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Precious - Das Leben ist kostbar

Precious - Das Leben ist kostbar
drama , usa 2009
original
precious - based on the novel 'push' by sapphire
regie
lee daniels
drehbuch
geoffrey fletcher
cast
gabourey sidibe,
mo'nique,
mariah carey,
lenny kravitz, u.a.
spielzeit
109 Minuten
kinostart
25. März 2010
homepage
http://www.das-leben-ist-kostbar.de
bewertung

8 von 10 Augen

Das Wort Blickfang muss wohl, nach dem man Precious (Gabourey Sidibe) auf der Leinwand zum ersten Mal gesehen hat, neu definiert werden. Wuchtig schleppt sich diese Gestalt durch die Straßen. Das schwarze Mädchen geht noch in die Schule. Doch man ist zu Beginn von Lee Daniels' Film so sehr von diesem überdimensionalen Wesen fasziniert, dass man kaum bemerkt, dass Precious soeben einen Mitschüler vermöbelt hat, der sie als Analphabetin beschimpfte. Dabei hatte er recht. Precious kann nicht lesen und nicht schreiben. Außerdem ist sie gerade schwanger mit ihrem zweiten Kind. Das gibt der Rektorin die Gelegenheit, sie in eine Sonderschule abzuschieben. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs, der den deprimierenden Alltag dieses Mädchens bestimmt. Der wahre Horror wartet zu Hause. Beide Kinder hat sie nämlich von ihrem eigenen Vater, der sie in regelmäßigen Abständen vergewaltigt, sofern er überhaupt mal bei seiner Familie auftaucht. Ihre Mutter Mary (Mo'Nique) - ein wahres Monster von Frau - quält und misshandelt ihre Tochter aus Neid, Hass und reiner Böswilligkeit.

Kurz um: Precious' Leben ist die Hölle auf Erden. Die Lichtblicke sind rar gesät, so dass man sich angesichts dieser unfassbaren Masse an Unglück und Gewalt, die diese eine Person erleiden muss, nicht selten nach einer Fluchtchance aus all diesem Elend sehnt, und sei es nur ein kurzer Moment, der einen befreiend auflachen lässt. Es zählt zur eigentlichen Meisterschaft von Regisseur Lee Daniels bei diesem Film, dass er solche Augenblicke in seiner Geschichte nicht nur findet, sondern auch den Mut hat, sie zu nutzen. Weshalb "Precious" auch nicht "bloß" ein brutal realistisches, authentisches Sozialdrama ist, sondern immer wieder den Ausbruch auf eine andere, überzeichnete, fast schon schwarzhumorige Ebene wagt.
Wie der etwas sperrige Originaltitel des Films verrät, basiert der Film auf der Novelle "Push" der Schriftstellerin Sapphire, die für ihre Geschichte zahlreiche Frauenschicksale im Harlem der 80er Jahre recherchierte und in ihrer Hauptfigur bündelte. Das derart konzentrierte schwere Schicksal von Precious erzeugt dementsprechend schnell und intensiv enormes Mitleid angesichts dieses allumfassenden Elends, was sich stellenweise gar ins Unerträgliche steigert. Wenn beispielsweise Precious' Vergewaltigung durch ihren Vater wiederholt in Rückblenden und Zeitlupe gezeigt wird, oder ihre Mutter das Mädchen immer wieder schlägt. Man kann nicht anders als die Kraft dieses Mädchens zu bewundern, die sie trotz allem immer wieder weitergehen lässt.
Diese permanente Darstellung der geradezu unerträglichen Lebensumstände von Precious läuft aber auch Gefahr, auf Dauer nicht nur manipulativ zu wirken (wenn einer Person alles nur erdenklich Schlechte passiert, erschöpft sich irgendwann die Glaubwürdigkeit), sondern auch monoton und ermüdend. Umso beachtlicher, wie es Daniels gelingt, seinen vermeintlich eintönigen und tristen Film immer wieder überraschend und visuell aufregend zu gestalten.

Das beginnt schon mit der Besetzung, die in mehrerlei Hinsicht außergewöhnlich ist und besonderes Augenmerk provoziert. Zu allererst das Doppel aus der Newcomerin Gabourey Sidibe in der Hauptrolle und der bis dato vor allem als Stand-Up-Komikerin bekannten Mo'Nique als ihre Mutter (erstere für den Hauptrollen-Oscar nominiert, letztere absolut verdientermaßen mit der Nebenrollen-Trophäe ausgezeichnet), deren massige Körper Daniels geradezu als eigenständiges visuelles Ereignis inszeniert. Im Kontrast dazu tauchen hier zwei weltbekannte Musiker als Darsteller auf, die in der Aufmachung ihrer Rollen aber so dermaßen gegen ihr gewohntes Auftreten gebürstet sind, dass man sie im ersten Moment fast nicht wiedererkennt, und darum umso genauer hinschaut: Lenny Kravitz als männliche Krankenschwester und vor allem Mariah Carey als ungeschminkte (!!) Sozialarbeiterin. Selten war ein Nicht-Makeup ein derartiger Hingucker auf der Leinwand.
Weiterhin verleihen Daniels und sein Kameramann Andrew Dunn ("Gosford Park") dem Film einen äußerst intensiven, oftmals fast grellen Look. Das Spiel von Licht und Schatten im Apartment von Precious und ihrer Mutter nimmt oft unheimliche und expressionistische Züge an und intensiviert so Precious' Wahrnehmung ihres eigenen Zuhauses als ein Ort der konstanten Bedrohung, was sich in manchen Szenen in geradezu surreale Alptraum-Momente steigert. Die sehr detailgenaue Ausstattung der heruntergekommenen Wohnung mit Müll und kaputten Möbeln ist ein düsteres Meisterwerk für sich und erinnert stark an die frühen Filme des spanischen Regisseurs Pedro Almodovar.
Und nicht zuletzt weist "Precious" erstaunlich viele Momente absurden Humors auf. Sie durchbrechen das eigentliche graue Sozialdrama und sind doch mehr als bloße lichte Momente, die den Film auflockern sollen. Einmal flüchtet sich Precious in einen ihrer vielen Tagträume, wo sie ein beliebter und begeistert gefeierter Modestar sein darf, inklusive eines sprichwörtlichen Latin Lovers an ihrer Seite. An anderer Stelle fantasiert sie sich samt ihrer Mutter in einen italienischen Schwarz-Weiß-Film, der im Fernsehen läuft, und in fließendem Italienisch klingen die Schmähungen ihrer Mutter wie z.B. "Iss, du Hure!" längst nicht mehr so unerträglich.

Diese durchgängige inszenatorische Qualität macht "Precious" zu einem eigenständigen, filmischen Kunstwerk, und erhebt ihn darüber hinaus, "nur" das harte und unerbittliche Sozialdrama der Vorlage zu sein, mehr als ein "wichtiges" mahnendes Monument des afroamerikanischen Elends, das eine Super-Prominente wie Oprah Winfrey unbedingt als Co-Produzentin unterstützen wollte. Als solches hätte der Film gedroht, trotz der tollen Leistungen von Mo'Nique und Gabourey Sidibe ins Eintönige und damit fast schon Triviale abzurutschen. Dass die Ansprüche von Lee Daniels deutlich höher lagen und in ihm eindeutig ein zukünftiger Autorenfilmer von einigem Ruf schlummert, lässt ein Interview-Zitat von ihm aus dem Juni 2009 erahnen: "I didn't have the sensibilities of your ordinary filmmaker, let alone your ordinary African-American filmmaker. My heroes were John Waters, Pedro Almodóvar, and actors that were part of that world. Different."

Patrick Wellinski

8

Sehr eindrucksvoller Film voller Schläge in die Magengrube. Oscar für Mo'Nique absolut berechtigt, allein aufgrund ihrer Körpersprache hatte ich in jeder Szene Angst, was sie als nächstes wieder für Grausamkeiten verteilt.
Ich hätte den Film allerdings gern in der OV mit UT gesehen, die deutsche Synchro nimmt doch so einiges an Authentizität. Dennoch: Toller Film!

7

Wie heisst das Genre eigentlich? Elendsfilm? Das ist so eine Kategorie mit "Chronik eines Frühstücks", "Darwins Alptraum", "Lilja 4ever" und "Funny Games" drinnen. Jedenfalls nichts, was man sich allzu oft antun kann.

Deutsche Synchro schlimm wie immer.

Fazit: Eher ein Film wie ein Zahnarztbesuch. Notwendig, aber kein Vergnügen.

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