zielgerade zusteuerte mit den Preisen für Drehbücher, Hauptdarsteller, Regie und Film sah das Favoriten-Feld so aus: ein Oscar für „Lincoln“, einer für „Argo“, drei für „Life of Pi“ und drei für „Les Misérables“.

Dann gewann Chris Terrio den Preis für das beste adaptierte Drehbuch in direkter Konkurrenz zu „Lincoln“ und „Life of Pi“, und die ganze Sache wurde nur noch spannender. In diesem Moment schien „Lincoln“ im Hauptrennen endgültig abgeschlagen zu sein, doch stattdessen schob sich nun jemand anders nach vorne. Denn als Ang Lee den Regie-Oscar für „Life of Pi“ gewann, manifestierte sich nicht nur „Lincoln“ als der große Verlierer dieses Abends. Auf einmal sah es so aus, als könnte sich der Hauptpreis für den besten Film zwischen „Life of Pi“ und „Les Misérables“ entscheiden, anstatt zwischen „Lincoln“ und „Argo“ – hatten die beiden Außenseiter wirklich die beiden Favoriten überholt?

Bevor diese Spannung sich endgültig löste, brachte der Abend noch seinen letzten, im Voraus absolut zu erwartenden historischen Moment, als die dreifache Oscar-Preisträgerin Meryl Streep Daniel Day-Lewis seinen dritten Oscar als bester Hauptdarsteller übergab – womit er der erste Schauspieler ist, der dreimal ausgezeichnet wurde.

Und dann gewann am Ende doch „Argo“ – eine besondere Genugtuung für Ben Affleck, der von der Oscar-Akademie in der Regie-Kategorie so sträflich übergangen worden war, und bei seiner wirklich rührenden Dankesrede dann sichtlich überwältigt und ergriffen war. Den besten Dankesreden-Spruch des Abends hatte da zuvor bereits Afflecks nicht unbedingt super-attraktiver Co-Produzent Grant Heslov gemacht, der in der Mitte des Dreier-Spaliers der preisgekrönten „Argo“-Produzenten zwischen Affleck und George Clooney stand und völlig trocken meinte: „I know what you’re thinking – the three sexiest producers alive.“

Die letzten Lacher des Abends verdiente sich dann aber doch wieder Gastgeber MacFarlane, der das Musik-Thema noch einmal aufnahm und zum Abschied zusammen mit Kristin Chenoweth eine augenzwinkernde Ode an die Verlierer des Abends sang: „Here’s to the losers – bless them all.“ Es ist das abschließende Fazit dieses durchaus überraschenden Abends, dass sich mit diesem Lied vor allem die Macher von „Lincoln“ angesprochen fühlen mussten.

Hier die vollständige Liste der Oscar-Gewinner 2013:

BESTER FILM

Argo

BESTE REGIE

Life of Pi” - Ang Lee

BESTER HAUPTDARSTELLER

Daniel Day-Lewis (Lincoln)

BESTE HAUPTDARSTELLERIN

Jennifer Lawrence (Silver Linings)

BESTER NEBENDARSTELLER

Christoph Waltz (Django Unchained)

BESTE NEBENDARSTELLERIN

Anne Hathaway (Les Misérables)

BESTES ADAPTIERTES DREHBUCH

Argo (Chris Terrio)

BESTES ORIGINALDREHBUCH

Django Unchained (Quentin Tarantino)

BESTER FREMDSPRACHIGER FILM

Liebe (Österreich)

BESTER ANIMATIONSFILM
Merida – Legende der Highlands (Mark Andrews and Brenda Chapman)

BESTE KAMERA
Life of Pi (Claudio Miranda)

BESTE KOSTÜME
Anna Karenina (Jacqueline Durran)

BESTER SCHNITT
Argo

BESTE MASKE
Les Misérables

BESTE FILMMUSIK
Life of Pi (Mychael Danna)

BESTER ORIGINAL-SONG
“Skyfall” aus “Skyfall”

BESTE AUSSTATTUNG
Lincoln

BESTER DOKUMENTARFILM
Searching for Sugar Man

BESTE KURZDOKUMENTATION
Inocente

BESTER ANIMIERTER KURZFILM
Paperman

BESTER KURZFILM
Curfew

BESTER TONSCHNITT
Skyfall
Zero Dark Thirty

BESTER TON
Les Misérables

BESTE VISUELLE EFFEKTE
Life of Pi

 

Frank-Michael Helmke

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