Filmszene-Festival Tagebuch: Berlinale 2012

von Patrick Wellinski / 9. Februar 2012

Sonntag, 19.02.2012: Amerika ist ganz weit weg

Die Jury um Mike Leigh hat mit der italienischen Doku-Fiktion „Cesar must die“ von den Taviani-Brüdern einen unerwarteten Sieger gekürt. Doch etwas konservative Preisverteilung kann den positiven Gesamteindruck nicht schmälern. Dazu war die Qualität des Wettbewerbs viel zu hoch.

Berlinale 2012

Man solle den Menschen hinter dem Häftling nicht vergessen, sagten Paolo und Vittorio Taviani nachdem sie den Goldenen Bären für ihren Film „Cesar must die“ gewonnen hatten. In ihrem Film inszenieren sie mit Häftlingen aus einem römischen Gefängnis William Shakespeares „Julius Cäsar“. In Schwarzweiß-Bildern spielen die Häftlinge Rollen, die sehr nah an ihrem eigenen Leben sind. Der Film weist durch seine ausgestellte Künstlichkeit auf die Spielsituation hin. Der Mensch spielt den Häftling, der Häftling den Brutus und der Brutus spielt in Shakespeares Stück eine ganz eigene Rolle. Das ist als intellektuelles und humanistisch motiviertes Experiment durchaus interessant, aber es hätte ohne Frage ganz andere Gewinnerfilme gegeben, die den Bären mehr verdient hätten. Aber Mike Leigh und seine Jury haben nun mal so entschieden. Dass dies dem professionellen Betrachter nicht über alle Maßen aufregt, ist ein Hinweis auf die wesentlich bessere Qualität des Wettbewerbs im Vergleich zu den letzten Jahren.

Christian Petzold erhielt mehr als verdient den Preis für den besten Regisseur („Barbara“). Der große Preis der Jury ging an den Ungarn Bence Fliegauf und seinen wuchtigen Film „Just the wind“. Die einnehmende Darstellung einer Kindersoldatin („Rebelle“) brachte der kongolesischen Laiendarstellerin Rachel Mwanza einen Silbernen Bären. Viele Kollegen fanden die doppelte Beachtung des dänischen Kostümfilms „Die Königin und der Leibarzt“ fragwürdig. Aber der Film wird noch ein ziemlich großes Publikum ins Kino locken und ist gar nicht so konventionell, wie er auf den ersten Blick anmutet. Denn hinter den Kostümen ist ein Politikthriller versteckt, der das Private und das Politische gegeneinanderstellt. Die Jury hat das auch erkannt und sprach dem Film sowohl den Preis für das beste Drehbuch als auch den Preis für den besten Hauptdarsteller zu. Vor allem letzteres ist eine löbliche Entscheidung. Denn Mikkel Boe Følsgaard (der immer noch Schauspielschüler in Kopenhagen ist) spielt den psychisch kranken König Christian VII. mit einer Leichtigkeit, wie damals Tom Hulce den Mozart in Milos Formans „Amadeus“ verkörperte.

Ein erkennbares Profil

Doch insgesamt sind die Entscheidungen der Jury eher konservativ. Sie geben nicht das Niveau des guten Wettbewerbs wieder. Er ist der wahre Gewinner. Die Speerspitze des Festivals glänzte erstmals seit sechs Jahren wieder mit einer relativ klaren kuratorischen Handschrift. Es scheint, als würde die Talentförderung des Festivals langsam fruchten. Filme wie „Metéora“, „Postcards from the Zoo“ und vor allem Miguel Gomes‘ „Tabu“ waren Werke von jungen Regisseuren, die tatsächlich versuchten ihre Themen formal und künstlerisch ins Bild zu setzen.

Berlinale 2012

Das offenkundig Politische wurde aus dem Wettbewerb weitgehend verband. Es gab kaum Filme, die man als Kompromisswerke bezeichnen könnte. Auch die Konsequenz mit der große Stars und Namen in andere Reihen gesteckt wurden, hat überzeugt. Das trifft natürlich vor allem das US-amerikanische Kino, das bis auf Billy Bob Thorntons „Jane Mansfield’s Car“ in der Konkurrenz gar nicht repräsentiert war. Was auf dem Papier wie ein Armutszeugnis aussah, macht jetzt Sinn. Die Berlinale war nie das Festival, das Tendenzen im amerikanischen Kino aufdeckte. Das haben andere gemacht. Hier in Berlin war Amerika immer ganz weit weg. Die Berlinale war immer ein Festival, das für den europäischen Film entscheidend war. Hier zeigte Godard „Außer Atem“, Antonioni „La notte“, Bergman „Wilde Erdbeeren“ und Skolimowski zeigte „Le départ“. Man tut weiterhin gut daran, den Fokus weg vom amerikanischen Film zu lenken und auf andere Weltregionen zu richten. Filmfestivals müssen nicht den Trend des Mainstreams widerspiegeln, sie müssen Ort der ästhetischen Entdeckung bleiben. Die Berlinale hat das dieses Jahr wunderbar geschafft.

Man sollte sich jedoch nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern mit großer Konsequenz weiter mit den Talenten arbeiten. Gomes, Edwin, Meier, Gomis und Fliegauf sind Namen, die das Potenzial haben eines Tages zu den ganz wichtigen Autorenfilmern des Weltkinos zu werden. Es gilt diese Filmemacher bei der Berlinale zu halten. Man soll sie unterstützen, wenn sie nun ihre nächsten Werke machen. Man darf sie nicht vergessen. Nur so gelingt es dem Festival seine eigene Position im internationalen Festivalzirkus zu stärken. Das diesjährige Konzept des Festivals war ein Wagnis. Doch die Berlinale hat das Experiment gewagt und gewonnen. Jetzt heißt es: nur nicht nachlassen. Weiter so!

Goldener Bär – Bester Film: „Caesar must die“ (Cesare deve morire) von Paolo & Vittorio Taviani

Silberner Bär – Großer Preis der Jury: „Just the Wind(Csak a szél) von Bence Fliegauf

Silberner Bär – Beste Regie: Christian Petzold für „Barbara“

Silberner Bär – Herausragende künstlerische Leistung: Lutz Reitemeier für die Kamera in „White Deer Plain“ (Bai lu yuan) von Wang Quan'an

Silberner Bär – Bestes Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg für „Die Königin und der Leibarzt“ (En Kongelig Affære) von Nikolaj Arcel

Silberner Bär – Beste Darstellerin: Rachel Mwanza in „War Witch“ (Rebelle) von Kim Nguyen

Silberner Bär – Bester Darsteller: Mikkel Boe Følsgaard in „Die Königin und der Leibarzt (En Kongelig Affære) von Nikolaj Arcel

Alfred-Bauer-Preis: „Tabu“ von Miguel Gomes

Sonderpreis: „L'enfant d'en haut“  von Ursula Meier

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Samstag, 18.02.2012: Die Suche nach den Favoriten

Alle Filme sind gezeigt. Der Wettbewerb geschlossen. Nun beginnt das große Raten. Wer wird am Samstagabend die Preise abräumen? Wer sind die Favoriten? Zuvor allerdings noch ein Blick auf den letzten offiziellen Wettbewerbsfilm.

Berlinale 2012

Der letzte Film im Wettbewerb ist das Kindersoldaten-Drama „Rebelle“ des kanadischen Regisseurs Kim Nguyen. Kindersoldaten-Filme wecken beim Berlinale-Besucher schreckliche Erinnerungen an Machwerke wie „Feuerherz“. Doch „Rebelle“ ist wohltuend anders. Er erzählt die Geschichte der 11-jährigen Komona (Rachel Mwanza). Als ihr Dorf von Rebellen überfallen wird, muss sie ihre Eltern umbringen. Dann wird sie verschleppt. Der Film ist eine Art Abschiedsbrief an eine Kindheit, die es nie gab. Er zeigt viel Schreckliches: die Wut, Angst und Verzweiflung der Kinder, die von den Rebellen zu Tötungsmaschinen ausgebildet werden. Doch als Komona sich einem Albinojungen anvertraut und die beiden die Flucht ergreifen, dann gönnt sich der harte Film auch Phasen der Leichtigkeit und Humors. Der Junge, den Komona nur den „Magier“ nennt, will sie heiraten. Doch Komona trägt ihm auf, erst einen weißen Hahn zu finden. Ein unmöglicher Liebesbeweis, da diese Tiere in Kongo eigentlich nicht auffindbar sind. Doch kaum sieht man den Film als nette Coming-of-age-Geschichte in einem Bürgerkriegsumfeld, schon bricht das Grauen in Form der Rebellen über die beiden Kinder herein.

„Rebelle“ könnte sicherlich ein besserer Film sein. Manchmal schont er den Zuschauer zu sehr. Aber er hat auch – und das sind seine besten Momente – Augenblicke, in denen er die Welt des afrikanischen Glaubens mit dem Kriegsalltag vermischt. Und am Ende ist es ein hoffnungsvoller Film, der nichts bagatellisiert und mit einer Hauptfigur gesegnet ist, der man ein besseres Schicksal wünscht. Genau diese Mischung machte „Rebelle“ unter vielen Kollegen zum absoluten Favoriten was einen möglichen Sieg angeht. Den wärmsten und längsten Applaus gab es oben drauf.

Das große Spekulieren

Womit wir dann auch schon bei der alljährlichen Prophezeiung der Gewinner wären. Anders als im letzten Jahr fehlt ein klarer Favorit. Selbst der Blick auf die internationalen und nationalen Kritikerspiegel zeigt ein durchwachsenes und uneiniges Bild. Worin sich dann doch alle irgendwie einig sind ist die Tatsache, dass man Christian Petzolds „Barbara“ auf jeden Fall einen Preis gönnt. Vielleicht sogar den wichtigsten. Es wäre mehr als verdient und das nicht nur, weil dies der bisher beste Petzold-Film ist. Vielmehr, weil hier Themen mit Bildern verhandelt werden, die man aus dem deutschen Kino so nicht kennt. Und selbst die internationalen Kollegen können der spezifisch deutschen Geschichte etwas abgewinnen. Die Frage ist, ob das die Jury genauso sieht. Sollte der Goldene Bär tatsächlich an Christian Petzold gehen, dann wäre das der erste Sieg eines deutschen Films seit Fatih Akins „Gegen die Wand“ von 2004. Ein mehr als verdienter Sieg wäre es übrigens auch.

Berlinale 2012

Ansonsten wird man sich wirklich überraschen lassen müssen. Man muss Vertrauen in die Jury haben. Mike Leigh ist ein kleiner Opportunist, der sicherlich für die eine oder andere provokante Entscheidung zu haben wäre. Gewinnt der schwarz-weiße „Tabu“? Der wunderbare „L’enfant d’en haut“ aus der Schweiz? Oder doch eher der ungarische Film „Czak a szél“? Es gäbe eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die je nach dem, ob die Jury-Entscheidung den Fokus auf den politischen oder den Kunstaspekt eines Werkes legt, zu verstehen wären. Zu erwarten ist allerdings eine sehr faire und ausgewogene Preisvergabe. Jeder Preis wird wohl an einen anderen Film gehen, so dass man sehr viele Beiträge auszeichnen kann. Aber so ganz mag man die Hoffnung nicht aufgeben, dass Leigh und der Rest etwas Radikales wagen und z.B. die Giraffe aus „Postcards from the Zoo“ als beste Darstellerin auszeichnen, oder die Insassen des Hochsicherheitstraktes eines römischen Gefängnisses für ihre engagierte Shakespeare-Rezitation mit einem Preis für das beste Ensemble küren. Es wäre so herrlich unorthodox und dennoch völlig repräsentativ für einen Wettbewerb, der qualitativ wesentlich besser war als letztes Jahr.

Da wir eh nur daneben liegen können, es jedes Jahr aber immer wieder mit Freude machen, folgen nun die ultimativen filmszene.de-Bärentipps:

Der Goldene Bär: „Czak a szél“ von Bence Fliegauf

Silberner Bär / Großer Preis der Jury: "Barbara“ von Christian Petzold

Silberner Bär für die Beste Regie: Brillante Mendoza für „Captive“

Silberner Bär für die Beste Darstellerin: Agathe Bonitzer für „A moi seule“

Silberner Bär für den Besten Darsteller: Kacey Mottet Klein für „L’enfant d’en haut“

Silberner Bär für das Beste Drehbuch: Kim Nguyen „Rebelle“

Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung: Lutz Reitemeier für die Kamera in „White Deer Plain“ von Wang Quan’an.

Alfred-Bauer-Preis: "Tabu“ von Migel Gomes

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Freitag, 17.02.2012: Töne der Verzweiflung

Die asiatischen Filme des Wettbewerbs ändern mit lauten und leisen Tönen den Rhythmus des Wettbewerbs. Matthias Glasner sucht in Norwegen nach Gott. Mads Mikkelsen steigt vom Armenarzt zum Königsberater auf. Und der Ungar Bence Fliegauf begleitet eine Roma-Familie in den Tod.

Berlinale 2012

“Postcards from the Zoo” ist der zweite Film des indonesischen Filmemachers Edwin. Er erzählt die Geschichte der kleinen Lana, einem Mädchen, das im Zoo von Jakarta vergessen wird. Dort wächst sie mit den Tieren und den Wärtern zu einer schüchternen, jungen Frau heran, die den Tieren weitaus zugeneigter ist als den Menschen. Edwin inszeniert seinen Film als lose, traumartige Bilderfolge, die die Zootiere, vor allem die einzige Giraffe, in der Dämmerung betrachtet. Zwischen ihnen schreitet Lana, das Wolfsmädchen, auf der Suche nach Nähe und Geborgenheit. Der Film hat etwas ungemein Ätherisches und erinnert nicht selten an die sehnsüchtige Leichtigkeit eines Francois Truffaut. Doch „Postcards from the Zoo“ hat das Problem, dass er noch vom Alltag in Jakarta erzählen will, von einem Bordell in das Lana kommt, als sie den Zoo verlassen muss. Doch die dämmrigen Bilder können diese Idee nicht halten. Sie wirkt aufgezwängt. Die Metapher vom menschenverachtenden Blick auf Zootiere und Prostituierte wirkt merkwürdig gewollt. Da vermag selbst ein zaubernder Cowboy das Projekt nicht mehr zu retten. Edwins Film möchte man viel mehr lieben, als es einem der Verstand erlaubt, allein schon wegen der schönsten Giraffe, die man je im Kino gesehen hat.

Ein lückenbehaftetes Historienepos

Ein weiterer asiatischer Anwärter um den Goldenen Bären ist der neue Film des Berlinale-Gewinners von 2006. Wang Quan’ans („Tuyas Hochzeit“) opulenter Historienfilm „White Deer Plain“ (Bai lu yuan) ist die Adaption des gleichnamigen und in der Volksrepublik wegen seiner expliziten Sexszenen lange Zeit verbotenen Romans. Der Film dauert knappe drei Stunden und erzählt die hochkomplizierte Familiengeschichte der Bai- und Lu-Familie, die seit vielen Generationen in dem Dorf White Deer Plain zu einem friedfertigen Clan zusammengewachsen sind. Alles läuft streng nach uralten Regeln und Traditionen. Doch diese beginnen zu bröckeln, als 1912 das Kaiserreich zerbricht. In das von der Außenwelt abgeschottete Dorf bricht der Untergang ein, und zwar in Form eines Mädchens und den Kommunisten.

​White Deer

Wang Quan’an hat einen ehrenwerten Versuch unternommen die Komplexität der Vorlage in große und epische Bilder zu packen, für die wie immer sein deutscher Kameramann Lutz Reitemeier verantwortlich ist. Doch sein Film ist lediglich ein „work in progress“, da die chinesische Zensur das ursprünglich auf fünf Stunden angelegte Werk ordentlich zusammengekürzt hat. Das merkt man „White Deer Plain“ auch an. Es fehlt die Stimmigkeit, es entstehen Bruch- und Leerstellen, die die Erzählung, die mehr als 30 Jahre umfasst, stören und hemmen. Es gibt zweifellos wunderbare Momente, wie das Schattenspiel in einer Opiumbar, der verbotene Sex auf einem Heuhaufen oder die wabernd hypnotischen Aufnahmen der Weizenfelder, die das Dorf umgeben. Der Film bleibt dennoch hinter ähnlichen Historienepen wie Zhang Yimous „Leben!“ oder Hou Hsiao-Hsiens „City of Sadness“ weit zurück und ist ein sehr brüchiges, irritierendes Werk.

Ich weiß, was du letzte Polarnacht getan hast

Am deutschen Kino, das dürfen wir hier ganz ehrlich sagen, scheiden sich auf der Berlinale die Geister. Die einen empfinden diese mittelmäßigen Fernsehproduktionen als völlig ungeeignet für die große Leinwand, die anderen degoutieren sich an der Stimmigkeit der Geschichten wie Hans-Christian Schmids „Was bleibt“. Was den Aspekt der Kinotauglichkeit anbetrifft, ist Matthias Glasners „Gnade“ jedenfalls rein visuell über jeden Zweifel erhaben. Mit einer ziemlich schönen Helikopterfahrt umkreist die Kamera die norwegische Stadt Hammerfest, die als nördlichste Stadt Europas gilt. Hier erzählt „Gnade“ von einem deutschen Ehepaar, das seine Ehekrise durch einen tödlichen Unfall bewältigt. Niels (Jürgen Vogel) und Maria (Birgit Minichmayr) haben einen Sohn und fassen gerade erst Fuß in Hammerfest. Doch Niels hat bereits eine Affäre mit einer Mitarbeiterin und auch Maria, die in einem Sterbehospiz arbeitet, ist nicht mehr glücklich. Und es ist Maria, die in der Nacht auf der Straße etwas anfährt. War es ein Hund? Oder doch ein Mensch? Erst aus den Nachrichten erfahren beide, dass Maria ein 16-jähriges Mädchen umgebracht. Sie und Niels, der in der fraglichen Nacht auch nach dem mögliche „Opfer“ suchte, beschließen niemandem von ihrer Schuld zu erzählen.

Berlinale 2012

Glasner spielt diese Gewissenskonflikte in schweigsamen Szenen in der frostigen Landschaft durch. Seine Bilder sind wunderbare Scopeaufnahmen, die das Schicksalhafte der Erzählung durchaus einfangen können. Doch das Konstrukt des Drehbuchs ist immer als solches zu erkennen und kann die Bildkraft nicht ansatzweise halten. Die Suche nach Vergebung, Gnade und Gott (viele laute Kirchenchor-Szenen!) verkommt zum Kitsch. Wirklich Tiefgründiges über die Gewissenskonflikte seiner Protagonisten hat Glasners Film nicht zu sagen. Seine Psychologisierungsversuche wirken flach und unausgereift. „Gnade“ ist kein guter Film aber auch kein schrecklicher. Leider macht er sich in der letzten Sequenz vollkommen lächerlich. Gerade die letzten unverständlichen Einstellungen sorgten wohl bei einigen Kollegen für Empörung – und somit war „Gnade“ der erste Film auf der Berlinale, der nach der Pressevorstellung mit Buh-Rufen quittiert wurde.

Im Lichte der Aufklärung

Viel entspannter und völlig frei von folkloristischen Anklängen ist der überraschend unterhaltsame und kluge dänische Kostümfilm „En kongelig affaer“ von Nikolaj Arcel. Er erzählt die wahre Geschichte des deutschen Armenarztes Johann Friedrich Struensee (Mads Mikkelsen), der in den 1760er Jahren zum Leibarzt des psychisch labilen dänischen Königs Christian VII. (Mikkel Boe Følsgaard) wird. Der den Ideen der Aufklärung zugeneigte Struensee ermutigt den jugendlich verspielten König das konservative Regieren der adeligen Minister zu unterbinden. Damit steigt er selbst zum Politiker auf. Doch die Affäre mit der Königin Caroline Mathilde (Alicia Vikander) bringt nicht nur seine Karriere in Gefahr, sondern auch sein Leben.

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Nicolaj Arcels Spielfilm ist spannend ohne effekthascherisch zu sein, er ist informativ ohne belehrend zu sein und er weiß um seine hervorragende Besetzung, an der man sich nicht satt sehen kann. Er ist dazu – und das macht seinen ganz besonderen Reiz aus – weniger Kostümdrama als Politthriller. Denn er zeigt ganz deutlich, wie Struensees Politik mit seinem Privatleben kollidiert. Selbst der größte und mutigste Reformer hat seine Grenzen. Denn obwohl Struensees von Voltaire und anderen Aufklärern befruchtete Gesetzesentwürfe Sklavenhandel und Leibeigenschaft abschaffen und die Presse- und Meinungsfreiheit wiederbringen, lässt er – als die Affäre mit der Königin publik wird – die Zensur wieder einführen. Ein starkes Bild in einem überraschend intelligenten Film, der zudem einen angenehmen Gegenpol zum holprigen Bilderreigen des Eröffnungsfilms „Leb wohl, meine Königin“ darstellt.

Radikaler Bärenfavorit

Ungarn, so schreibt die Presse, sei das Problemkind der Europäischen Union. Die massiven Angriffe auf die demokratischen Strukturen des Landes unter der Regierung Orban sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Und auch die Filmemacher sind betroffen. So ist die staatliche Filmförderung nicht immer gewillt heikle und kritische Stoffe zu finanzieren. Wenn man die ersten Bilder von Bence Fliegaufs Film Csak a szél“ sieht, kann man kaum glauben, dass er diesen Film in diesem politischen Klima realisieren konnte.

Berlinale 2012

In einer hyperrealistischen Inszenierung folgt er den Mitgliedern einer Roma-Familie im heutigen Ungarn. Alle werden sterben. Das ahnen wir. Spätestens wenn zwei Polizisten den Tatort eines Roma-Mordes besuchen und skrupellos einer von beiden sagt: „Es hat die falsche Familie getroffen, diese Zigeuner hatten sogar ein Bad.“ Der Film ist da noch keine 20 Minuten alt. Dann folgt der Regisseur mit einer unglaublich beweglichen Kamera den Familienmitgliedern und porträtiert sie in ihrem Alltag. Der besteht zumeist aus aggressiven Konfrontationen mit der Umwelt, Gewaltausbrüchen in Schule und Arbeit, und der steten Angst ein Opfer dieser Willkür zu werden.

Der Sohn, die Tochter und die Mutter sind darauf bedacht so wenig wie möglich aufzufallen. Sie reden nicht. Einmal flüchtet die Tochter aus der Schultoilette, obwohl sie Zeugin einer Vergewaltigung wird. Helfen will sie nicht. Das Risiko umgebracht zu werden erscheint ihr zu groß. Dieser eine Tag im Leben der Familie wird zum erschreckend überzeugenden, fast schon dokumentarischen Porträt des Antiziganismus eines Landes, in dem der Hass gegen die Roma-Minderheit kein Geheimnis ist.

Die Wahl der Form geht so überzeugend auf, dass das hier kein Propagandafilmchen geworden ist. „Csak a szél“ erinnert in seiner Struktur auch an Gus Van Sants „Elephant“. Er ist aber wesentlich mutiger, radikaler und daher auch besser als Van Sants Film, gerade weil Fliegauf auf jedwede Psychologisierung verzichtet. Am Ende bleibt es einem im Halse stecken, wenn passiert was passieren muss. Aber wie gesagt, man hat es bereits geahnt.

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Donnerstag, 16.02.2012: 6 x Forum

Manchmal muss man vom Wettbewerb flüchten. Die Berlinale macht es mit ihrem komplizierten Ticket- und Zugangssystem dem Berichterstatter gar nicht so leicht auch mal spontan in Nebenreihen zu gehen. Und dennoch lassen wir heute Wettbewerb mal Wettbewerb sein und blicken auf sechs mehr oder weniger gelungene Filme aus dem Forum des jungen Films.         

Beziehungsweisen 

Berlinale 2012

Was soll man sagen zu einem Film, der derart ausgestellt langweilig und konstruiert daherkommt, als würde er bereits jetzt am liebsten in jenes Nachtprogramm des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens verschwinden wollen, aus dessen Denksystem er auch stammt?

„Beziehungsweisen“ von Calle Overweg ist eine Art semi-dokumentarisches Experiment. Und wie bei vielen Experimenten ist es die Idee, die zunächst durchaus interessant klingt. Overweg setzt drei Therapeuten jeweils zwei Schauspielern gegenüber, die einen fiktiven Fall von Beziehungsproblemen nachspielen. Die Therapeuten sollen diese Pärchen so „therapieren“, wie sie es in ihrer täglichen Arbeit machen würden. Durchbrochen werden diese Sitzungen zum einen von nachgespielten Szenen (Rückblenden), die – á la „Dogville“ – auf einer Theaterbühne stattfinden. Zum anderen gibt es Momente in denen Overweg selbst die Therapeuten befragt. Da die dargestellten Fälle eher langweilig sind und der Fokus des Films ganz bestimmt auf der Beziehungsgeschichte des jeweiligen Paares liegt und weniger auf einem möglichen Einfluss der Therapie, erschöpft sich dieses viel zu lange und starre Projekt in seinem Ausgangskonzept.

Espoir Voyage

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Und was wissen wir über Burkina Faso? Wie viele Filme hat man schon aus diesem afrikanischen Staat gesehen? „Espoir Voyage“ konfrontiert uns mit unserem Unwissen, allein mit der Tatsache, dass dies hier so ein Film ist, den wir nie im Kinogängeralltag zu Gesicht bekommen würden. Nicht mal im besten, völkerverständigenden TV-Programm würde man ihn zeigen. Der Film ist die persönliche Spurensuche des Regisseurs Michel Zongo nach seinem Bruder Joanny, der das Heimatdorf verließ und an der Elfenbeinküste sein Glück versuchte. Er zog weg, wie es wohl viele junge Männer machen, um nach einer Arbeit zu suchen und sich vielleicht auch niederzulassen, um – wie es im Film heißt – ein Mann zu werden. Michel selbst hatte nur vage Erinnerungen an seinen Bruder und erfuhr zufällig durch einen Cousin, dass Joanny schon vor Jahren verstorben sei. Sein Film ist dokumentarisch im engsten Sinne des Wortes. Er zeigt Michels beschwerliche Reise, seine Nachforschungen und Begegnungen mit Menschen, die Joanny vielleicht kannten. Er zeigt uns ein Afrika, das wir so – als weiße Europäer –  nie zu sehen bekommen. Er zeigt das Bewusstsein junger Afrikaner, die um die Ausbeutung ihrer Arbeitskräfte wissen (und auch ihre Witze darüber machen), er zeigt den Zusammenhalt aber auch die Konflikte, die durch die Arbeiterwanderung unter den verschiedenen Völkern Afrikas entstehen. Er zeigt und lässt erahnen, dass Joannys Schicksal nur stellvertretend sein kann. Da ist es auch egal, wenn die Machart des Films für unsere Augen etwas unbeholfen und provisorisch wirkt, ja, jedes Urteil darüber wäre zugleich ein Verweis auf unsere westliche Arroganz und ein ganz guter Hinweis darauf, dass man die Intention und Wirkung von „Espoire Voyage“ nicht begriffen hat.

La Demora

Berlinale 2012

Sie hat genug. Genug von der stressigen, unsicheren Arbeit als Näherin, genug von den ständig nervenden Kindern, genug vom täglichen Kampf um das fehlende Geld – und vor allem hat sie genug von ihrem alten, dementen Vater. Deshalb setzt Maria ihren eigenen Vater auf einer Parkbank aus. Das ist das Grundkonzept von „La Demora“ des uruguayschen Regisseurs Rodrigoz Plá. Ein vordergründig grimmer und pessimistischer Blick auf eine Gesellschaft, deren Mitglieder hilflos ihrem Alltag gegenüberstehen. Der Staat ist längst keine Hilfe mehr, eher Hindernis. Es ist schade, dass Rodrigo Plás Wut sich in diesen recht simplen und plakativen Gegenüberstellungen erschöpft. Sein Film wirkt wie ein Gedankenspiel, eine anständig verfilmte „Was wäre wenn“-Idee. „La Demora“ ist deshalb auch sehr flüchtig, gesehen und wieder vergessen, auch weil er sich am Ende fast in Wohlgefallen auflöst, als wäre ihm seine eigene Idee unheimlich geworden.

Francine

Berlinale 2012

Da hat sich im Forums-Programm noch ein Star versteckt, genauer, eine Oscargewinnerin. Melissa Leo (Oscar für „The Fighter“) spielt in „Francine“ von Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky die Hauptrolle. Eine Frau, die aus dem Gefängnis entlassen wird und dann ihren Weg zurück in die Gesellschaft sucht. Dabei fällt auf, dass Francine Menschen und andere soziale Kontakte meidet und ihre ganze Aufmerksamkeit Tieren schenkt, die sie bei sich zu Hause wohnen lässt. Da wir nie erfahren, warum sie im Gefängnis war (zum einen weil die Regisseure uns jeden Bezug zur Vorgeschichte verweigern, aber auch, weil Francine im ganzen Film kaum spricht) müssen wir diese Frau beobachten und versuchen sie anhand ihrer Tierliebe zu dechiffrieren.

Einmal trifft sie auf ein Goth-Rock-OpenAir-Konzert. Sie beginnt zu tanzen, schüttelt die Harre und ihren dürren Körper durch die Gegend. Es ist der einzige Moment in dem Francine sich für uns öffnet, der einzige Moment in dem sie jene Menschlichkeit zulässt, die sie sich sonst verbietet. Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky zeichnen ein minimalistisches Porträt dieser Frau, das allerdings gegen Ende nicht mehr weiß wie es aus dem eigenen Konzept ausbrechen kann. Schwächen, die allerdings Melissa Leo öfter wettmacht. Das müssen wir zugestehen. Die unbekannte Last und Bürde dieser Frau verkörpert sie mit einer bewundernswerten Mischung aus naiver Selbstzerstörung und eiserner Willensstärke.

Formentera

Debüt hui, Zweitling pfui – das trifft  leider auch auf Ann-Kristin Reyels „Formentera“ zu. War ihr Debüt „Jagdhunde“ noch eine wunderbar leichte Familienkomödie mit Freiheiten, die sich der deutsche Film nur selten gönnt, so ist ihr neues Werk leider „deutsch“ im schrecklichsten Sinne. Die Ausgangslage: Sabine Timoteo und der dänische Shootingstar Thure Lindhardt (spielt auf der Berlinale noch in Ira Sachs schwulem Drama „Keeps the lights on“ die Hauptrolle) sind ein junges Paar, das gerade seine Familie auf Formentera besucht. Ihre kleine Tochter haben sie nicht dabei und so bricht in der Mittelmeeratmosphäre langsam die Beziehung auseinander und offenbar große Wunden auf.

Berlinale 2012

„Formentara“ hat neben der viel zu häufig verfilmten Ausgangslage das Problem, dass Maren Ade mit „Alle Anderen“ bereits den besseren Film zum Thema gedreht hat und dieser den Berlinale-Zuschauern auch noch gut in Erinnerung ist. Die Konflikte, um die es hier geht, sind dann auch so bieder wie bekannt. Ist das alte leben zu langweilig? Sollten beide nicht nach Formentera ziehen? Warum will er plötzlich ein wilderes Leben, wobei sie keine Lust auf Abenteuer verspürt? Hinzu kommt, dass seine Eltern auf Formentera in einer Art Hippie-Kommune leben. Der Film erlaubt sich damit die spießbürgerliche Vorstellung von Freiheit und Leben gegen die – hier zur Karikatur verkommenen – Hippie-Ideale zu stellen. Das suggeriert Tiefe und Allgemeingültigkeit, ist in Wirklichkeit aber so flach und nervig wie eine Talkrunde bei Plasberg oder Jauch zum gleichen Thema. Wenn „Formentera“ sich dann noch einen dramaturgischen Schachzug aus Antonionis „L’avventura“ klaut, offenbart der Film sein Scheitern leider allzu deutlich.

Hemel

Berlinale 2012

Hemel heißt die Teenagerin, die sich am Anfang dieses schamlosen Films von ihrem Liebhaber den Genitalbereich rasieren lässt. Hemel heißt auf Niederländisch aber auch Himmel und ist zugleich der Titel des radikalen Regiedebüts von Sacha Polak. Es ist die in Kapiteln erzählte Geschichte einer viel zu innigen Vater-Tochter-Geschichte. Hemel und ihr Vater teilen sich alles mit, besonders, wenn es um die Wahl ihrer Sexpartner geht. Hier herrscht eine Offenheit, die für die meisten Betrachter nur verstörend wirken kann. Wenn sich beide im Bad nackt begegnen und nicht den geringsten Schamkomplex zeigen, merkt man zudem, dass hier traditionelle Beziehungsmuster nicht mehr greifen.

„Hemel“ ist ein zerbrochener Film, der in viele kleine Teile zerfällt. Jede Szene könnte ein eigenes kleines Theaterstück sein, dass Hemel dabei beobachtet, wie sie taub und wortlos ekelhafte Typen abschleppt und nicht selten kurz an der Vergewaltigung vorbei lebt. Wir sehen dem Treiben auf der Leinwand nicht nur gespannt zu, weil die Freizügigkeit des Films an den tollen „Brownian Movement“ erinnert, sondern vor allem weil mit Hannah Hoekstra ein kleiner Kinostar vor unseren Augen das Licht der Welt erblickt. Ihr rotzige Art, ihr zerbrechlicher Körper und die unermüdliche, selbstzerstörerische Wut, mit der sie Hemel verkörpert, sind sehr beeindruckend. Der Film mag seine Schwächen haben, gerade dann, wenn er beginnt zu psychologisieren, doch wenn die Kamera Hoekstras Gesicht einfängt und sich in ihm diese gespenstische adoleszente Leere spiegelt, dann weiß man, wo die Qualitäten dieses Debüts liegen. 

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Mittwoch, 15.02.2012: Kino, Fernsehen, Österreich

Miguel Gomes ist ein Name, den man sich merken muss. Der Regisseur hat mit „Tabu“ einen rätselhaften Film gedreht, der aber reinstes Kino ist. Der zweite deutsche Wettbewerbsfilm hingegen ist kein Kino, sondern ödes Fernsehen. Und das österreichische Kino sucht sich seine Grenzen mit unterschiedlichen Stilmitteln – und Martina Gedeck.

Noch kennen ihn nur Eingeweihte. Der 1972 geborene Regisseur Miguel Gomes gilt unter wenigen Kritikern und Kuratoren – aber auch Filmemachern – als eine der interessantesten Kinostimmen des Geschäfts. Gomes, der seine Karriere als Filmkritiker begann, hat bisher nur zwei Spielfilme und eine Hand voll Kurzfilme gedreht. Dass er mit seinem dritten Werk „Tabu“ gleich im Wettbewerb der Berlinale landet ehrt nicht nur ihn, sondern auch das Festival.

Berlinale 2012

„Tabu“ ist kein Film der sich leicht zusammenfassen lässt. Er ist verspielt, verschachtelt, zerschnitten und verfremdet, so dass man seinen traumwandlerischen Rhythmus und die tieftraurige Geschichte nur unzureichend wiedergeben kann. Der Film ist zweigeteilt. Der Anfang beschreibt ein Ende. Die alte Aurora, eine Frau, die in Lissabon von ihrer Haushälterin gepflegt wird, erlebt zwischen Weihnachten und Neujahr ihre letzten Tage vor ihrem Tod. Nur ihre fromme Nachbarin Pilar besucht sie noch. Im Sterben liegend, diktiert Aurora der verwunderten Pilar den Namen eines Mannes, den diese ausfindig machen soll. Dann wird „Tabu“ zu einem anderen Film. Ein Abenteuerfilm, eine tragische Liebesgeschichte, die am Fuße des Mount Tabu spielt. Er erzählt von einer verbotenen Liebe unter kolonialen Besatzern. Der bis dahin Schwarzweiß-Film wird in diesem Teil sogar zum Stummfilm. Nur eine Männerstimme erzählt aus dem Off diese Geschichte nach.

Gomes‘ Film ist ein eigenwilliges Werk, eine wirkliche Erfahrung und eine großartige Kinospielerei. Jean Luc Godards Bonmot von der Regel für die ideale Kinoerzählung kommt einem in den Sinn: „Eine Geschichte braucht einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“ Der portugiesische Regisseur spielt und würfelt alle Kinomittel durcheinander: Schwarzweiß-Aufnahmen, Off-Kommentar, nicht-chronologische Erzählung, Personen- und Perspektivwechsel. Er schöpft auch aus der Filmgeschichte, wie es nur wenige können. Es gibt herrliche Vincente Minnelli-Anklänge. Und auch Bezüge zu Murnau, Solondz oder Weerasathekul sind auszumachen. Das ist nie erzwungen, wirkt nie gewollt und dennoch verströmt der Film etwas Fremdes und Eigenartiges. Mit „Tabu“ betritt man Neuland und fühlt sich auch etwas überfordert mit den Bildern. Aber wer sagt, dass das schlecht sein muss?

Gomes hat einen Film über das Erzählen und die Erzählung gedreht. Eine Geschichte über Geschichten. Er stellt Filmgeschichte und Kolonialgeschichte gegenüber, feiert die Traurigkeit einer ewig unerfüllten Liebe und lotet nebenbei Welten verdrängter Erinnerung aus. Das ist lustig und unterhaltend, traurig und spannend zugleich. Wenn etwa der verzweifelte Schuss einer Pistole zufällig einen Bürgerkrieg auslöst. Auch da ist Godard nicht weit, der über das Rezept einer gelungenen Geschichte auch noch sagte: „All you need is a Girl and a Gun.“

Alles nur Theater

Familie im deutschen Kino, das ist ein Universum, das nur der Deutsche versteht. Es geht immer passiv-aggressiv zur Sache in diesen Familiendramen. Die Stimmung ist mies, man hasst und verachtet sich, alle duzen sich, kein zärtliches „Mama“ oder „Papa“ würde einem erwachsenen Kind über die Lippen gleiten, um einen Elternteil zu adressieren. Und nicht vergessen: die obligatorischen Treffen. Wie schrecklich Familie doch ist!

Berlinale 2012

Auch in Hans-Christian Schmids Fernsehfilm, der hier als Kino verkauft wird und schockierender Weise im internationalen Wettbewerb läuft, ist das Familienklima stark unterkühlt. „Was bleibt“ erzählt von dem Besuch eines Sohnes bei seinen Eltern. Er (Lars Eidinger) kommt aus Berlin mit seinem eigenen Kind. Der Bruder ist Zahnarzt und wohnt noch bei den Eltern, die Mutter – Verzeihung: Gitty – ist depressiv und verkündet nach dem Essen der versammelten Familie, dass sie nach 30 Jahren unter medikamentöser Behandlung nun endlich die Antidepressiva abgesetzt hat. Das regt den Rest derart auf, dass Gitty am nächsten Tag im Wald verschwindet.

Schmids unbeholfene Sezierung einer bürgerlichen Familie ist derart belanglos und unfokussiert inszeniert, dass selbst ein Lars Eidinger nur hilflos aus der Wäsche gucken kann. Nichts und niemand zwingt diese Figuren derart mies miteinander umzugehen. In den giftigen Dialogen verweist man auf kleine Unstimmigkeiten, die man durch ein klärendes Gespräch und ein heruntergeschraubtes Ego wunderbar aus der Welt schaffen könnte. Aber da ist ja noch die Sache mit der Depression, mag man einwenden. Die Depression der Mutter - Verzeihung: Gittys Depression - ist jedoch auch nur ein Gimmick dieser Erzählung, um ihr späteres Verschwinden zu erklären.

Was sollen diese abstoßend langweiligen Befindlichkeitsstudien? Kann das deutsche Kino nicht mal erwachsen werden? Kann es seine öden Probleme-mit-den-Eltern-Geschichten nicht endlich mal hinter sich lassen und raus in die Welt gehen? Gibt es keine anderen Themen als die ewig gleichen Wohlstandsdepressionen zu wälzen, mit dem ewig gleichen, öden Personal und der ewig gleichen ästhetischen Ahnungslosigkeit? Jeder noch so misslungene Chabrol-Film ist da besser, klüger und unterhaltsamer als „Was bleibt“.

Während der Pressevorstellung ging plötzlich der Vorhand herunter. Es schien, als wäre der Techniker über dem Knopf eingeschlafen. Man hätte es ihm nicht verübeln können. Und den internationalen Kollegen, die von Schmids Film tödlich gelangweilt waren, konnte man diese Reaktion auch nicht verübeln. Man kann solche Filme ja gern im Panorama oder so zeigen, im Wettbewerb bitte nicht.

Die beste Zusammenfassung lieferte der Kollege vom FREITAG: „Wenn's in Deutschland Kino gäbe, wär ‚Was bleibt’ der perfekte Fernsehfilm.“ Treffender kann man den Film nicht beschreiben, wobei man ihm zu Gute halten muss, dass neben ihm Billy Bob Thorntons Familienkomödie „Jane Mansfield’s Car“ fast schon großartig aussieht.

CINEMA AUSTRIA

Berlinale 2012

Kino aus Österreich gehört seit längerem schon zu den interessanteren Erfahrungen, die man auf den Filmfestivals machen kann. Auf der Berlinale laufen aber drei sehr unterschiedliche Filme, die nicht immer zu cineastischen Freudesprüngen einladen. Einer trägt den vielversprechenden Titel “What is love“ und wurde von Ruth Mader gedreht. Der Film (Maders erster seit acht Jahren) besteht aus fünf Episoden, die im Kern Beziehungs- und Einsamkeitsanalysen sind, aber als solche selten überzeugen. Die Frau, die am Ende der ersten Episode allein in einer Disco tanzt, bleibt dann noch am deutlichsten im Gedächtnis. Aber was ist mit dem Familienvater, der keine Zeit mehr für Kind und Frau hat und von dieser zur Rede gestellt wird? Was soll das? „What is love“ beantwortet seine Ausgangsfrage nicht. Er bleibt ein recht totes Konzeptfilmchen, ein „film still“ im schlechteren Sinne, weil sich Form, Idee und Inhalt nie ergänzen.

Anders, ganz anders, sieht es da mit dem Spielfilmdebüt von Anja Salomonowitz aus. „Spanien“ erzählt die schicksalhafte Geschichte von mehreren Personen, die alle mehr oder weniger miteinander verbunden sind. Alles nimmt seinen Lauf mit einem schrecklichen Autounfall mitten in der Nacht auf einer österreichischen Autobahn. Ein Mann überlebt. Es ist ein illegaler Einwanderer aus dem Balkan, der eigentlich nach Spanien gebracht werden sollte. Ohne Geld und Bleibe lässt er sich von einem Pfarrer als Restaurator einer kleinen Dorfkirche anstellen. „Spanien“ erzählt auch von der Bildrestauratorin, die ihrem gewalttätigen Freund, einem Ermittler der Ausländerbehörde, entkommen will und Ikonen malt, deren traurigen Blick sie der Einsamkeit fremder Männer entlockt. Und schließlich erzählt Salomonowitz‘ Film vom spielsüchtigen Familienvater, der sich verschuldet und mit der Mafia einlässt.

Berlinale 2012

Schwerer und hochgradig riskanter Stoff für ein Debüt. Doch „Spanien“ ist ausgestattet mit großen, wunderbaren Kinobildern, die nie nach Kompromiss, sprich, die nie nach Fernsehen aussehen. Vieles andere ist auch gelungen, zum Beispiel die anfängliche Fragmentierung der Handlung in kleine Episoden, die das Personal unabhängig voneinander betrachten. Das wirkt frei und verbirgt sehr geschickt das etwas problematische Drehbuchkonstrukt, das erst in der letzten (unnötigen) Szene seine größten Denkfehler offenbart. Die eigentliche Geschichte ist durchdrungen mit einem Klima, das man aus dem österreichischen Kino von Ulrich Seidl kennt, dessen Arbeiten man in den Bildern von „Spanien“ deutlich erkennt. Auch das Thema der illegalen Migration, das „Spanien“ geschickt inszeniert, ohne unnötig zu dramatisieren, ist ein Grundthema von Seidl („Import, Export“).

Doch Anja Salomonowitz ist eine sehr talentierte Regisseurin und keine bloße Nachahmerin. Das erkennt man an ihrem exzellenten Auge für Details, ihrer geschickten Arbeit mit Close-Ups und ihren sehr feinen und eleganten Dialoginszenierungen. Selbstverständlich stört der etwas zu schicksalhafte Ton der Geschichte. Es stört auch der manchmal etwas zu ausgestellte Symbolismus einiger Szenen. Aber man kann jetzt schon auf den nächsten Film dieser Regisseurin gespannt sein.

Gedecks Tortur de force

Absolut misslungen ist dagegen der Film „Die Wand“ von Julian Roman Pölser. Dabei ist der technische Aufwand, den der Film dafür betreibt, um die Natur auf einer Alm zu inszenieren, durchaus erwähnenswert und über weite Strecken dieses Werks das eigentlich interessante. „Die Wand“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans der Schriftstellerin Marlen Haushofer. Martina Gedeck spielt darin eine Frau (sie hat keinen Namen), die während eines Jagausfluges mit Freunden plötzlich durch eine unsichtbare Wand von der Welt abgrenzt ist. Ihr Leben dreht sich über Jahre hinweg nur um die Kuh, den Hund und die Katze, die ihr bleiben.

Berlinale 2012

Haushofers Roman fand Anklang als radikale Zivilisationsanklage. Doch man sollte sich lieber nicht so sehr dahinter verstecken, dass dieser missratene Film eine Literaturverfilmung sei. Wenn Regisseur Pölser der Meinung ist, dass 108 Minuten Martina Gedeck auf einer Alm einen Film wert sind, dann darf er diesen natürlich machen. Allerdings ist dieses Werk nur an den Rändern filmisch gedacht. Gedeck spricht ständig aus dem Off, einen Text (es sind ihre Erinnerungen), den sie in einer uns noch unbekannten Zukunft niederschreibt. Gehoben literarisch faselt sie von inneren Gefühlszuständen und macht die Stimmung, die durch die tolle Tonspur und Kamera erzeugt wird, ständig kaputt.

Es ist schon ärgerlich, wie ein im Prinzip literarisches Mittel (der Erzähler) hier die rein filmischen Mittel (Töne, Bilder, Licht, Schatten) unterdrückt. Man kann daher über „Die Wand“ nicht schreiben ohne zu erwähnen, was für ein Film dies hätte werden können. Wenn wir ständig nah bei der Stille und Einsamkeit dieser Frau hätten sein können. Ein radikales Buch erfordert nun mal auch radikales Filmemachen. Das Ergebnis in der jetzigen Form ist jedenfalls ziemlich unerträglich.

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Dienstag, 14.02.2012: Kinderspiele

Mit Ursula Meiers Wettbewerbsfilm „L’enfant d’en haut“ hat sich ein dritter Bärenkandidat herauskristallisiert. Billy Bob Thorntons Komödie kann nur mäßig begeistern und das trotz eines herrlich grummeligen Robert Duvall. Außerdem: Ein US-Indiefilm über die Leere eines Kindersommers und ein Film aus Kambodscha, der das verlorene Kinoerbe des Landes rekonstruiert.

Berlinale 2012

Ursula Meier ist eine der interessantesten Regisseurinnen der Schweiz. Ihr letzter Film „Home“ mit der herrlichen Isabelle Huppert in der Hauptrolle wurde weltweit zu einem beachtlichen Arthouse-Hit. Meier präsentiert nun ihren neuen Film im Wettbewerb der Berlinale. „L’enfant d’en haut“ konnte die hohen Erwartungen nicht nur erfüllen, sondern sogar übertreffen. Der Film katapultierte sich sogar in die Spitzengruppe der heißen Bärenanwärter.

Der Film zeigt den Alltag des 12-jährigen Simon (Kacey Mottet Klein), der mit seiner älteren Schwester (Léa Seydoux) am Rande eines Touristengebietes in den Schweizer Alpen wohnt. Simon fährt mit der Gondel jeden Tag in das Skigebiet, wo er die reichen Touristen bestiehlt. Die Skier und die Ausrüstung verkauft er, um seine Schwester und sich über Wasser zu halten.

„L’enfant d’en haut“ bedeutet übersetzt „Das Kind da oben“. Doch der Titel hat noch eine zweite Bedeutung. Er kann auch als „das große Kind“ gelesen werden. Simon ist zwar wesentlich jünger als seine Schwester, doch anders als sie, die nur mit diversen Typen in die Kiste springt und sich um nichts kümmert, riskiert er regelmäßig festgenommen zu werden, damit die beiden was zu essen haben. Der Film folgt dem Kind auf Schritt und Tritt. Die Kamera heftet sich an seine Fersen und schon bald bewundern wir diesen mutigen Jungen. Doch im gleichen Atemzug fragen wir uns: Wo sind die Eltern? Das gleiche wird Simon von einer Touristin (Gillian Anderson) und einem englischen Koch gefragt. Simon erzählt vom tödlichen Unfall, der seine Eltern auf dem Gewissen habe. Doch wirklich glauben kann man diese Geschichte nicht.

Berlinale 2012

Meier hat ein sozial-realistisches Drama in bester Dardennes-Manier gedreht, ohne dabei ganz die stilistische Strenge der Regiebrüder zu kopieren. Tatsächlich ist ihr Drehbuch mit einer Wendung gespickt, die eigentlich nur nach Hinten losgehen kann. Es ist das Wunder dieses zauberhaften Films, dass er selbst diese Drehung ohne Probleme aushält. „L‘enfant d’en haut“ ist ein pessimistischer Film über eine Gesellschaft, die ihre Problemkinder gerne entsorgen würde wie den Müll. Doch Meier deckt diese verachtende Haltung auf, indem sie ein Kinderleben zeigt, das nie die Unschuld und Liebe bekommen hat, die alle Kinder verdienen. Ein Kino wie gemacht für Jury-Präsident Mike Leigh. Und man kann sich gar nicht vorstellen, dass dieser Film bei der Preisverleihung umgangen wird.

Die Chaos-Familie

Der einzige amerikanische Beitrag im Wettbewerb ist der neue Film des Regisseurs und Schauspielers Billy Bob Thornton. In der Komödie „Jane Mansfield’s Car“ prallen eine amerikanische und eine britische Familie aufeinander. Die Geschichte trägt angeblich biografische Züge. Billy Bob Thorntons Vater nahm ihn häufig mit zu Autounfällen, von denen er via Polizeifunk erfuhr. So wie es der alte Jim Caldwell (Robert Duvall) im Film mit seinem Söhnen macht. Einen davon spielt Thornton selbst, einen anderen Kevin Bacon. Der Film erzählt aber von Caldwells toter Ex-Frau, die ihn für einen Engländer verlassen hat. Die beiden Familien treffen bei der Beerdigung aufeinander. Und Thornton inszeniert das Ganze als leichte Sixties-Komödie mit einigen politischen Untertönen.

Berlinale 2012

Es steckt sicherlich viel Brisanz in den ganzen Personenkonstellationen. Etwa in dem Treffen der beiden Witwer, dem Konflikt zwischen den Brüdern und ihrem Vater usw. – doch Thorntons Regie ist viel zu schwach, um das effektiv umzusetzen. Er filmt einfach das Drehbuch ab. Man kann daher „Jane Mansfield‘s Car“ gar nicht besprechen, ohne darauf hinzuweisen, was das für ein großartiger Film hätte sein können, wenn ihn jemand wie z.B. Robert Altman inszeniert hätte. Das 16 Köpfe umfassende Figurenkarussell muss man erst einmal unter Kontrolle haben, um dann noch die verschiedenen vergrabenen Wunden zu inszenieren. Thornton ist dabei sichtlich überfordert. Der Film hat aber einen großartigen Robert Duvall in der Hauptrolle, der sicherlich alles überzeugend spielen könnte. Schade, dass er sich am Ende des Films für ein paar billige Lacher hergeben muss, wenn man ihm LSD in den Eistee kippt. Es sind genau solche Rückgriffe auf abgeschmackte Taschenspielertricks, die den potentiell annehmbaren Film fast schon ärgerlich werden lassen.

Ein Kinderspiel

Der Anfang ist bereits ziemlich toll. Zu Kindermusikklängen sieht man Nahaufnahmen eines Stockcar-Rennens. Massive Autoschnauzen, die sich ineinander verkeilen, Staub der aufwirbelt, Räder, die Sand durch die Luft schmeißen, und dann ein Schnitt auf eine Autobrücke, inklusive Titeleinblendung. Dann beginnt ein anderer Film. „Kid-Thing“ (in der Sektion „Forum“) der Regiebrüder David und Nathan Zellner ist die Geschichte eines kleinen Mädchens irgendwo im Herzen der USA. Fern der Großstädte, irgendwo auf dem Land streift die Kleine durch die Wälder und Felder ihres Heimatortes. Es sind wohl Sommerferien und die Langeweile ist ihr förmlich in das Sommersprossendurchzogene Gesicht geschrieben. Doch dann hört sich eine Stimme aus einem Loch im Wald. Eine Frau ruft sie um Hilfe. Aber ist da wirklich jemand? Oder ist das alles nur Einbildung der Kleinen, eine Kinderfantasie, „a kid-thing“, wie man in Amerika sagt?

Berlinale 2012

Die Zellners haben einen wunderbaren Streunerfilm gedreht, der in einer klar verorteten Umgebung spielt und phasenweise so unmittelbar mir ihr verschmilzt, dass diese unbekümmert-bekümmerte Einsamkeitsfabel nirgendwo sonst beheimatet sein könnte. In schönen Ellipsen schlägt das kleine Mädchen die Zeit tot, schießt mit Farbbeuteln durch die Gegend, irrt ziellos herum oder starrt einfach in die Leere. Es sind herrliche Momentaufnahmen eines öden, freien Sommers. Aber der Film vermittelt auch das Klima eines sehnsuchtsvollen Augenblicks, der Hoffnung, jemand möge doch den Blick des Mädchens erwidern und sie von der Einsamkeit erlösen. Denn „Kid-Thing“ ist im Kern ein sehr trauriger Film, der die Geschichte einer trostlosen Kindheit eines kleinen Mädchens erzählt. Selbst die eigene kindliche Imagination erlaubt ihr keine Realitätsflucht.

Das verlorene Kino

An Jean Luc Godards monumentales Film-Essay „Histoire(s) du cinema“ muss man unweigerlich denken, wenn man den tollen Dokumentarfilm (im Forum) „Le sommeil d‘or“ des kambodschanischen Regisseurs Davy Chou sieht. Godards Idee einer Kinogeschichte, die allein innerhalb der Filme entsteht und existiert, mit all den Querverbindungen, Vorahnungen und Geschichten, mag die Frage aufwerfen, welche Rolle und Kommentare die Filme Kambodschas denn spielen. Leider kennen wir, hier im Westen, sie nicht. Das liegt zum einen daran, dass uns diese Regionen filmisch nicht interessieren (bzw. diejenigen, die zu entscheiden haben, was auf unseren Leinwänden zu sehen ist). Zum anderen liegt es an der Schreckensherrschaft der roten Khmer. Während ihrer Machtergreifung zerstörten sie fast das gesamte filmische Erbe der sogenannten Goldenen Ära des kambodschanischen Films, die sich über die 60er bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erstreckte.

Berlinale 2012

Chou reist durch sein Land auf der Suche nach ehemaligen Regisseuren, Schauspielern, Machern, aber auch nach Zuschauern und Statisten. Er zeigt die Orte, die früher einmal Kinos beherbergten und jetzt entweder Spielhallen sind oder schreckliche Notunterkünfte für die Ärmsten der Bevölkerung. Der besondere Kniff Chous liegt darin, die Protagonisten die Filme nacherzählen zu lassen und dann durch Bilder, Fotografien und Musik die für immer verlorenen Filme zu rekonstruieren. Das ist natürlich sehnsuchtsvoll und traurig, aber der Film feiert gleichzeitig auch die Ewigkeit des Kinowesens. Der Film mag zerstört sein, es mag ihn rein physisch nicht mehr geben, doch solange sich nur ein einziger Mensch an ihn erinnert, solange er davon spricht, dann ist das, was Kino ausmacht noch da, dann lebt es weiter.

In „Le sommeil d‘or“ sagt ein Überlebender des Khmer-Regimes, dass er sich mittlerweile nicht mehr an seine von den Khmer-Truppen ermordeten Familienmitglieder erinnert, aber an die zerstörten Filme schon. „Deutlich und klar, als hätte ich sie gestern gesehen“, sagt er. Es ist eigentlich eine schier unerträgliche Aussage, deren Wahrheitsgehalt jedoch für jeden Kinoliebhaber verständlich ist: Kino ist nicht nur auf der Leinwand. Kino ist nicht bloß eine Alternative zum Leben. Es ist und bleibt ein Teil davon.

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Montag, 13.02.2012: Unter Geiseln

Der Filipino Brillante Mendoza macht Christian Petzold im Rennen um den Goldenen Bären Konkurrenz. Sein Film „Captive“ ist die hoch realistische Zustandsbeschreibung einer Geiselnahme. Außerdem inszenieren stille Filme aus Griechenland und Jordanien die Sprachlosigkeit einsamer Seelen.

Theodorus (Theo Alexander) und Urania (Tamila Koulieva) begegnen sich zufällig. Er ist Mönch, sie ist Nonne. Beide sind Mitglieder der orthodoxen Klöster von Metéora, die durch hohe Sandsteinfelsen voneinander getrennt sind. Theodorus und Urania können sich daher nur selten begegnen. Die Treffen sind sehr umständlich und verlangen äußerste Vorsicht. Schließlich verstößt ihre Liebe nicht nur gegen die strengen, asketischen Regeln des Klosterlebens, sie ist auch eine harte Prüfung für das Gewissen der beiden. Das ist die Grundkonstellation des griechischen Wettbewerbsbeitrages „Metéora“.

Berlinale 2012

Die fast stumme Handlung wird durch fast schon schrille Scherenschnittanimationen unterbrochen, die im Stil ikonischer Malerei gehalten sind. Sie illustrieren die Glaubenskrise, die die beiden Protagonisten durchleiden. Es ist aber gerade der stille und stumme Teil des Films, der von der Annäherung der beiden aber auch von der Last ihres Alltages erzählt, der wirklich begeistert. Schade, dass „Metéora“ es sich am Ende etwas zu leicht macht, weil er sich für eine sehr einfache Lösung entscheidet. Hier wäre sicherlich mehr drin gewesen. Aber der noch junge Regisseur ist ein äußerst vielversprechendes Talent. Man darf jetzt schon gespannt sein, welche Kinobilder er demnächst inszenieren wird.

Hilflos ausgeliefert

Ein ganz anderes Kaliber von Film hat man von vornherein vom Filipino Brillante Mendoza erwarten dürfen. Im Wettbewerb der Berlinale läuft sein von vielen heiß ersehnter neuer Film „Captive“. Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten und ist die schmerzlich intensive Darstellung einer Entführung. Bereits in den ersten Minuten ist die Handlung voll im Gange. Eine Gruppe Touristen wird von Mitgliedern der muslimischen Abu-Sayyaf-Terroristen entführt und verschleppt. Unter den Entführten befinden sich Einheimische, Touristen und auch eine französische Missionarin (Isabelle Huppert).

Berlinale 2012

Die Idee, die der Regisseur Mendoza verfolgt ist simpel und effektiv zu gleich. Der Zuschauer wird auch zur Geisel. Dadurch erspart sich der Film die unnötige Pflicht einen Helden zu etablieren. Zwar ist Isabelle Huppert das bekannteste Gesicht unter den Geiseln, doch bis auf die letzten zehn Minuten des über zwei Stunden dauernden Werkes ist auch ihre Figur nur eine unter vielen.

„Capitve“ interessiert sich für die verschiedenen Dynamiken einer solchen Gruppe. Er hat die Beziehungen unter den Geiseln und Entführern immer fest im Blick und lotet ganz beiläufig verschiedene Opfer-Täter-Szenarien aus. Was den Film auszeichnet, ist sein wohltuender Verzicht auf die Formeln einer klassischen Kinohandlung. Die mehr als ein Jahr andauernde Entführung muss reichen. Die Gruppe ist immer unterwegs, Männer und Frauen sterben, verlieben sich, streiten miteinander und helfen einander – nichts lässt der Film aus. Er schafft es leichthändig und schnörkellos die Qual eines solchen Lebens in Gefangenschaft zu zeigen. Mendoza beweist hier nach „Kinatay“ und „Lola“, das er zu Recht von vielen als einer der interessantesten modernen Autorenfilmer gehandelt wird.

Nach Christian Petzolds Meisterstück „Barbara“ haben wir mit „Captive“ den zweiten – vielleicht sogar größeren – Anwärter auf den Goldenen Bären gesehen. Dass der Film unter der Presse dennoch verhalten aufgenommen worden ist, hängt vor allem mit der Tatsache zusammen, dass die meisten Kollegen noch nie etwas von Brillante Mendoza gesehen, geschweige denn von ihm gehört haben. Aber wer vom Kino nur das erwartet, „was man halt so“ vom Kino erwartet, dem bleiben die neuen Horizonte des Kinos als Kunst verborgen. Man muss das ja nicht mögen, das Kino eines Brillante Mendoza, aber die Hausaufgaben sollte man dann doch machen….

Kurz vor Schluss

Greifen wir zu hoch, wenn wir sagen, dass der jordanische Film „The last Friday“ (‚Al Juma Al Akheira’ – Forum) von Yahaya Alabdallah einer der ersten ernsthaften Spielfilme ist, der Mubaraks klägliche Machterhaltungsversuche thematisiert, ohne sie selbst zum Thema seiner Erzählung zu machen? Es stimmt, dass es auf der Berlinale viele Filme über den arabischen Frühling gibt, so wie dies bereits auf vielen anderen Festivals der Fall war. Doch handelt es sich dabei meist um Dokumentarfilme. Zum Beispiel Kameraaufnahmen vom Tahir-Platz. Alles sicherlich edle Versuche, etwas Unmittelbarkeit zu vermitteln, etwas, das sich dem Nachrichtenauge nicht erschließen kann.

Berlinale 2012

Doch mit „The last Friday“ verhält es sich anders. Es ist zunächst einmal die Geschichte eines Lungenkranken Taxifahrers, eines alleinerziehenden Vaters, der keine Schulden hat, um eigenes Geld geprellt wird und so die notwendige Operation vielleicht nicht bezahlen kann. Zum anderen ist es eine stille und in langen, starren Einstellungen gedrehte, sowohl zart-ironische als auch unmögliche Liebesgeschichte zwischen eben jenem Taxifahrer und seiner Nachbarin. Schließlich ist der Film eine sehr präzise Alltagsdarstellung des heutigen Amman.

Es ist ein Film voller Kleinigkeiten, die unsere stete Achtsamkeit verlangen, auch wenn er sehr schweigsam ist wie sein Held und uns am liebsten den Rücken zuwenden würde. Gespräche über die finanzielle Not, eine Zukunft im Ausland („Du hast doch alles. Warum willst du ausreisen?“); Dialoge über die junge Liebe, Geschlechterprobleme, über unterwürfige Frauen und feige Männer – und über Autos. Die scheinen überhaupt der Schlüssel zu sein, mit dem wir mehr von dieser Welt verstehen. In „The last Friday“ sehen wir nur wenige Menschen auf den Straßen, dafür sehen wir viele Autos. Fahrzeuge, die nicht nur auf die Anwesenheit einer Massenbevölkerung verweisen, sondern auch auf deren mitunter finanziellen und damit sicherlich auch gesellschaftlichen Status. Die Stille und Leere in den Bildern suggerieren nur eine hermetisch abgeschlossene Welt. Doch auch das ist lediglich künstlerisches Mittel zum Zweck.

Wenn der Taxifahrer in sein Hotelzimmer geht (es ist die Nacht vor der OP) und im Fernsehen Mubarak eine seiner TV-Ansprachen hält und dort von den nötigen demokratischen Umbrüchen spricht, die er nun einführen werde; dann wirkt dieser schweigsame Film – der sicherlich nicht zufällig oft an einen frühen Jim Jarmusch erinnert  – plötzlich unheimlich beredt. Denn damit sagt er mehr als viele der wütenden und aufgebrachten Dokumentationen über die Proteste und Tumulte aus den arabischen Straßen. Er sagt es nur anders, unterschwellig, fast murmelnd. Doch das ist schon etwas. Vielleicht ist es sogar mehr, als wir auf Anhieb begreifen können.

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Sonntag, 12.02.2012: Petzolds Tag

Die Wettbewerbsfilme, das lässt sich bereits sagen, sind alle qualitativ mindestens eine Stufe hochwertiger als letztes Jahr. Doch bis heute fehlte der eine Film, der große Autorenkunst präsentieren könnte. Ausgerechnet ein Deutscher hat das geändert. Außerdem Filme aus Italien und Spanien.

Berlinale 2012

Bevor wir zum angenehmen Teil kommen, erledigen wir die lästige Chronistenpflicht. Der erste Wettbewerbsfilm des Tages kam aus Italien. Berlinale-Filme aus Italien sind prinzipiell schlecht. Das ist ein von allen Besuchern gerne bestätigter Fakt. Doch dieses Jahr handelt es sich beim Beitrag um den neuen Film der Taviani-Brüder. Das Regiegespann hatte seine Hochphase in den 1970er Jahren, wo sie dann auch mit einem Film die Goldene Palme von Cannes gewannen. Diese Zeit ist lange vorbei. Der letzte relevante Film der beiden stammt ebenfalls aus dieser Zeit. Im Berlinale-Wettbewerb sind sie mit ihrem semi-dokumentarischen „Cesar must die“ (Cesare deve morire) vertreten. Der Film ist in schwarz und weiß gedreht, und beobachtet die Insassen eines römischen Gefängnisses während der Proben zu Shakespeares „Julius Cäsar“.

Die Regisseure inszenieren alles in ihrem „dokumentarischen“ Film. Das irritiert, weil man von vornherein diese Häftlinge kennenlernen möchte. Aber der Film verweigert uns den Zugang. Selbst kurze intime Augenblicke in den Zellen sind vorher geskriptet. Die Idee, Mörder und Drogenschmuggler dabei zu beobachten, wie sie die Verräter und Tyrannen aus Shakespeares Stück spielen, reicht nicht für einen gelungenen Film. Das Spiel im Spiel vermittelt etwas Starres und Abweisendes. Schade, denn hier wäre sicherlich Potential für einen besseren Film gewesen. Die besten Gefängnis-Filme macht übrigens Werner Herzog, dessen „Death Row“ hier auf dem Festival zu den wenigen wirklichen Highlights zählt.

Traurige Gespenstergeschichte

Berlinale 2012

Der zweite Wettbewerbsfilm stammt aus Spanien und ist ein Psychothriller. „Childish Games“ (Dictado) besitzt einen hoch komplizierten und verschachtelten Plot, den man nur sehr schwer beschreiben kann, ohne gleich viel von der Spannung zu nehmen, die er in der ersten Stunde durchaus hat. Es ist eine traurige Gespenstergeschichte über die Rache einer Frau an zwei Männern (einer davon ihr eigener Sohn, der andere wäre mal fast ihr Stiefsohn geworden), die sie – mit Hilfe eines kleinen Mädchens – zuerst in den Wahnsinn und dann in den Tod treibt. Das erinnert phasenweise an den spanischen Gruselhorror „Das Waisenhaus“, bleibt aber hinter dessen Könnerschaft weit zurück.

Die Unmöglichkeit des Neuanfangs

1980 in der DDR. Die Kinderärztin Barbara (Nina Hoss) wird an ein kleines Krankenhaus an die Ostsee strafversetzt. Hier gilt die kühle und schweigsame Frau schnell als arrogante Berlinerin, die sich nicht integrieren möchte. Doch in der DDR ist das nicht nur unfreundlich, sondern auch per se verdächtig. Ein Stasi-Agent kommt Barbara daher häufig besuchen. Einzig der Stationsleiter André (Ronald Zehrfeld) nähert sich der Frau freundlich und offen. Aber was bezweckt er damit? Kann Barbara ihm trauen?

Berlinale 2012

Das ist zunächst die Grundkonstellation von „Barbara“, des neuen Films von Christian Petzold. Und wir können sagen, dass nahezu all diese Informationen im Werk zwar vorhanden sind, aber man muss sie sich selbst zusammenbasteln. Hier besteht schon die erste Kunst von Petzolds Regie. Er wirft uns in eine Welt, in der viele Handlungsverläufe bereits voll im Gange sind. Er nimmt keinen Umweg, um uns zu erklären, dass Barbara die Flucht in den Westen zu ihrem Liebhaber plant. Wie sehen zwar, dass dieser ihre Flucht plant, doch wann sie den Entschluss gefasst hat und ob die Strafversetzung an die Ostsee nicht vielleicht sogar Teil des Planes war, erfahren wir nicht.

Zudem ist alles so natürlich und modern inszeniert, dass man durchaus vergessen kann, dass Petzold hier den Alltag der DDR zeigt. Aber – um sofort der viel zu plumpen Kritik einiger Kollegen zu entgegnen – Petzold hat keinen Dokumentarfilm gedreht. Er will nicht zeigen wie es „wirklich“ war, sondern er kreiert die DDR durch das Prisma seiner Künstlersensibilität neu. Es mag sein, dass die Menschen damals nicht so schön angezogen oder so gepflegt waren. Es mag sein, dass die Wege, Straßen und das Umfeld manchmal etwas zu frisch und rein wirken. Aber sie sind Teil einer ziemlich präzisen Autorenwelt. Alles ordnet sich Petzold unter. Selbst der Dresscode ist Detail, daher wichtig und birgt vielleicht den Schlüssel zu einigen Fragen. Man muss halt genau hinsehen und darf sich nicht verunsichern lassen. So wie André Barbara einmal ein Gemälde von Rembrandt interpretiert, indem er ihr von der falschen Perspektive auf eine Autopsie erzählt.  

Berlinale 2012

Es gäbe noch so viel mehr an diesem Film zu loben: die exquisite Kamera von Hans Fromm. Der laute Wind, der immer weht, wenn Barbara zur Arbeit fährt und ihren Fluchtplan vorbereitet. Die spärlich aber essentiell eingesetzte Musik. Nina Hoss‘ abermals grandiose Leistung; all das sind Zeichen, Schlüssel und Vorboten, die den Plot erst so richtig zum Leben erwecken. „Barbara“ ist ein Film über einen Neuanfang und seine Unmöglichkeit. Barbara selbst hat ihr Leben im Westen bereits begonnen. Sie denkt wie im Westen, sie kleidet sich wie im Westen, sie geht wie im Westen, sie guckt durch die Gegend wie im Westen. Die Tatsache, dass sie die einzige Ärztin ist, die die Patienten mit Vornamen anspricht und nur „das Mädchen“ sagt, spricht Bände. Gibt es einen subtileren Weg ein individualistisches Weltbild gegen ein anonymisierendes zu stellen?

Trotz all ihrer Bemühungen zu fliehen bleibt Barbaras Körper noch in der DDR. Noch ist sie nicht geflohen. Und so lange das nicht der Fall ist, muss sie sich fragen, ob nicht doch etwas von ihr hierbleiben wird – und zwar für immer. Die komplette Flucht wird niemandem gelingen. Ein neues Leben, wie es uns so viele Filme und Bücher vorgaukeln, kann es gar nicht geben. Und das sind nur erste flüchtige Gedanken zu diesem herausragend komplexen Film.

Man darf sich halt nicht lumpen lassen. Christian Petzold ist – das beweist er mit diesem Werk deutlicher als mit seinem bisherigen Filmen – der profilierteste und beste Autorenfilmer des Landes. Vielleicht erhält er eines Tages die breite Anerkennung die er schon längst verdient.

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Samstag, 11.02.2012: Frankophile Gehversuche

Es wird französisch gesprochen auf der Berlinale. Nach dem Eröffnungsfilm starten gleich zwei französischsprachige Filme im Wettbewerb. Außerdem versuchen alte Menschen in Schweden jung zu bleiben.

Berlinale 2012

Aus dem Senegal kommt der erste der beiden Weltpremieren im Wettbewerb - „Aujourd‘hui“ von Alain Gomis. Die Geschichte eines jungen Mannes der stirbt. Wir erfahren nicht warum er sterben wird. Aber wir begleiten diesen Mann an seinem letzten Tag. Wir sehen, wie die Familie sich um ihn versammelt, für ihn betet, ihn nochmal fühlt. Dann geht er mit einem Freund in die Stadt. Dort trifft er auf seine Ex-Freundin, alte Kumpels und den Mann, der ihn morgen – nach seinem Tod – rituell waschen soll.

Gomis‘ Film ist ein hypnotisches Stationendrama. Ein Todesmarsch eines jungen Mannes. Der Film ist immer ganz nah bei ihm. Er wandelt durch die Straßen seiner Heimatstadt und saugt das Leben förmlich auf. In diesen Momenten ist „Aujourd’hui“ subjektiv und sehr stark. Gomis verwandelt in diesen Augenblicken ein Motorradklappern und das Klirren von Schlüsseln in den Soundtrack des Lebens. Am Ende entgleitet dem Regisseur der Film ins Surreale. Szenen von Straßenschlachten und Toten wirken etwas gewollt und störend. Und dennoch ist der mythisch-hypnotische Rhythmus dieses Films einfach nur bezaubernd.

Berlinale 2012

Anders sieht es mit Frederic Videaus „Coming home“ (A moi seule) aus. Ein Film, der einen in den ersten Minuten mitten ins Gesicht schlägt. Wir sehen, ganz beiläufig, wie ein Mädchen aus dem Keller eines Mannes flüchtet, der sie acht Jahre lang festgehalten hat. „Coming home“ ist die Geschichte dieses Mädchens. Sie heißt Gaëlle (Agathe Bonitzer). In einer leicht irritierenden Rückblendenstruktur erzählt der Regisseur sowohl vom Alltag mit dem Kidnapper als auch von den Schwierigkeiten Gaëlles sich in der neu gewonnenen Freiheit zu Recht zu finden.

Der Film ist weniger radikal als Markus Schleinzers „Michael“, der eine ähnliche Geschichte aus der Sicht des Täters erzählte. Doch „Coming home“ lotet nur sehr zaghaft das Stockholm-Syndrom zwischen Entführer und Opfer aus. Er will jedem ein bisschen Platz einräumen und kann deshalb keinen Fokus finden. Überhaupt muss man sagen, dass dieses Thema der langjährigen Kindesentführung nur sehr problematisch im Kino funktioniert. Vielleicht ist hier noch kein Platz dafür. „Coming home“ kann dem jedenfalls keine neue Sichtweise entlocken. Er bleibt seltsam kühl und distanziert wie seine Protagonistin.

Alter Schwede

Berlinale 2012

Janne will einen Club eröffnen, einen exklusiven, irgendwo im schwedischen Norden. Er soll „Avalon“ heißen, nach dem gleichnamigen Song von Roxie Music. Ein Song, der von einer Welt der „jungen Alten“ erzählt, von ihrem Kampf gegen das Älterwerden und der Seligkeit des Jungseins. Deshalb heißt der Film des schwedischen Regisseurs Axel Petersén auch „Avalon“. In grobkörnigen, ausgeblichenen Bildern und mit einer nervösen Kamera folgt er dem alten Janne, der stets mit Sportjackett und Luxusauto seine Jugend konservieren möchte. Jugendlicher Leichtsinn ist es dann auch, der dazu führt, dass Janne einen litauischen Bauarbeiter vom Geländer stößt. Der Mann, ein Schwarzarbeiter, der mit dem Geld sein Jurastudium finanzieren wollte, ist tot. Janne, seiner Frau und ein Freund beauftragen Männer, die die Leiche wegschaffen sollen. Doch die setzen die drei mit höheren Geldforderungen unter Druck.

Peterséns Film mäandert, kann sich nicht entscheiden, die Idee von den gewissenlosen „jungen Alten“ bleibt als solche unterentwickelt. Selbst der Look des Films ist eher Behauptung. Die flirrende Kamera, die Nähe und Unmittelbarkeit suggerieren soll, wirkt über weite Strecken etwas affektiert. Sie hat nichts tröstendes, nichts direktes, wie es die Kamera in den Filmen der Gebrüder Dardennes hat. „Avalon“ ist daher von vornherein eine eher ziellose Reise. Am Ende sitzen drei sichtlich gealterte Menschen in einem Boot, paddeln einen Fluss hinauf. Ausgelaugt von einer nächtlichen Flucht aber auch vom jahrelangen Selbstbetrug hecheln sie erschöpft, während die kalte nordschwedische Sonne aufgeht. Hier kann der Film dann doch noch etwas vermitteln von der Enttäuschung, wenn sich Avalon als das erweist, was es nur sein kann – eine Fata Morgana. 

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Freitag, 10.02.2012: Fehlende Tiefe

Eine Eierlegende Wollmilchsau – das muss ein Eröffnungsfilm eines großen Festivals sein. Er muss Lust aufs Kino machen, erste Themen und Motive des Wettbewerbs vorgeben, und er darf das Promipublikum der Eröffnungsgala nicht überfordern. Letzteres sollte „Les Adieux a la Reine“ ohne Probleme gelingen. Denn trotz hoher Ambitionen kann er nicht überzeugen.

Der Fluch des Eröffnungsfilms trifft dieses Jahr die Berlinale besonders hart. Eigentlich sollte Scorseses „Hugo Cabret“ das Festival eröffnen, doch die möglichen Oscar-Chancen haben den Weltverleih dazu bewogen, den Film nicht exklusiv für eine Berlinale-Premiere freizugeben. So hat man sich – aus Verzweiflung? – für ein vorrevolutionäres Kostümdrama von Benoît Jacquot entschieden. Ein schwacher Film, der seiner durchaus interessanten Grundintention keine Stimme verleihen kann.

Köpfe werden rollen!

Berlinale 2012

Im Mittelpunkt von „Leb wohl, meine Königin!“ steht die königliche Vorleserin Sidonie Laborde (Léa Seydoux). Sie verbringt viel Zeit mit Marie Antoinette (Diane Kruger) und ist eine der ersten, die von den Pariser Unruhen erfährt. Aber auch sie ahnt nicht, dass mit den Protesten aus der Hauptstadt das ganze Leben am Hofe zu Ende gehen wird.

Innerhalb von vier Tagen aus dem Juli 1789 erzähl Jacquot von der Atmosphäre am Hofe am Vorabend der Französischen Revolution. Er wählt dabei die Perspektive der Bediensteten. Es geht dem Regisseur – das wird deutlich – um eine gewisse Unmittelbarkeit. Er will, dass wir spüren, wie das Luxusleben in Versailles nachhaltig gestört wird und anschließend untergeht. Formal setzt er dabei auf eine wackelnde Digitalkamera, die das Publikum möglichst direkt und hautnah das Geschehen erleben lassen soll. Und in zwei, drei Momenten gelingt ihm das tatsächlich. Wenn sich die Diener in einer Nacht auf dem Flur versammeln und Flugblätter aus Paris verlesen, die die Köpfe aller Adligen am Hofe fordern. Hier werden die Panik und die Angst der Herrschenden aber auch ihrer Gefolgschaft spürbar. Hier ist die Spannung versteckt: Wie verhalten sich die Diener? Sie sind nicht wirklich Volk, nicht wirklich Adel – in dieser Zwischenposition ist hochexplosiver Stoff versteckt, der den Film jedoch zu wenig interessiert.

Berlinale 2012

„Leb wohl, meine Königin!“ erzählt lieber vom Verhältnis der Königin Marie Antoinette (Diane Kruger) zu ihrer Vorleserin und zu anderen Frauen am Hofe. Schüchtern intime Blicke, lesbische Küsse, devote Zweisamkeit – was soll das? In diesem Teil des Films scheitert die Inszenierung an überflüssigen – weil völlig uninteressanten – Psychogrammversuchen. Da reicht es nicht zu zeigen, wie Marie Antoinette ihren Schmuck in Sicherheit bringen möchte, um zu sagen, dass mit dem Machtverlust auch ein massiver Geldverlust einhergeht. Besonders ärgerlich ist die Distanz, die der Film versprüht. Er lässt einen emotional kalt. Seltsam bei einem solch brisantem Stoff.

Natürlich soll das alles hier gegenwärtig und aktuell sein. Gerade bei der Pressekonferenz wurde deutlich, wie schwer sich alle Beteiligten taten, diesen Film möglichst aktuell wirken zu lassen. Aber arabischer Frühling hin oder her, man tut dem Film absolut keinen Gefallen ihn als große Parabel unserer Zeit zu lesen. Dazu ist er beim besten Willen nicht tief genug. Die einzig wirklich tiefen Stellen in „Leb wohl, meine Königin!“ sind die Dekolletés von Kruger und Co.

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Donnerstag, 09.02.2012: Warten, bis es dunkel wird

Noch bevor der erste Film gezeigt wurde ist das Murren und Nörgeln im Blätterwald lauter zu vernehmen als in den letzten Jahren. Zu groß die Enttäuschung über die Qualität des letztjährigen Wettbewerbs, zu groß die Befürchtung, auch dieses Jahr nur wenig cineastische Substanz geboten zu bekommen. Keine Stars! Kein Mut! Keine Visionen! Kurz um: Alles so wie immer.

Berlinale 2012

Wie bei so vielen Kontroversen ist die Diskussion um die vermeintliche Schwäche der Berlinale eine Sache der Perspektive. Festivalleiter Dieter Kosslick, dessen Vertragsverlängerung bis 2016 bei einigen Beobachtern für Bauchschmerzen gesorgt hat, verteidigt – spürbar pragmatischer als in den Vorjahren – seine Festivalpolitik. Schuld für das Wegbleiben von namhaften Autorenfilmern, aber auch größeren Hollywood-Blockbustern sind der frühe Oscartermin, die Internetpiraterie und die großen Weltvertriebe (die ihre Filme lieber für Cannes aufheben, oder ihre Werke lieber gleich weltweit und zur gleichen Zeit in die Kinos bringen). Er hat damit sicherlich Recht, genauso wie seine Kritiker Recht haben, die argumentieren, dass die Wettbewerbsauswahl der Berlinale zu sehr einem polit-pädagogischen Weltkino huldigt und so zeitgenössische, neue und aufregende Kinoentwicklungen arg vernachlässigt und missachtet. Und schließlich ist da auch noch das Publikum, das die Berlinale zu dem macht, was sie auch ist – und vor allem sein möchte –: nämlich zu einem deutschlandweit einmaligen Kinoevent. Was will eigentlich dieses „Publikum“? Ist es immer zufrieden mit den (dieses Jahr nahezu 400) Filmen, die das Festival ihnen zeigt? Selbst der größte Ticketverkaufsrekord mag über die Akzeptanz des nicht-professionellen Berlinale-Besuchers keine Auskunft geben. Gedanken und Fragen, die uns sicherlich am Ende des Festivals nochmal beschäftigen werden. Doch zunächst sollten wir möglichst unvoreingenommen auf das Programm blicken.

Was uns erwartet

Berlinale 2012

Zunächst die Fakten: 23 Filme sind im offiziellen Wettbewerb zu sehen, wobei eine schlanke, übersichtliche Zahl von 18 Titeln um den Goldenen und die silbernen Bären konkurrieren wird. Aus cineastischer Sicht muss man sicherlich erwähnen, dass mit dem Filipino Brillante Mendoza („Captive“) und dem Portugiesen Miguel Gomes („Tabu“) zwei Autorenfilmer vertreten sind, die momentan zu den interessantesten Filmkünstlern überhaupt gehören. Doch dann fällt schon erschreckenderweise auf, dass bis auf Billy Bob Thorntons „Jane Mansfield’s Car“ (eine amerikanisch-russische Koproduktion) kein Film aus den USA in der Konkurrenz läuft. Filme wie Stephen Daldrys „Extremly Loud and Incredibly Close“, James Marshs „Shadow Dancer“ oder Declan Donnellans und Nick Ormerods „Bel Ami“ werden zwar gezeigt, doch laufen sie nur außerhalb der Konkurrenz, sorgen für die nötigen Stars auf dem roten Teppich, sind dann aber auch meistens „nur“ internationale Premieren, oder – wie in Steven Soderberghs Fall (er zeigt seinen Actionfilm „Haywire“) – sogar lediglich eine Deutschlandpremiere. Es ist auch dieser entscheidende Faktor, der Faktor „Weltpremiere“, der dazu führt, dass Angelina Jolies Regiedebüt „In the Land of Milk and Honey“ und Werner Herzogs Dokumentarfilm „Death Row“ in der Sammelbecken-Sektion “Special“ abgeschoben werden.

Alte Bekannte und ein riskanter Plan

Berlinale 2012

Für viele sicherlich erfreulich: Gleich drei deutsche Filme werden im Wettbewerb gezeigt. Mit Christian Petzold („Barbara“), Matthias Glasner („Gnade“) und Hans-Christian Schmid (“Was bleibt”) sind es aber die „üblichen Verdächtigen“, also Regisseure, die bereits mit ihren früheren Werken im Berlinale-Palast liefen. Blickt man auf die Inhaltsangaben der Filme, dann bemerkt man etwas beunruhigt, dass das deutsche Kino seinen Fokus immer noch auf das Private und Persönliche lenkt. Man wird daher abwarten müssen, ob sich diese Filme gegenüber der internationalen Konkurrenz behaupten können. Und diese Konkurrenz ist noch namenlos, unbekannt, ja, zum Teil noch jungfräulich für die meisten Kinogängerohren.

Was für einen Film hat der Ungar Benec Fliegauf (der zuvor den schrecklichen „Womb“ mit Eva Green gemacht hat) gedreht? „Just in the wind“ nimmt angeblich das harte Schicksal der Sinti und Roma in Ungarn auf. Was für eine Welt wird uns der Indonesier Edwin zeigen? Sein Film „Postcards from the Zoo“ soll wohl die Geschichte eines Kindes erzählen, das von einem Zoowärter großgezogen wird. Kann das 188-Minuten Epos des ehemaligen Berlinale-Gewinners Wang Quan’an („Tuyas Hochzeit“) „White Deer Plain“ so radikal, riskant und kontrovers sein, wie es die literarische Vorlage war? Wird das Werk, dessen Erzählbogen sich über nahezu 60 Jahre turbulenter chinesischer Geschichte spannt, sich mit Meisterwerken wie Zhang Yimous „Leben!“ oder Hou Hsiao-hsiens „City of Sadness“ messen können? Kann der junge, radikale griechische Filmemacher Spiros Stathoulopoulos mit einer unkonventionellen Liebesgeschichte zwischen einem Mönch und einer Nonne im 12. Jahrhundert die Leinwand zum Glühen bringen? Und welche Bilder wird die Schweizerin Ursula Meier (zuvor mit „Home“ sehr erfolgreich in den deutschen Kinos) in ihrer Geschichte eines Geschwisterpaars in den Alpen („L’enfant d’en haut“) produzieren?

Wir wissen es nicht, können nur mutmaßen und werden uns überraschen lassen müssen. Die Planung des Wettbewerbs erscheint riskant, wenn man bedenkt, dass viele Regisseure vertreten sind, die ihre Zweitwerke präsentieren. Zu häufig folgt auf ein vielversprechendes Debüt eine enttäuschende Filmemacherei. Aber: wenn nur eine Handvoll dieser Werke auf eine neue Handschrift verweisen, einen Autoren vielleicht, den wir in zehn, fünfzehn Jahren als alten Bekannten des Kinos bezeichnen, dann wäre die riskante Festivalplanung aufgegangen. Dann wäre (Konjunktiv beachten) dem Festival tatsächlich ein Coup gelungen.

Eine Cannes-Jury im Berlinale-Palast

Die Entscheidung darüber trifft wie immer eine Jury, die dieses Jahr das wahre Highlight des Festivals ist. Präsident ist niemand geringeres als der Tschechow des europäischen Films, der Engländer Mike Leigh („Another Year“, „Happy-Go-Lucky“). Ihm zur Seite steht eine unglaublich namhafte Riege an Darstellern und Filmemachern, die ohne Frage das hohe Niveau einer Cannes-Jury stemmen könnte.

Berlinale 2012

Da wären: Die französische Ausnahmedarstellerin Charlotte Gainsbourg („Antichrist“, „Melancholia“), der niederländische Fotograf und Filmemacher Anton Corbijn („Control“), der Regisseur und letztjährige Berlinale-Gewinner Asghar Farhadi („About Elly“, „Nader und Simin. Eine Trennung“), der US-Schauspieler Jack Gyllenhall („Brokeback Mountain“), Fassbinder-Muse Barabara Sukowa, der algerische Autor und mehrfacher Anwärter auf den Literatur-Nobelpreis Boualem Sansal. Und schließlich der französische Regisseur Francois Ozon („Potiche“, „8 Frauen“, „Ricky“). Diese Jury ist nicht nur hochkarätig besetzt, sie ist auch vom Fach. Genau eine solche wird es wohl auch brauchen, damit die Preise am Ende eine gewisse Konsequenz aufweisen, damit das Markenzeichen „Berlinale-Gewinner“ ein größeres internationales Gewicht erlangt.

Was sonst noch läuft …

Was sollte man noch erwähnen? Im Forum, Panorama, Generation, bei den Shorts, der Hommage, laufen so viele Filme, die man unmöglich alle sehen kann, die aber ohne Weiteres vier bis fünf andere Festivals füllen könnten. Filme von Volker Schlöndorff, Tony Gatlif, Pen-Ek Raranaruang, Naoko Ogigami, Andreas Dresen, Ira Sachs, So-Jong Kim, Cao Hamburger und natürlich viele Unbekannte, viele Filme aus Regionen, über die uns nicht mal die Nachrichten informieren. Besondere Beachtung sollte man vielleicht der diesjährigen Retrospektive „Die rote Traumfabrik“ schenken. Sie zeigt bisher so gut wie unbekannte Werke und Produktionen der deutsch-russischen Filmstudios Meschrabpom-Film und Prometheus. Es wird auch die erste und einzige Möglichkeit einige dieser Werke zu entdecken, da sie nach der Berlinale nur noch einmal im New Yorker Museum of Modern Art präsentiert werden. Dann verschwinden sie in den Archiven, aus denen sie in mühevoller Arbeit ausgegraben wurden.

Schatzgräber, das werden wir dieses Jahr vor allem sein müssen. Getrieben von der Hoffnung, jeder Spatenstich werde die sehnsüchtige Erwartung stillen und jenen Schatz zum Vorschein bringen, der für die ganze Mühe entschädigt. Also: rein in die Kinosessel und warten, bis es dunkel wird!

Bilder: Copyright Berlinale


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