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Y tu Mama tambien

Y tu Mama tambien
coming-of-age-drama , mexiko 2001
original
y tu mama tambien
regie
alfonso cuarón
drehbuch
alfonso cuarón, carlos cuarón
cast
gael garcía bernal,
diego luna,
maribel verdú, u.a.
spielzeit
105 Minuten
kinostart
2. Mai 2002
homepage
bewertung

10 von 10 Augen

Von Zeit zu Zeit strampelt sich ein Film von weit außerhalb des üblichen Publicity-Kreislaufs an die Oberfläche der öffentlichen Wahrnehmung und zeigt den Jungs in Hollywood, wie gut Filme eigentlich wirklich sein können. Kommen solche Streifen vermehrt aus einem Land, ist womöglich sogar mit einer ganzen Bewegung erfrischend innovativen Kinos zu rechnen. So geschieht es zur Zeit in Mexiko. Nachdem letztes Jahr Alejandro Gonzales Inárritu's energischer Erstling "Amores Perros" für viel Aufregung und Aufmerksamkeit sorgte, legt der bereits etablierte Regisseur Alfonso Cuarón (der mit "Große Erwartungen" auch schon amerikanisches Star-Kino gemacht hat) nun nach, mit einem Film, der alle momentanen Macher von Teenie-Komödien für seine gesamte Laufzeit in die Ecke schickt, wo sie sich mal ordentlich schämen dürfen. Denn "Y tu Mama tambien" ist nicht nur offener und freizügiger im Umgang mit dem Thema Sex als alle pseudo-aufgeschlossenen "Gross out"-Komödien wie "American Pie" oder "Road Trip", nicht nur ehrlicher und somit auch in gewisser Weise komischer - weil einfach näher am wahren Leben - in der Handhabung seiner Figuren, sondern schafft es auch mit fast magischer Leichtigkeit, die Art von Erkenntnis über die Teenager-Zeit zu vermitteln, die man sonst nur in Genre-Meisterwerken wie "Stand by me" findet. Nach Jahren von teilweise extrem dümmlichem Teenie-Kino aus Hollywood kommt hier ein engagierter Mexikaner daher und postuliert das vorerst letzte Wort des Spät-90er-John-Hughes-Revival.

Im Mittelpunkt von "Y tu Mama tambien" (übersetzt: "Und deine Mutter auch", und was dieser Titel soll, ist einfach ein zu guter Gag, um hier verraten zu werden) steht die Freundschaft von Tenoch (Diego Luna) und Julio ("Amores Perros"-Veteran Gael Garcia Bernal), der eine Sohn eines hohen Regierungsvertreters mit viel Geld in den Taschen, der andere ein Abkömmling der Arbeiterklasse Mexikos. In den Sommerferien nach ihrem vorletzten Schuljahr verschwinden die Freundinnen der beiden Jungs nach Europa, und Tenoch und Julio langweilen sich in gewohnter Weise. Das beinhaltet den Konsum einer nicht unerheblichen Menge Marihuana, onanieren am Swimmingpool des Country Club an dessen Ruhetag, und eine Vielzahl von Witzen über ficken, furzen und faulenzen. Auf einer Hochzeit lernen die vorlauten Bengel die 28-jährige Luisa (Maribel Verdú) kennen, die mit Tenoch's Cousin liiert ist. Mit ihren großen Klappen erfinden die beiden einen sagenumwobenen Strand und laden Luisa zu einem Trip dorthin ein. Was nur als Jux gemeint war, wird allerdings überraschend in die Tat umgesetzt: Nachdem Luisa erfährt, dass ihr Gatte sie betrügt, nimmt sie das Angebot spontan an und begibt sich mit Julio und Tenoch auf einen Ausflug, dessen Ziel eigentlich keiner so genau kennt.
Dieser Road Trip ist das Herzstück von "Y tu Mama tambien", eine Reise, auf der Julio und Tenoch viel zu lernen haben werden. Über Frauen, über Freundschaft, über die Welt außerhalb ihres Fensters, und auch und vor allem über Sex. Wie die zwei kleinen Machos, die sie sind, versuchen sich Julio und Tenoch mit Offenheit und Prahlerei vor Luisa aufzuspielen, die diese Masche aber von Anfang an durchschaut, elegant mehr Informationen aus den Jungs hinaus kitzelt, als die eigentlich geben wollten, und sich alsbald in der Position befindet, wo nur noch sie neue Erkenntnisse in die Runde werfen kann. Und ihren beiden frühreifen Zuhörern dann nur noch die Kinnlade runterfallen kann. Dass Sex mehr ist als Rammeln in Rekordtempo muss Möchtegern-Casanovas wie Julio und Tenoch erst einmal klar gemacht werden. Und das ist nicht das einzige Gebiet, in dem es ihnen an Luisa's Erfahrung mangelt, und nicht das einzige, in dem sie etwas von ihr lernen werden.
"Y tu Mama tambien" nimmt in Bezug auf Balzen, Bumsen und Blasen kein Blatt vor den Mund und erfreut sein Publikum daher mit dem nötigen Mut zur Ehrlichkeit, den man schlichtweg aufbringen muss, wenn man einen Film macht, in dem sich Teenager wiederfinden können sollen. Doch ebenso, wie die thematische Breite des Films weit über das rein Sexuelle hinaus geht, findet sich auch dieser ehrliche Umgang mit der Realität in allen Facetten wieder. Die Vertrautheit in der unangezweifelten Freundschaft zwischen Julio und Tenoch z.B. wird nicht verkrampft durch irgendwelche Beistandsschwure verdeutlicht, sondern durch grandios banale Alltäglichkeiten. Oder wer würde schon während dem Telefonieren pinkeln gehen, wenn am anderen Ende nicht der beste Freund wäre? Es sind wortlose Details wie diese, mit denen Cuarón kongenial die Beziehungen zwischen seinen Figuren und der Welt, in der sie leben, einfängt. Wenn Tenoch's Mutter über symmetrisch ausgerichtete Gehplatten durch ihren Garten stolziert, ist damit bereits alles gesagt über das verstockt-konservative Umfeld, dem die beiden wie alle normalen Teenager entkommen wollen.
Bei aller universellen Anwendbarkeit der hier festgehaltenen Lektionen übers Jungsein ist "Y tu Mama tambien" aber auch ein spezifisch mexikanischer Film. Immer wieder verstummen die Dialoge und machen Platz für einen außenstehenden und nicht identifizierten Erzähler (vom Effekt her vergleichbar mit "Die fabelhafte Welt der Amelie"), der nicht nur mit eingestreuten Kleinigkeiten wie Antworten auf Psychotests den Charakteren mehr Substanz verleiht, sondern vor allem auch dafür zuständig ist, die Handlung in einen spezifischen Zusammenhang mit der sozialen und politischen Situation Mexikos zu bringen. Hier werden die Widersprüchlichkeiten eines Landes verdeutlicht, in dem eine florierende und pulsierende Metropole wie Mexico City parallel existiert zu einer ländlichen Bevölkerung, die seit Generationen das selbe Dasein führt, ärmlich, aber vor allem unberührt. Auch wenn diese Aspekte für den außenstehenden Zuschauer nicht ganz leicht zu erfassen sind: Sie machen den Film in seiner Gesamtheit reicher und verdeutlichen ein weiteres Mal, wie viel man innerhalb von 100 Minuten sagen kann, wenn man nur weiß, wie man außergewöhnlich gute Filme macht.
Gleichzeitig lernen Julio und Tenoch weiter ihre Lektionen über Leben, Liebe und Libido, und der Zuschauer lernt mit ihnen, oder wird einfach nur an Dinge erinnert, die man damals selbst gelernt hat: Dass Ideen und Träume wahr werden können, obwohl man gar nicht an sie glaubt. Dass das Leben nicht so abläuft, wie man es sich vorgestellt hat. Dass in Jugend-Freundschaften - mögen es auch die besten sein - immer ein paar unausgesprochene Geheimnisse überleben. Und dass solche Freundschaften trotzdem viel tiefer gehen können, als man sich selbst bewusst ist - oder einzugestehen bereit ist.
Wenn "Y tu Mama tambien" schließlich zu Ende geht, nach 100 der witzigsten und gleichzeitig nachdenklichsten Kinominuten seit vielen Monden, nimmt er eine letzte Wendung und bringt plötzlich ein Thema ins Bewusstsein des Zuschauers, dass sich in leisen Motiven bereits unbemerkt durch den ganzen Film gezogen hat, und so dem Gesehenen noch eine weitere, entscheidende und sehr ernsthafte Perspektive gibt. Und wie Julio und Tenoch muss man auch als Zuschauer erst einmal all das verarbeiten, was man gerade erlebt hat.

Was Alfonso Cuarón und seinen ebenso mutigen wie exquisiten drei Hauptdarstellern hier gelungen ist, ist in seiner Vielschichtigkeit und Aussagekraft schlichtweg ein Meisterwerk der Kinokunst, in seiner unwiderstehlichen Natürlichkeit so echt, dass sich jeder (ehemalige) Teenager dieser Welt darin wiederfinden wird, und insgesamt beinahe die Essenz des "Coming of age"-Films (man nehme diesen und "Ghost World" und hat eigentlich alles, was das Genre zu sagen hat). Wer nach diesem Geniestreich noch mit einem weiteren "American Pie"-Klon daher kommt, ist entweder völlig dreist, oder hat tatsächlich gar nichts verstanden.

Frank-Michael Helmke

8

Habe ihn auf spanisch gesehen-toller offener Film.
Gibt es ihn auch in deutscher Sprache??-konnte bisher nichts finden.
Gruss Peter

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