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Kinsey

Kinsey
biographie-drama , usa 2004
original
kinsey
regie
bill condon
drehbuch
bill condon
cast
liam neeson,
laura linney,
peter sarsgaard,
oliver platt,
john lithgow,
chris o'donnell, u.a.
spielzeit
118 Minuten
kinostart
24. März 2005
homepage
bewertung

9 von 10 Augen

Wie schon Martin Scorseses "Aviator" widmet sich auch Bill Condons hochgelobter Film "Kinsey" einer amerikanischen Persönlichkeit, die hierzulande nicht gerade sehr bekannt ist. In Amerika hingegen kennt fast jeder den Namen des Biologie-Professors Alfred Kinsey, einer der kontroversesten Figuren der 50er Jahre - denn Kinsey gab den USA die harten Fakten über ein Thema, über das man damals (und vielerorts auch heute) am liebsten gar nicht redet: Sex.
Kinseys Vater war ein geradezu fanatisch prüder und moralisierender Prediger, und Condons Film fängt bereits sehr schön die schweren Konflikte des jungen Kinsey ein, sich mit seinem unschuldigen Interesse an der Biologie, den einfachen Wundern der Fauna und Flora, gegen das harte Regiment seines Vaters durchzusetzen. Sein Werdegang als bahnbrechender Sexualforscher der US-Geschichte war jedoch keine rebellische Trotzreaktion aufs Elternhaus, sondern eher ein Zufall: Kinseys erstes Forschungsinteresse galt einer Wespenart, die ihn derart faszinierte, weil er niemals zwei identische Exemplare einfing - und er fing mehrere hunderttausend. Unglaublicher wissenschaftlicher Eifer trieb Kinsey (für dessen Darstellung Liam Neeson seine nächste Oscar-Nominierung einsammeln dürfte) voran, doch in sexueller Hinsicht war er bis zur Eheschließung ein Laie: Als er mit über 30 Jahren seine Frau Clara (gespielt von der wieder einmal großartigen Laura Linney) heiratete, waren beide noch jungfräulich.
Mit der unverkrampften Darstellung dieser pikanten ersten Nacht setzt "Kinsey" bereits erfreuliche Zeichen für seinen weiteren Verlauf, denn schon hier gelingt der schwierige Spagat, das Thema Sex zwar vorbehaltlos offen, aber nicht voyeuristisch oder schlüpfrig zu behandeln. Wie Kinsey selbst begegnet der Film diesem Sujet mit entwaffnender Sachlichkeit: Menschen haben Geschlechtsverkehr. Das ist Fakt, und die natürlichste Sache der Welt. Wo soll also das Problem sein?
Aus wissenschaftlicher Perspektive gibt es nie einen Grund zur Prüderie - aus gesellschaftlicher hingegen schon. Und so muss Kinsey als Biologie-Professor an der Universität von Indiana, wo sich Studenten auf der Suche nach Hilfe mit den haarsträubendsten Fragen an ihn wenden, erkennen, dass sexuelle Aufklärung quasi nicht stattfindet - und aufgrund der Verpöntheit des Themas auch keine fundierten Untersuchungen dazu existieren. In seinem wissenschaftlichen Eifer gepackt, macht sich Kinsey an die Forschung - und nach abertausenden Interviews im ganzen Land veröffentlicht er 1948 seine Studie "Das Sexualverhalten des Mannes", dem wenig später ein zweiter Band über die Frau folgte. Dieser so genannte "Kinsey Report" legte die nackten Fakten dar: Menschen haben Sex, jawohl. Und zwar nicht nur in der Ehe, sondern auch davor, außerhalb, in variantenreichen Stellungen und durchaus auch gleichgeschlechtlich.
Wie die amerikanische Öffentlichkeit darauf reagierte, kann man sich vorstellen, vor allem wenn man bedenkt, dass Kinsey für manche religiöse Gruppe bis heute noch der Teufel in Person ist und ihm gemeinhin unterstellt wird, die "Perversitäten", die er dokumentierte, mit seinen Büchern überhaupt erst ins Leben gerufen zu haben. Kinsey war eine sehr kontroverse Person, der mit seiner Eigenart aber auch sehr dazu einlud. Ergo leistet Regisseur und Autor Bill Condon ("Gods and Monsters", "Chicago") - mit der tatkräftigen Hilfe von Liam Neeson - gerade darin beeindruckende Arbeit, die schwierige Persönlichkeit Kinseys und ihre Wirkung auf seine Umwelt einzufangen. Mit einer streng wissenschaftlich-empirischen Herangehensweise an jeden Aspekt in seinem Leben entwickelte sich Kinsey - ob er wollte oder nicht - zum Revolutionär gegen soziale Konventionen jedweder Art, und stieß mit seiner Unfähigkeit, anstatt brutaler Offenheit und Ehrlichkeit einmal eine etwas gemäßigtere Herangehensweise zu wählen, so ziemlich alles und jeden vor den Kopf. Wie schwer das für sein direktes Umfeld war, zeigt vor allem der Part seiner Frau auf, deren stilles, aufopferungsvolles Leiden Laura Linney unprätentiös und natürlich einfängt (und dabei einen der besten Lacher des an Humor nicht armen Filmes hat).
Das ist zunächst - mit dem aufgeklärten Blick des 21. Jahrhunderts, der sich über die sexuelle Prüderie der 50er bestens amüsieren kann - auch sehr unterhaltsam und lustig, vor allem wenn Kinsey am laufenden Band über Dinge spricht, die erwachsene Menschen selbst heutzutage scheuen würden. Doch "Kinsey" ist weit mehr als ein lustige Sex-Posse, und spätestens, als es innerhalb von Kinseys Forschungsteam - im Dienste der Wissenschaft zu reger und wechselfreudiger sexueller Aktivität angehalten - zu ersten Eifersüchteleien kommt, kehrt der Film ganz subtil sein eigentliches Thema in den Vordergrund: Wo im Spannungsfeld zwischen natürlichen Trieben und gesellschaftlichen Konventionen die Grenze der Akzeptanz gezogen werden sollte. Denn Kinseys vorbehaltlose Rechtfertigung gegenüber jeglichem sexuellen Drang ist ebenso ein unpragmatisches, letztlich unhaltbares Modell wie die gesellschaftliche Vorverurteilung jeder Abweichung vom moralischen Standard. Wo fängt sexuelle Selbstfindung und -verwirklichung an, und wo sollte sie wieder aufhören? Das ist letztlich die zentrale Frage in diesem Film.
Wem das jetzt nach allzu schwerer Kost trotz des frivolen Grundthemas klingt, der sei allerdings beruhigt: Mit leichter Feder und brillanter Inszenierung setzt Condon den Lebens- und Schaffensweg seines Subjekts in Szene, und schafft dabei einen Film, der mindestens so unterhaltsam wie komplex ist. Das liegt auch an fabelhaft agierenden Nebendarstellern wie Oliver Platt als Universitätspräsident oder John Lithgow als Kinseys gestrenger Vater, die ebenso wie Peter Sarsgaard, Chris O'Donnell und Timothy Hutton als Mitglieder von Kinseys Forschungsteam spielend zwischen leichtfüßig-ironischem Humor und schmerzhaft authentischem Drama pendeln.
Was so gelingt, ist einer der am schönsten anzusehenden und fraglos auch besten Filme des Jahres: Als Lehrbuch-Ersatz über Alfred Kinsey und sein Schaffen zu empfehlen, als filmisches Erlebnis in jeder Hinsicht zu bewundern.

Frank-Michael Helmke

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